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Wodka: Sto Gramm am frühen Morgen

20 Sorten in 45 Minuten – eine Wodkaverkostung ist Schwerstarbeit: Man darf sich keine Zeit lassen wie beim Wein, weil es einem sonst die Zunge verätzt. Zack rein, zack raus – und das Wesen des Wässerchens muss erfasst sein. Wie schmeckt die Nummer 14? Medizinisch, fruchtig, blumig oder malzig? Ein fröhlicher Leidensbericht.

Von Judka Strittmatter

Die einzig wahre Einheit für echte Trinker: Sto Gramm (100 Gramm)

Die einzig wahre Einheit für echte Trinker: Sto Gramm (100 Gramm)

Endlich: Nummer 9 hat Charakter. Das Mundgefühl vanillig, im Nachklang eine Nuance von Kuchenteig, ein Gefühl wie früher, wenn man sich zum Naschen in Mutterns Küche stahl. Zum Glück fehlte seinerzeit die hochprozentige Grundessenz, um die es an diesem Vormittag im Hotel de Rome am Berliner Bebelplatz geht. Eine Wodka-Degustation ist angesetzt, und Pate ist der international agierende Experte Jürgen Deibel aus Hannover, der sich seit seinem 17. Lebensjahr "hauptberuflich um Spirituosen kümmert". Wie es dazu kam, wird der Meister alsbald zum Besten geben, ein hübsches Schmankerl, das eigentlich besser zu einer Whisky-Runde passt, aber das nach all den Smirnoffs und Absoluts an diesem Tag auch die 20 wodkadurchspülten Probanden goutieren wie ein alkoholfreies Kaltgetränk nach einem Kampftrinken.

Als Austauschschüler schlüpfte Deibel bei einem Barmann in London unter. Als das Gespräch eines Tages auf gute Whiskys kam, mit dem sich der junge Deibel auszukennen glaubte, kredenzte ihm sein Landlord erst mal einen Scottish Single Malt. Seitdem hat sich Deibel guten Schnäpsen mit Leib und Seele verschrieben; einen Hang zur Überdosis muss man bei dem Mann mit der Erscheinung eines Elite-Internat-Direktors aber nicht fürchten: Zweimal im Jahr lässt er die Leber checken, denn trotz streng portioniertem Genuss gehen schließlich auch die Ausdünstungen seines Arbeitsmittels "rasch ins Blut". Bis jetzt aber: alles "karascho", wie der Russe sagen würde.

Schmiermittel der Völkerverständigung

Jenen und den Wodka, das ist weltbekannt, verbindet eine alte, manchmal fatale Liebe, der Konsum steigt gerade wieder, Schwarzbrenner greifen dieser Tage sogar auf hochprozentigen Badewannenreiniger zurück. Ob nun aber Polen oder Russland das Copyright für den seit rund 500 Jahren existierenden Schnaps reklamieren kann, scheint ungeklärt zu bleiben, beide beanspruchen diesen Scoop für sich. Als Schmiermittel der Völkerverständigung gebührt dem Wodka jedenfalls allerhöchstes Lob. Das ist auch Deibel nicht entgangen, denn als ehrgeiziger Berater von Industrie und Bargewerbe ist er sich nicht zu schade, auch entlegene polnische und russische Käffer zu durchforsten – immer auf der Suche nach einem neuen Kurzen.

Mittlerweile brennen selbst die Australier schon, allerdings aus Trauben, nicht aus Roggen, Weizen oder Kartoffeln. Wodka also ist beliebt, auch wenn ihn manche Schnapsgourmets gern zur farblosen Beimisch-Spirituose für Longdrinks degradieren. Eine weltweit wachsende Fangemeinde kann nicht irren: Sie setzt auf die schnelle und schockartige Erhitzung, die nun mal ein ehrlicher Wodka verspricht – ohne Firlefanz und ohne Chichi. Und in ihrer Großherzigkeit hat sie sogar die aufgenommen, die gern ein Geschmäckle haben – die Flavouristen. Sie wollen das Wässerchen mit Geschmack, ob Honig, Cassis, Pfeffer oder Mango.

An diesem Freitagvormittag bringt Schnapsexperte Deibel einen Trupp Journalisten und Barkeeper auf Wodka-Fährte. Rund 90 Sorten hat er aufgefahren und die Suite 109 im eleganten Rocco-Forte-Hotel räumen lassen. Ein großer Tisch für je acht Tester ist präpariert. Jeder "Flight", zu Deutsch: Testdurchgang, dauert 45 Minuten und wartet mit 15 oder 20 Gläsern auf. Darin ein Wodka, aber welcher? Nasen-, Mund- und Gaumengefühl sollen nach kurzem Shot notiert und auch bewertet werden, nur so kann in der Endauswertung herauskommen, ob die Teuren auch schmecken und die Leckeren denn teuer sein müssen. Regelkorsett an diesem Morgen: bloß vor dem Kosten keinen Kaffee trinken, auch nicht die Zähne putzen, kein Parfüm. Das alles lähmt nur die Sensorik, doch auf die kommt es an, wenn man ran will an des Wodkas reine Seele. Der kühne Einwurf, so ein Tasting lieber am Abend durchzuziehen, gefällt auch Deibel, doch leider, klärt er die Runde auf, ist gerade am frühen Morgen die Zunge ganz besonders hold und rein.

Der Ehrgeiz nagt

Dann geht es los, zack rein, zack raus, nachgespült mit Wasser, nächster Shot. Die ersten sind gesichtslos wie eine Horde Models: Sie schmecken medizinisch-alkoholisch, sie rutschen glatt bis ölig an der Glasinnenwand herab, sie beißen oder britzeln (adstringieren!) auf der Zunge. Und die Kollegen? Anspannung brütet über den Probierern, so still und konzentriert war es das letzte Mal zur Abiprüfung, doch die ist lange her bei allen.

Der Ehrgeiz nagt: Man will schon wissen, welcher Wodka momentan den Rachen rötet. Es wird geschmatzt, gezutzelt und gespuckt, Punkte und Bewertungen werden notiert. Das war der erste Flight, und nur die Nummer 9 hat wirklich überrascht. Tendenz Vanille. Heraus kommt, dass dies ein Wodka mit dem schönen Namen "Sojus" ist, so hießen auch Raumschiffe in der verblichenen UdSSR.

Im dritten Flight entpuppt sich der leckerste dann als einer, den man kennt – der gute Wyborowa, Stammland Polen, Note eher samtig-weich. Auch Nordhäuser Doppelkorn taucht bei diesem Speed Tasting auf, ein Stammgesöff der früheren DDRler, das es dank Prozenten in die Wodkaliga und Qualität auch in den Westen schaffte. Ein Hauch von Gummibärchen läutet den letzten Flight ein, jetzt sind die Aromatisierten dran. Doch denen zieht selbst Deibel einen schönen Rotwein vor.

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