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Starbucks: Surfen auf der Kaffeewelle

In den USA greift eine Welle der "Starbuckisierung" um sich. Der tägliche Besuch im Starbucks- Café gehört bereits zum Lebensrhythmus vieler Amerikaner. Jetzt untersuchen sogar Wissenschaftler dieses Phänomen.

Die Jura-Studentin Oamh Ho geht fünf Mal in der Woche in ein Starbucks-Café in Washington. Die 29-jährige Amerikanerin schlürft ihren Cafe Latte und surft auf dem Laptop im Internet. "Die Cafés sind sauber, die Atmosphäre ist entspannt, ich mag das", sagt sie. "Einige meiner Freunde sind richtig süchtig nach Starbucks." In der US-Fastfoodkultur hat sich Starbucks im Alltag der amerikanischen Städter etabliert. Ob zum Frühstück oder nach der Arbeit, viele Amerikaner passen wie Oamh Ho den täglichen Besuch in einem der 8000 Cafés in ihren Lebensrhythmus ein.

In den USA befassen sich sogar Wissenschaftler mit dem Phänomen: "Starbuckisierung" der Gesellschaft nennt der Soziologe George Ritzer von der Universität von Maryland die Entwicklung. "Starbucks befriedigt die Sehnsüchte der Menschen", meint Professor Bryant Simon von der Universität von North Carolina, der ein Buch über Starbucks' Einfluss auf die US-Gesellschaft schreibt. "Das Unternehmen bietet Luxusgefühl und heile Welt." Während Starbucks Kunden animiere, möglichst lange im Café zu bleiben, sei das bei Fastfoodketten wie McDonalds anders, sagt Ritzer. "Die mögen Kunden, die das Geschäft gar nicht erst betreten und vom Auto aus bestellen."

Musik ist erst der Anfang

Das Unternehmen nutzt seinen Kultstatus gezielt, um neue Geschäftsfelder zu erschließen. So verkauft Starbucks neben Kaffee und Kuchen bereits CDs. Im vergangenen Jahr waren es 3,5 Millionen, 307 Prozent mehr als im Vorjahr, sagt Manager Ken Lombard. Er leitet die neue Tochterfirma "Starbucks Entertainment", die das Musikgeschäft vorantreiben soll. Die US-Presse spekuliert schon über Werbeverträge mit Show-Größen wie Bono, Mick Jagger und Prince.

Musik ist erst der Anfang. Um den Einfluss auf den modernen Lifestyle weiter zu vertiefen, will die Kaffee-Kette künftig auch Filme und Bücher vermarkten. Wie das funktionieren kann, zeigt das Beispiel des US-Kinofilms "Akeelah and the Bee". Vor dem Anlaufen im April wurde in den Cafés schon für den Film geworben. Auch die DVD dazu soll in den Cafés verkauft werden.

Weitere Punkte bei seinen jungen Kunden versuche Starbucks zu sammeln, indem es an einem Image als Vorzeigefirma für soziale Gerechtigkeit bastelt, sagt Simon. "Stimmungsvolle Poster und Fotos von Kaffeepflückern in den Cafés sollen den Eindruck vermitteln, dass hier die Globalisierung funktioniert, dass Starbucks für Kaffeetrinker und Kaffeefarmer gleichermaßen gut ist."

Skepsis gegenüber "fairem" Kaffee

Nach eigenen Angaben kaufte Starbucks 2005 rund zehn Prozent des so genannten Fair-Trade-Kaffees (fair gehandelter Kaffee), für den Farmer in Südamerika und Afrika nicht ausgebeutet werden und einen guten Preis erhalten. Kritiker wie die Verbraucherinitiative "Organic Consumers Association" sind skeptisch. Sprecher Craig Minowa verweist auf einen Testkauf der Mitglieder: "Viele unserer Testkäufer bekamen selbst auf ausdrücklichen Wunsch keinen Fair-Trade-Kaffee. Manche Starbucks-Verkäufer wussten nicht einmal, was das ist und meinten, die Geschmacksrichtung Fair-Trade sei gerade nicht im Angebot."

Dass die "Starbuckisierung" auf Deutschland übergreift, hält Ritzer für unwahrscheinlich. "Starbucks hat Probleme in Ländern, in denen bereits eine Kaffee-Kultur existiert." Der Chef der Starbucks Deutschland GmbH, Cornelius Everke, sagt optimistisch, er bekomme täglich Anfragen von Kunden, "wann wir in ihre Stadt kommen". In Deutschland wurden in vier Jahren 62 Cafés aufgemacht. In Großbritannien entstanden dagegen in acht Jahren mehr als 500. Die Deutschen seien es gewöhnt, ihren Kaffee selbst zu kochen, sagt Ritzer. Der Vorteil: Es ist billiger.

Mindestens fünf Dollar (4,16 Euro) lässt Studentin Oamh Ho jeden Tag bei Starbucks. "Das tut mir schon ein bisschen weh", sagt sie. Es gibt eine Webseite, auf der Studenten ausrechnen können, was für ein Loch der Café-Besuch in ihr Budget reißt. Oamh Ho könnte danach in fünf Jahren rund 3000 Euro sparen, wenn sie ihren Kaffee selbst kochen würde.

Lars-Marten Nagel/DPA / DPA