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Deutschlands schönste Weingebiete: Weingebiet Rheingau – zwischen Welterbe und Reben

Im Landstrich zwischen Hochheim und Lorch am Rhein beginnt die neue stern-Serie über Deutschlands schönste Weingebiete. Sie führt zu Welterbe und Winzern.

Von Michael Stoessinger

Weingebiet Rheingau: 15 Hektar zwischen Welterbe und Reben

Blick auf den kleinen und großen Lorcher Werth, zwei von vielen kleinen Rheininseln. Im Vordergrund die Rheingauer Weinhänge zwischen Assmannshausen und Lorch.

Es gibt viele Wege, sich dem Rheingau zu nähern, geografisch, historisch, literarisch. Allen Annäherungen gemein ist: der Wein. Natürlich gelingt ein Leben nur mit Apfelschorle und Mineralwasser, ergibt aber keinen Sinn. Und so verschwindet an einem Spätsommerabend in Eltville ein Gast am Weinprobierstand in Sekundenbruchteilen spurlos. Jedenfalls aus der Perspektive der Wirtin. "Gerade hatte die noch auf mich eingeredet, da war sie fott. Plumps. Kam dann aber wieder hoch für ein weiteres Gläschen."

Rheinromantik

In der Vinothek des Klosters Eberbach lassen die Besucher bei einem Glas den einstündigen Rundgang ausklingen. Aufgekratzt ist die Stimmung, wie auch nicht: Wo schon lässt sich besser eine leise Ahnung bekommen von der Ewigkeit? Den modrigen Geruch des fast 900 Jahre alten Weinkellergewölbes noch in der Nase, sticht aus dem allgemeinen, halblauten Gemurmel heraus: "Tja, schon beeindruckend, was die Mönche da auf die Beine gestellt haben. Muss man sich mal vorstellen, vor einem halben Jahrtausend oder so. Ich finde nur, dass Jesus zu kurz gekommen ist bei der Führung. Aber der Wein!"

Filmkulisse: der historische, fast 900 Jahre alte Weinkeller im Kloster Eberbach

Filmkulisse: der historische, fast 900 Jahre alte Weinkeller im Kloster Eberbach

Im Brentanohaus zu Oestrich-Winkel führt die Baronin gleichen Namens, Angela, durch die Räumlichkeiten. Vom roten Salon, dem gesellschaftlichen Zentrum der Rheinromantiker, gehen zwei miteinander verbundene Zimmerchen ab, Bettstatt das eine, Schreibklause das andere. Hier nächtigte und arbeitete der deutsche Dichterfürst. Morgens wohl griesgrämig aufgelegt, erwachte der 1814 längst berühmte Sommerfrischler nachmittags zu neuem Leben. "An diesem Schreibtisch schrieb Goethe am Schenkenbuch aus dem ‚West- östlichen Divan‘, das ja hauptsächlich Wein- und Trinklieder enthält", erzählt die Baronin. "Er ist ja bekannt dafür, dass er gerne und nicht zu knapp dem Wein zugetan war. Die Landschaft tat ihr Übriges." Und stimulierte den Geheimrat zum Überschwang: "Zu des Rheins gestreckten Hügeln/Hochgesegneten Gebreiten,/Auen, die den Fluß bespiegeln,/Weingeschmückten Landesweiten/Möget, mit Gedankenflügeln,/Ihr den treuen Freund begleiten."

Eine gewaltige Laune der Natur hat dem Landstrich zwischen Lorch im Nordwesten und Hochheim im Südosten seine segensreiche Prägung gegeben. Bis Hochheim noch in nördlicher Richtung, verlässt der Rhein seine Route, schwenkt nach links und fließt nun – parallel zum Sonnenlauf – für etwa 35 Kilometer an Rüdesheim vorbei westwärts. Ein Gottesgeschenk vor allem für die Winzer, ist der Fluss doch Sonnenreflektor und Feuchtigkeitsspender. Der Riesling dominiert hier den Weinbau, fast 80 Prozent der Flächen sind mit der deutschen Weltklasse-Traube bestockt.

Ein elegantes Paar, das filigrane Weine produziert: Désirée Eser Freifrau zu Knyphausen und ihr Mann, Dodo Freiherr zu Knyphausen

Ein elegantes Paar, das filigrane Weine produziert: Désirée Eser Freifrau zu Knyphausen und ihr Mann, Dodo Freiherr zu Knyphausen

Sanft fallen die Hügel zur Rheinebene ab, der Taunus schützt als Wetterbarriere vor kalten Nordwinden. Ideale Bedingungen für Wein und Winzer. Sie keltern mit ihren Trauben auch Tagesstimmungen; die frühmorgendlichen Rheinnebel, lössbodenwarme Vormittagsaromen, die kühlblauen Stunden des Frühabends. Es sind Menschen wie Gundolf und Gilbert Laquai, Matthias Corvers, Désirée Eser Freifrau zu Knyphausen und ihr Mann Dodo Freiherr zu Knyphausen.

Einzigartige Vielfalt

2007 schon hat Désirée Eser zu Knyp­hausen das väterliche Prädikatsweingut August Eser in Oestrich-Winkel übernommen. In der zehnten Generation die erste Frau. Auf dem Tisch im Innenhof des Gutes, mitten im historischen Ortskern von Oestrich, brabbelt schon die elfte: Constantin, zwölf Monate alt. "Natürlich hoffen wir, dass es weitergeht mit der Familientradition", sagt die Freifrau. Dafür sei es wichtig, sich Freiraum zu nehmen, "sonst werden unsere Kinder später keinen Spaß an diesem Beruf haben". Anders als viele andere haben die Eser zu Knyphausens weder Gutsausschank noch Hotelzimmer noch sonstige Nebenattraktionen. "Wir konzentrieren uns zu 100 Prozent auf unser Weingut. Unsere Auszeichnungen und Weinprämierungen geben uns da recht", sagt die Freifrau. Die elf Hektar sind in 17 Einzellagen – vom Aueboden bis zur Steillage – weit über den Rheingau verteilt; mehr (geschmackliche) Vielfalt geht kaum.

Meisterhaftes Fachwerk: Das Oestricher Ensemble an der Rheinallee ist stilbildend

Meisterhaftes Fachwerk: Das Oestricher Ensemble an der Rheinallee ist stilbildend

Die beiden, Désirée und Dodo, kennen sich von klein auf, verloren sich aus den Augen und trafen sich wieder, wo sich viele aus der jungen Winzergeneration wiedersehen: an der Hochschule für Weinbau in Geisenheim. Ein filigranes Paar, das filigranen Wein ausbaut und dem man die Schwere der Arbeit nicht ansieht. Winzer ist, mehr denn je vielleicht, ein Ganz­jahresjob. Es gebe immer noch Leute, die glaubten, die Winzerei beschränke sich auf ein paar Wochen im Jahr. "Weinbergmanagement ist ganzjährig, gerade auch bezüglich der Nachhaltigkeit und Technik", sagt Dodo zu Knyphausen. Und abends wollen die Kommunikationskanäle bedient werden – der Blog auf der Homepage, der Onlineshop. "Auch damit versuchen wir, den Kunden unseren Weingut-Alltag näherzubringen", sagt sie.

Und dann sind die Knyphausens natürlich unterwegs, reisen zu ihren Fachhändlern, machen Station bei Gastronomen. "Es ist enorm wichtig", sagt Dodo zu Knyphausen, "dass die Weinqualität auch ein Gesicht bekommt." In diesem Geschäft verhält es sich wie in allen gesellschaftlichen Bereichen: Das Kundengeschäft ist so volatil wie das Wetter. Aber, sagt Désirée Eser zu Knyp­hausen, "nennen Sie mir ein Produkt – mit Ausnahme vielleicht des Werks eines Künstlers –, das ein derart kom­plexes Erfolgserlebnis bietet. Sie bauen an, pflegen und hegen, ernten, bauen einen Wein aus, füllen ihn ab, genießen die Produkte ihrer zum großen Teil händischen Arbeit. Und können sie noch verkaufen."

Aus Liebe zur Natur

Spricht man mit den Rheingau-Winzern, so findet sich nichts von jenem Kitschkommerz, der einen ein paar Kilometer von Oestrich entfernt rheinab auf Schritt und Tritt in Rüdesheim verfolgt. Ein schneller Blick noch in die Drosselgasse, wo an einem Freitag gerade ein Doppeltrupp Amerikaner aus den Anhängern zweier als Dieselloks getarnter Trecker klettert und sich in den Lindenwirt ergießt. Und zwar zu den Liveklängen von "In München steht ein Hofbräuhaus, oans, zwoa, gsuffa". Vom Mittleren Westen aus betrachtet liegen Rüdesheim und München vermutlich eng beieinander.

Prüfender Blick auf die Spätburgundertrauben: Gundolf Laquai. Er bewirtschaftet mit Bruder Gilbert das Lorcher Familienweingut.

Prüfender Blick auf die Spätburgundertrauben: Gundolf Laquai. Er bewirtschaftet mit Bruder Gilbert das Lorcher Familienweingut.

Man muss die Auswüchse des Massentourismus flugs hinter sich lassen, um zum Urwuchs dieses Landstrichs zu gelangen. Das geht recht gut mit der Gondel hinauf zum Niederwalddenkmal, wo gerade Chinesen die Germania auf dem Boden liegend von unten fotografieren, der Dramatik wegen. Weiter gehtʼs, aber nicht durch den Wald, sondern über die Weinterrassen-Wege, durch die Steillagen des weltberühmten Assmannshäuser Höllenbergs und hinunter nach Assmannshausen. Einige gondeln nun wieder hoch, viele nehmen der Rheinromantik wegen das Bötchen zurück nach Rüdesheim. Wer aber nun noch ein Stück den Rhein hinunterreist, gelangt nach Lorch, wo das liebliche Land sich wandelt, verdichtet und die Rheinromantik spiegelt. Drüben auf der "Ebschen Seite" – ebsch heißt so viel wie scheps und wird von den Anrainern beider Seiten benutzt – wird Buschwerk zum dichten, dunklen Wald; un­verfälscht, ursprünglich. Ganz so, wie es Clemens Brentano in seinem die Romantik begründenden Gedicht "Zu Bacharach am Rheine" beschrieben hat, ein Vierteljahrhundert später aufgenommen vom Filou Heinrich Heine, der Brentanos Zauberin Lore Lay umdichtete zur Rheinnixe Lore-Ley: "Die schönste Jungfrau sitzet/Dort oben wunderbar;/Ihr goldnes Geschmeide blitzet,/Sie kämmt ihr goldenes Haar." Der Loreley-Felsen liegt fast um die Ecke, mitten im Weltkulturerbe Oberes Mittelrheintal.

Dass die Landschaft hoch über Lorch nicht so aussieht wie auf der, nun ja, anderen ebschen, der bewaldeten Seite, ist Menschen wie den Brüdern Laquai zu verdanken. Sie kultivieren die Steillagen in meist mühsamer Handarbeit, rekulti­vieren Brachen, legen jahrhundertealte Trockenmauern frei. Dass der Wein weit mehr ist als ein Geschäft, eine Existenzgrundlage, versteht man, wenn Gundolf Laquai von Bodenbegrünung gegen die Bodenerosion spricht, von altem Rebholz und dem Trester, die wir der "Natur zurückgegeben", von Ökostrom und Brauchwasser. Und von jenem seltenen Zippammer-Pärchen, das ein Ornithologie-Professor aus Aachen entdeckte am Schlossberg – und nun Jahr für Jahr aufsucht. "Was wir machen, ist gelebter Naturschutz, wir bieten Räume für Pflanzen und Tierarten. Ohne die Weinbergskultur herrschten im Rheingau dunkle kalte Räume, Brombeerbrachen. Was wir hier schaffen, ist also auch eine Rückbindung an das Weltkulturerbe." Und touristisches Anliegen: Wer reiste schon gern zu Brombeerhügeln?

Turbo-Tomaten

Die Weinbergskultur aber, sagt Laquai, werde gerade von jüngeren Menschen entdeckt, Wanderern und Naturfreunden in den Vierzigern, "die die Schönheit unserer Heimat bestaunen. Plötzlich denken die anders über Weine aus Chile oder Südafrika. Sie können den Winzern hier über die Schulter sehen, mit ihnen ins Gespräch kommen, in die Weinberge gehen. Alles schauen, alles anfassen und dann einen Tropfen trinken, zu dem man einen direkten Bezug hat."

Und wie verhält es sich nun mit dem Klimawandel? Grau ist alle Theorie, und deshalb kurvt der in Geisenheim promovierte Winzer Matthias Corvers mit uns in die Weinberge über Oestrich-Winkel. Rechter Hand der legendäre Erbacher Marcobrunn, links die Hattenheimer Lagen Mannberg und Nussbrunnen. Tiefgründige Lössböden mit guter Wasserversorgung, sagt Corvers. Das Problem seien sowohl die große Hitze an Tagen mit über 40 Grad als auch die enormen Tag-Nacht-Schwankungen. "Der Mensch kann sich wehren gegen die enorme Hitze, die Pflanze nicht."

Winzer mit Leib und Doktortitel: Matthias Corvers in Oestrich-Winkel (l.).  Übernachten  Im Schulhaus: grundsaniert, hell und licht. Wären alle Schulhäuser so, hätten wir ein großes Problem weniger. DZ/F ab 90 Euro, Lorch, Schwalbacher  Straße 41, Tel. 06726/ 80 71 60, www.hotel-im-schulhaus.com; Hotel Krug: Das 300 Jahre alte Haus hat den Charme des Ursprünglichen – ohne Kitsch. Hochgelobte Küche. DZ/F ab 135 Euro, Hattenheim, Hauptstraße 34, Tel. 06723/996 80, www.zum-krug-rheingau.de; Pension Berg: Etwas laut ist es hier, aber dafür bietet sich ein grandioser Blick auf den Rhein. DZ/F ab 72 Euro, Oestrich-Winkel, Weinheimer Straße 2, Tel. 06723/33 90, www.pensionberg.de  Essen und trinken  Weingut August Eser: Oestrich-Winkel, Friedensplatz 19, Tel. 06723/50 32, www.eser-wein.de; Weingut Laquai: Lorch, Gewerbepark Wispertal 2, Tel. 06726/83 08 38, www.weingut-laquai.de; Corvers-Kauter: herrlich die gezupfte Wutz (neudeutsch: Pulled Pork) und die Weine im Ausschank des Guts! Oestrich-Winkel, Rheingaustraße 129, Tel. 06723/26 14, www.corvers-kauter.de; Weinwirtschaft  Laquai: klassische Straußwirtschaft im alten Gutshof. Tipp: die frische Forelle aus dem nahen Wispertal. Lorch, Schwalbacher Straße 20, Tel. 06726/ 83 92 13, www.weingut-laquai.de; Anleger 511: Mehr Rhein geht nicht! Edelimbiss mit Snacks wie Rheingauer Spundekäs. Eltville, Platz von Montrich¡ard 2, Tel. 06123/689168, Weinprobierstände lokaler Winzer: 22 gibt es zwischen Hochheim und Assmannshausen. Infos unter www.rheingau.com  Erleben  Über Reben schweben: Mit der Gondel geht  es in die Weinberge, zu Fuß runter, mit dem Schiff zurück. Rüdesheim, Oberstraße 37, www.seilbahn-ruedesheim.de; Rheingau Musikfestival: Die Konzerte in Schlössern, Guts- und Burghöfen reichen von Klassik bis Jazz. www.rheingau-musik-festival.de; Brentanohaus: Wo einst Goethe wohnte und seine Notizen zur "Rheinreise" schrieb, bietet heute Angela Baronin von Brentano öffentliche Führungen an. Oestrich-Winkel, Am Lindenplatz 2, www.brentano.de; Kloster Eberbach: Hier wurde "Der Name der Rose" gedreht. Tipp: erst die alten und neuen Weinkeller besichtigen, dann im "Schwarzen Häuschen" ein Gläschen nehmen.  Eltville, Eberbachstraße 1, www.kloster-eberbach.de; Wandern: auf dem Rheinsteig, Klostersteig, RheinBurgenweg. Oder lieblicher auf dem Rheingauer Rieslingpfad querbeet. Infos: www.romantischer-rhein.de, www.rheingauer-klostersteig.de, www.rheingau.com

Winzer mit Leib und Doktortitel: Matthias Corvers in Oestrich-Winkel (l.).

Übernachten

Im Schulhaus: grundsaniert, hell und licht. Wären alle Schulhäuser so, hätten wir ein großes Problem weniger. DZ/F ab 90 Euro, Lorch, Schwalbacher  Straße 41, Tel. 06726/ 80 71 60, www.hotel-im-schulhaus.com; Hotel Krug: Das 300 Jahre alte Haus hat den Charme des Ursprünglichen – ohne Kitsch. Hochgelobte Küche. DZ/F ab 135 Euro, Hattenheim, Hauptstraße 34, Tel. 06723/996 80, www.zum-krug-rheingau.dePension Berg: Etwas laut ist es hier, aber dafür bietet sich ein grandioser Blick auf den Rhein. DZ/F ab 72 Euro, Oestrich-Winkel, Weinheimer Straße 2, Tel. 06723/33 90, www.pensionberg.de

Essen und trinken

Weingut August Eser: Oestrich-Winkel, Friedensplatz 19, Tel. 06723/50 32, www.eser-wein.de; Weingut Laquai: Lorch, Gewerbepark Wispertal 2, Tel. 06726/83 08 38, www.weingut-laquai.de; Corvers-Kauter: herrlich die gezupfte Wutz (neudeutsch: Pulled Pork) und die Weine im Ausschank des Guts! Oestrich-Winkel, Rheingaustraße 129, Tel. 06723/26 14, www.corvers-kauter.de; Weinwirtschaft  Laquai: klassische Straußwirtschaft im alten Gutshof. Tipp: die frische Forelle aus dem nahen Wispertal. Lorch, Schwalbacher Straße 20, Tel. 06726/ 83 92 13, www.weingut-laquai.de; Anleger 511: Mehr Rhein geht nicht! Edelimbiss mit Snacks wie Rheingauer Spundekäs. Eltville, Platz von Montrich¡ard 2, Tel. 06123/689168, Weinprobierstände lokaler Winzer: 22 gibt es zwischen Hochheim und Assmannshausen. Infos unter www.rheingau.com

Erleben

Über Reben schweben: Mit der Gondel geht  es in die Weinberge, zu Fuß runter, mit dem Schiff zurück. Rüdesheim, Oberstraße 37, www.seilbahn-ruedesheim.de; Rheingau Musikfestival: Die Konzerte in Schlössern, Guts- und Burghöfen reichen von Klassik bis Jazz. www.rheingau-musik-festival.de; Brentanohaus: Wo einst Goethe wohnte und seine Notizen zur "Rheinreise" schrieb, bietet heute Angela Baronin von Brentano öffentliche Führungen an. Oestrich-Winkel, Am Lindenplatz 2, www.brentano.de; Kloster Eberbach: Hier wurde "Der Name der Rose" gedreht. Tipp: erst die alten und neuen Weinkeller besichtigen, dann im "Schwarzen Häuschen" ein Gläschen nehmen.  Eltville, Eberbachstraße 1, www.kloster-eberbach.de; Wandern: auf dem Rheinsteig, Klostersteig, RheinBurgenweg. Oder lieblicher auf dem Rheingauer Rieslingpfad querbeet. Infos: www.romantischer-rhein.de, www.rheingauer-klostersteig.de, www.rheingau.com

Deshalb bekommt sie hier an den Rheingau-Hängen eine besondere Hilfestellung, dem Sonnenlauf geschuldet: Zur östlichen Seite hin wird sie stärker entblättert, zur westlichen bleibt das Schatten spendende Laubwerk dichter. Gleichzeitig wird die Laubhöhe reduziert. Weniger Laub heißt weniger Fotosynthese – gleich weniger Zucker, mithin weniger Alkohol, später im Glas. Um das nun verständlich zu machen, greift Matthias Corvers zum Vergleich mit Turbo-Tomaten: "Die sind schnell gezogen und geschmacklos. Die Geschmacksbilder entwickeln sich erst, wenn die Frucht Zeit zur Reife hat. Die müssen wir ihr unbedingt geben, denn die Aromen-Entwicklung ist zum Ende der Reife am intensivsten. Gleichzeitig müssen wir darauf achten, dass die Mostgewichte nicht zu hoch gehen. Vinifikation ist heute mehr denn je ein Spagat." Wir treffen Matthias Corvers im August, es sind Hundstage, die heftigen Temperaturschwankungen sind idealer Nährboden für Pilze. Corvers’ ökologischem Betrieb sind enge Grenzen gesetzt. Kupfer kann er ausbringen, Orangenöle, Brennnesselextrakt spritzen – all das soll die Abwehrkräfte der Beere stärken gegen den Echten und den Falschen Mehltau.

Rheingau – Weinbau mit Leib und Seele

Den Spagat schafft nur, wer sich dem Weinbau mit Leib und Seele verschreibt. Und weil Corvers von diesem Schlag ist, hat er gerade 15 Hektar eines 550 Jahre alten Weinguts übernommen – und sein Portfolio verdoppelt. "Der Riesling braucht sehr viel Aufmerksamkeit, dann gibt er aber auch alles", sagt Matthias Corvers noch. Dann fährt er hinunter ins Dorf, und wir gehen noch ein Stück weinbergauf. Vorbei an Schloss Vollrads, einem der ältesten Weingüter der Welt, und hinüber zu Schloss Johannisberg mit seinem spek­takulären Rheinblick und dem auf einer Tafel festgehaltenen Stoßseufzer Heines: "Mon dieu, wenn ich doch so viel Glauben in mir hätte, dass ich Berge versetzen könnte – der Johannisberg wäre just derjenige Berg, den ich mir überall nachkommen ließe."

Unweit der Tafel, das noch, hat Schloss Johannisberg einen Probierstand.