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Isle of Arran Destillers: Wo Whisky verdünnen fast schon Pflicht ist

Die schottische Whisky-Landschaft ist nur noch dem Namen nach vielfältig. Fast alle Destillen werden von großen Spirituosenherstellern kontrolliert. Eine kleine Brennerei auf Arran stemmt sich gegen den Trend. 

Von Henry Lübberstedt

Meine Nase taucht ins Glas. Es duftet leicht nach Honig, auch Marzipan meine ich zu entdecken. Tief ziehe ich die Aromen durch die Nase und nehme einen Schluck. Verdammt, es brennt wie die Hölle! Von wegen süß! John lacht. "Vorsicht, der hat gut 50 Prozent Alkoholgehalt  Du musst diesen Whisky mit Wasser verdünnen, um ihn zu erfassen".

Zu erfassen gibt es reichlich. Etwa 20 Flaschen stehen Spalier vor mir. Ich sitze beim Tasting in einer der wenigen unabhängigen Whisky-Brennereien Schottlands: der "Isle of Arran Destillers". In der Hand schwenke ich in herrlich tiefgoldener Farbe den "Sauternes Cask Finish". Farbe und Süße hat dieser Whisky von seinem kurzen Ausflug in ein Süßweinfass mitgebracht. Und tatsächlich: Verdünnt mit nur einer Pipette Wasser kommen die süßen Aromen durch. Mein "Tasting-Guide" John hatte Recht.

Angetreten zum Verkosten: Das Sortiment der Arran Desillery.

Angetreten zum Verkosten: Das Sortiment der Arran Desillery. Die unterschiedliche Färbung rührt unter anderem aus der Nachlagerung des Whiskys in Weinfässern.

"Verdünnen ist keine Sünde!", stellt der hagere Mann klar. Der frisch destillierte Whisky wird mit 63,5 Prozent Alkoholgehalt ins Fass gefüllt und reift dort mindestens zehn Jahre. Jedes Jahr entschwindet etwa ein Prozent Alkohol durch die hölzerne Wand – der "Anteil der Engel" wie die Destiller es nennen. Nach der Lagerung "dreht" der edle Stoff immer noch mit gut 50 Prozent – genug, um einem die Geschmacksnerven zu betäuben. Mit dieser sogenannten Fassstärke wandert der Whisky in die Flasche. Der Kunde soll später selbst entscheiden, wie stark er ihn genießen möchte. Ich gönne mir noch eine Pipette.

Die Nachlagerung ist eine der Ideen der Newcomer-Destille, um die Produktpalette zügig zu erweitern. Acht Jahre ruhen die Arran Single Malts in Eichenfässern, dann ziehen sie für sieben Monate für das Finish in ein Fass, in dem früher Süßwein, Amarone oder Madeira reiften. Diese Zeit genügt, um dem Whisky eine jeweils völlig andere Note und Optik zu verpassen. Die "Isle of Arran Destillers" gelten mittlerweile als die allererste Adresse für auf diese Weise veredelte Whiskys.

Die Anlage eine Whisky Destille auf Arran

Das Auge destilliert ja auch mit: Von vornherein war die kleine Destille auf Publikumsverkehr ausgelegt und hat die Anlage entsprechend in Szene gesetzt. 

Die steile Karriere der Firma ist ein kleines Wunder, denn für eine schottische Brennerei ist sie blutjung. Andere blicken auf jahrhundertealte Traditionen zurück, Arran gerade mal auf 22 Jahre. 1995 gegründet und zwei Jahre später feierlich eingeweiht von Ihrer Majestät der Königin Elizabeth II. allerhöchst persönlich. Sie kaufte dort auch gleich ein: Zwei Fässer Single Malt für die lieben Enkel, eines für Harry und eines für William. Fässer und Prinzen sind mittlerweile alt genug für den Genuss, abgeholt haben sie Omas Geschenk jedoch noch nicht.

Auf die Unabhängigkeit legen wir größten Wert, unterstreicht John gleich zu Begrüßung im Visitor Center. Es sei eine Art Credo der Destille. Wahrscheinlich weil Gründer Harold J. Currie genau wusste, wie es sich anfühlt, von einem Konzern geschluckt zu werden. Viele Jahre war er Geschäftsführer beim ehemals weltgrößten Getränkehersteller Seagram sowie bei Chivas und Pernod-Ricard.  

Vielfältig ist die schottische Whisky-Landschaft nur noch den Produktnamen nach, längst sind die meisten Brennereien von Mega-Konzernen wie Pernod-Ricard, Suntory, Barcadi und Diageo aufgekauft worden. Doch die Destille auf Arran will ihre Freiheit unbedingt bewahren, schon in Gedenken an den 2016 verstorbenen Currie.

Currie hatte sich in das Whisky-Handwerk selbst beigebracht und galt als einer der besten Master Blender Schottlands. Master Blender sind die Kreativen in der Whisky-Herstellung. Mit ihrer Erfahrung und einer ultimativen Nase "designen" sie neue Sorten. Die "Isle of Arran Destiliers" war sein Lebenstraum und es scheint, als fühle die Belegschaft eine gewisse Verantwortung. 

John ist einer der Tourguides er Isle of Arran Destillers.

John ist einer der Tourguides er Isle of Arran Destillers. Die kleine Truppe fühlt sich als Familie, sagt John. Hierarchien gäbe es kaum 

Für viele der Angestellten ist die Destille nahe des kleinen Fährhafens Lochranza ebenfalls ein Neustart. "Einige hier haben bereits ihre Karriere auf dem Festland gemacht und nach etwas Beschaulicherem gesucht, etwas mit Seele", erzählt John. Auf der schottischen Insel leben rund 5000 Einwohner, verbunden über zwei Fährlinien und zwei Stromkabel mit dem Festland. Wenn es irgendwo beschaulich zugeht, dann hier zwischen Glasgow und der von Paul McCartney schläfrig besungenen Halbinsel Kintyre. Mini-Schottland wird Arran genannt, weil die Insel Strände mit Robben, sanfte Glens und mit dem 854 Meter hohen Goatfell sogar ein wenig Highland-Feeling bietet.

Nur eines hat das Eiland nicht: eine nennenswerte Whisky-Tradition. Die letzte Destille wurde 1837 geschlossen, den Behörden galt die Insel seinerzeit ohnehin eher als Hochburg der Schwarzbrenner. Über 50 illegale Whisky-Destillen sollen damals aktiv gewesen sein und ihr flüssiges Gold nach gefährlichen Überfahrten mit hohen Gewinnen auf das Festland verkauft haben. Steuerfrei versteht sich. Viele dieser schwarzen Whiskys seien weit besser gewesen als die legalen Produkte geht die Legende. Und ein bisschen dieser Verwegenheit und des Freiheitsdranges haben sich die "Arran Destillers" marketingwirksam ins Stammbuch geschrieben. Whisky braucht solche Geschichten.

Das ist die "Hauptstraße" zur Whisky-Destille auf Arran. Völlig verschlafen und von Grund auf entschleunigt schmiegen sich die Gebäude am Ende der Straße ins kleine Tal.

Das ist die "Hauptstraße" zur Whisky-Destille auf Arran. Völlig verschlafen und von Grund auf entschleunigt schmiegen sich die Gebäude am Ende der Straße ins kleine Tal.

Die weißen flachen Gebäude schmiegen sich unscheinbar ins verschlafene Glen Eason Biorach, was  so viel wie "Tal des kleinen Wasserfalls" bedeutet. Das extrem weiche und torfige Wasser fließt vom 360 Meter höher gelegenen Loch na Davie hinab ins Tal, direkt an der Destille vorbei. Die Güte des Wassers ist entscheidend für den Geschmack des Endproduktes, die Hauptrolle spielt jedoch die gemälzte Gerste. Das Getreide beziehen die Arran Destillers von einem Anbieter an der schottischen Ostküste. Etwa die Hälfte des späteren Aromas entsteht in den Brennblasen beim Destillieren, erklärt John. Bei der Lagerung im Fass wird der Geschmack dann über viele Jahre vollendet.

"Unser Brot- und Butterprodukt ist der zehnjährige Single Malt" erläutert John. Eine Dekade im Fass ist das Minimum für die besseren Whiskys. Danach kommen die 14-Jährigen und als Spitzenprodukt der 18 Jahre lang gereifte Single Malt. Die acht Jahre Altersunterschied lassen sich deutlich erschmecken. "Der Alte" ist runder, voller, satter und eine Idee weicher, dafür mit rund 85 Euro aber auch gut doppelt so teuer wie der Zehnjährige. Eigens für den französischen Markt werde zudem ein sehr leichter Whisky hergestellt, den die Schotten wegen seines eher geringen Alkoholgehaltes hinter der Hand auch "Frühstückswhisky" nennen.

Für Einsteiger ist der Whisky aus Arran eher nichts, dafür ist er zu wenig gefällig. Wer sich hingegen schon durch diverse Sorten probiert hat und etwas Neues für den Gaumen sucht, wird bei den Arran Destillers bestimmt fündig.

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