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Bier gewinnt - Der Bierblog: Das Bier und wir – eine Doku über unsere Trinkkultur

Ist das Bier der Schlüssel zur Seele der Deutschen? Der Amerikaner Matt Sweetwood geht in seiner amüsanten Doku "Beerland" genau dieser Frage nach. Ein prickelndes Filmerlebnis.

Ist das Bier der Schlüssel zur Seele der Deutschen? Der Amerikaner Matt Sweetwood geht in seiner amüsanten Doku "Beerland" genau dieser Frage nach.

Wer oder was sind wir Deutschen? Generationen von Ausländern haben sich schon die Zähne daran ausgebissen, uns zu verstehen. Wir tun's ja selber nicht. Der Amerikaner Matt Sweetwood unternimmt in dem Dokumentarfilm "Beerland" (Dienstag, 22 Uhr im BR) einen neuen Anlauf und wählt hierfür einen prickelnden Ansatz: Er möchte uns über das Bier begreifen. Das könnte sogar gelingen: In keinem anderen Land der Welt gibt es so viele Brauereien, eine solche Vielfalt an verschiedenen Bierstilen - und wohl nirgends ist das Getränk so tief in der Kultur verwurzelt wie hier.

Und wohl nur hier gibt es Menschen wie den sympathischen Franken, der in seiner Zeit bei der Armee Bier kennen und lieben gelernt hat. Nach seinem Austritt hat er einen Weg gesucht, um weitertrinken zu können. Seine Lösung: Er musste die Tochter eines Brauers heiraten! Die traf er dann tatsächlich. Rückblickend sagt er über sie den herrlichen Satz: "Sie war hübsch und schmeckte nach Bier."

Bei seiner Suche nach "dem Deutschen" nimmt Sweetwood die Zuschauer mit auf eine unterhaltsame Reise quer durch die Republik. Es geht von den bierseligen Zentren wie dem Oktoberfest und dem Kölner Karneval, für ihn so etwas wie "Halloween mit Bier", bis an die Peripherie, wo das Bier auch abseits der großen Aufmerksamkeit in Strömen fließt. Im kleinen fränkischen Brauhaus genauso wie in der Wildeshauser Schützengilde, wo die uniformierten Kameraden gerne mal 40 Pils an einem Abend hinunterstürzen.

All das beobachtet der in Kansas City geborene Autor und Filmemacher mit dem neugierigen Blick eines Ethnologen, der eine ihm komplett neue Welt voller fremdartiger Rituale studiert. Dabei blendet er auch die negativen Begleiterscheinungen nicht aus: Bierbäuche, volltrunkene Randalierer - oder den Stammtisch in einer Berliner Eckkneipe, wo beim Pils schamlos gegen Ausländer gehetzt wird.

Das heilige Ritual des Anstoßens

Auch wenn Sweetwood bereits fast 20 Jahre in Deutschland lebt, kommt ihm vieles komisch vor, was für uns ganz selbstverständlich ist. Während wir bereits mit 16 zum Glas greifen dürfen, müssen Amerikaner fünf Jahre länger warten, ehe sie die Segnungen des Alkohols in Anspruch nehmen. Da dämmert dem Filmemacher, dass die USA vielleicht doch nicht das "Land of the Free" sind. Als geradezu heiliges Ritual sieht der 45-Jährige das gemeinsame Zuprosten und Anstoßen. Hier wird Fehlverhalten besonders hart sanktioniert und mit sieben Jahren schlechtem Sex bestraft.

Am meisten überrascht den Amerikaner aber, wie leidenschaftlich wir über die richtige Biersorte streiten. Die Deutschen betrachten Bier als Kultur, so eine erstaunte Erkenntnis: "Für mich klingt das wie ein Widerspruch in sich. Eine hochtrabende Art zu sagen, dass man sich ruhig besaufen kann", so Sweetwood. Daraus folgt für ihn: Man muss sich mit den Deutschen betrinken, um sie zu verstehen. Und genau das tut er auch.

Zuvor unternimmt er noch einen Abstecher in die Historie. Um das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Bier zu erklären, geht er bis zu Tacitus zurück. Der berichtet in seiner "Germania" bereits 98 n. Chr. von einem "heiligen Getränk". Es handelt sich dabei um einen ihm unbekannten Gerstensaft, den die Germanen in großen Mengen konsumieren. Feiern endeten hier regelmäßig mit betrunkenen Schlägereien.

Bier als "flüssiges Brot"

Auch von dieser alten Tradition erzählt der Film. Natürlich wird auch das Reinheitsgebot von 1516 erklärt und wie es dazu kommen konnte: In früheren Zeiten durfte alles Mögliche ins Bier gemischt werden, etwa Rindergalle oder psychedelische Pflanzen. Letztere führten jedoch zu Halluzinationen oder übersteigertem Sexualtrieb, die Biergelage arteten aus. Süddeutsche Mönche machten sich Sorgen um die öffentliche Moral und entdeckten schließlich die beruhigende Wirkung des Hopfens, was den Rausch sicherer machte. Überhaupt waren Mönche damals Meister der Braukunst. Denn während der Fastenzeit durften gute Katholiken nicht essen, wohl aber trinken. Daher auch das Gerede vom "flüssigen Brot" und dem "Grundnahrungsmittel" Bier.

"Beerland" stellt die Brauereitradition als die Geschichte des einfachen Volkes dar. Hier zeige sich, wie die Deutschen ihren romantischen Wunsch nach einer Volkskultur mit pragmatischem Ingenieurskönnen verbanden. Das führte etwa dazu, dass der Ingenieur Carl von Linde 1871 eher zufällig den Kühlschrank erfand, als er eine Kältemaschine für den Brauprozess entwickelte.

Durch Anekdoten wie diese gerät die Doku mehr zu einer Erkundung der deutschen Kultur allgemein als des Biers. Insgesamt ergibt die Bierkultur in diesem Film kein einheitliches Bild. Sie ist - wie wir selbst - voller Widersprüche: Die Deutschen glauben, Bier vereine sie, aber es ist gleichzeitig das, was sie unterscheidet. Denn jede Region hat ihre eigenen Biere. Allein Oberfranken, die Gegend rund um Bamberg, beherbergt 365 Brauereien, das macht eine Brauerei pro 150 Einwohner. Wer soll da noch durchblicken?

Und so schließt der Regisseur mit einem etwas resignierten Fazit: "Ich müsste die nächsten 13 Jahre jeden Tag ein neues Bier trinken, um alle einmal zu probieren." Das scheint tatsächlich ein schwieriges Unterfangen. Man muss aber auch nicht alle Biere probieren, es lohnt sich ja schon, so oft wie möglich etwas Neues kennenzulernen. Seit wir unseren Bierblog schreiben, bekommen wir von netten Menschen ständig neue Biere geschenkt. Unsere Kollegin Nina war kürzlich im Harz und brachte uns ein Altenauer Edelpils mit, goldgelb in der Farbe und herrlich würzig im Geschmack. Es hat mir den Blick auf eine Region eröffnet, die mir vorher durch Hasseröder versperrt war. Es gibt viel zu entdecken - fangen wir an!

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