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Wodka: Stütze des Staates

Aus einer einzigen Destillerie bezieht die Stadt Moskau ein Zehntel ihrer Steuereinnahmen. Ja, Wodka ist ein Wirtschaftsfaktor in Russland. Und ein politischer. Denn "ein betrunkenes Volk lässt sich leichter regieren".

Staatliche Wodkafabriken sind in Russland strategische Objekte. So wie Militärflughäfen oder Raketenabschussrampen. Zur Werksbesichtigung der Moskauer Destillerie "Kristall" empfängt den Besucher ein Wachmann in schwarzer Uniform, der ihm auf Schritt und Tritt folgt, damit er keine Fotos der mit Hunderttausenden Liter Alkohol gefüllten Zisternen macht.

Fährt der Generaldirektor vor, dann geschieht das im schweren Jeep mit abgedunkelten Scheiben, gefolgt von einem zweiten Jeep mit Bodyguards. In den Produktionshallen überall Sicherheitshinweise: "Schutz vor Terroristen! Melden Sie Autos, die längere Zeit vor den Werksmauern parken! Achten Sie auf Männer, die das Gelände beobachten!"

Ein Terrorakt, der die Wodkaversorgung gefährden würde, wäre in Russland an sich schon eine Katastrophe. Folgenreicher aber wäre der damit einhergehende Finanzverlust. Zehn Prozent der Steuereinnahmen Moskaus stammen allein aus der Steuer auf "Kristall"-Produkte. Wodka ist für Russlands Wirtschaft so wichtig wie Öl.

Die Forbes-Liste

der 100 reichsten Russen verzeichnet zwei Wodka-Oligarchen. Der vermögendste, Roustam Tariko, Produzent der Edelmarke "Russky Standart", wird auf knapp 280 Millionen Dollar geschätzt; als Erster in Russland leistete er sich einen Maybach. Zu Sowjetzeiten bestritt der Kreml den Staatshaushalt bis zu einem Drittel durch Wodka. Viele sind heute noch überzeugt, die UdSSR wäre nie zusammengebrochen, hätte Gorbatschow 1985 nicht ein Alkoholverbot verhängt.

"Kristall" ist Russlands renommierteste Destillerie, 104 Jahre alt und zu 51 Prozent in Staatsbesitz. Jedes Jahr füllt sie 100 Millionen Liter Wodka ab. Der Führer durchs Werk heißt Anatoli, ein schlaksiger Typ mit Zopf und Intellektuellenbrille. "Trinken am Arbeitsplatz ist nicht verboten", erklärt er. "Wer hier ein Alkoholproblem hat, hält sowieso nicht lange durch. Das ist quasi ein natürlicher Ausleseprozess."

Dreißig Prozent der russischen Männer sind Alkoholiker. Ihre Lebenserwartung beträgt gerade mal 59 Jahre. 15 Liter Alkohol trinkt ein Russe im Jahr, ein Deutscher 10,8. Dennoch: Kein alkoholisches Getränk ist so rein und gut verträglich wie Wodka. Sein Rohstoff ist in der Regel nicht die Kartoffel, wie weithin angenommen, sondern Getreide, meist eine Mischung aus Roggen und Weizen, die zu einer Maische vergoren und mehrfach destilliert wird. Anschließend rinnt der Rohalkohol durch Tonnen von Aktivkohle, bis alle Aromen und Gärungsrückstände herausgefiltert sind. Daher riecht eine Wodkafahne weit weniger aufdringlich als jene vom Bier. Deshalb hinterlässt selbst der heftigste Wodkarausch fast keinen Kater.

Moskaus Bürgermeister Jurij Luschkow ließ vor zwei Jahren den 500. Geburtstag des Wodkas feiern. Wie er selbst zugab, ein willkürliches Datum: "500 Jahre, das klingt einfach gut." Wann genau der erste Wodka gebrannt wurde, lässt sich nicht sagen. Ebenso wenig wo.

Belegt ist, dass Russlands erster Zar, Iwan der Schreckliche, Mitte des 16. Jahrhunderts Wodka-Bars eröffnen ließ; so genannte Kabaken, in denen im Stehen getrunken wurde. Iwan hatte begriffen, welche Steuern sich mit Alkohol erheben lassen. In den Kabaken waren sogar Mörder vor der Polizei geschützt. Solange, bis sie ihre gesamte Habe in Wodka umgesetzt hatten. Nur Kreuz und letztes Hemd durften nicht versetzt werden. Frauen war das Trinken damals verboten. Das gestattete erst Peter der Große mehr als 100 Jahre später. Er war überhaupt der gefürchtetste russische Trinker. Ausländische Vertretungen hielten sich spezielle Diplomaten, die nur darauf trainiert waren, sich von ihm nicht unter den Tisch saufen zu lassen.

Russischer Wodka enthält 40 Prozent Alkohol. Festgelegt nach dem Chemiker Dimitrij Mendelejew, dem Entwickler des Periodensystems. In Russland kennt man ihn eher dafür, dass seine Dissertation die Basis für die Herstellung des modernen Wodka legte.

Wie viele Wodkamarken es weltweit gibt, ist unbekannt. Aus Polen kommen allein schon mehrere hundert. In Deutschland wird unter anderem "Gorbatschow" hergestellt, in Frankreich "B. Jelzin", in Mexiko "Oso Negro". Seit langem erfolgreich auf dem russischen Markt: "Wodka Kalaschnikow", auch in Flaschenform eines AK-47-Gewehrs erhältlich. Für den Export soll die Marke allerdings umbenannt werden. Im Westen hat Wodka vor allem Cocktail-Tradition: als Screwdriver mit O-Saft, als Bloody Mary mit Tomatensaft oder - geschüttelt, nicht gerührt - mit Martini. In Osteuropa ist Mixen dagegen verpönt.

Anatoli Timofeew würde gekauften Wodka nur im Notfall anrühren: "Zu ungesund, man weiß nie, was drin ist." Er wird bald 80; ein weißhaariger Hüne von einem Meter neunzig. Er ist Maler und war in der UdSSR auf Lenin spezialisiert, jetzt porträtiert er lieber seinen Hund und widmet sich der Kunst des Wodka-Brennens. Bei "Kristall" hieß es: "Unsere wahre Konkurrenz kann man nicht kaufen, unsere wahre Konkurrenz ist Samogon." So heißt Selbstgebrannter in Russland.

Timofeew lebt auf einer Datscha 200 Kilometer von Moskau entfernt. Strom gibt es, Wasser nicht. Das zapft er aus einer Quelle. Die Maische für seinen Samogon mischt er aus Hefe, Milch und Zucker. Zum Brennen reichen eine Milchkanne auf einem Holzofen und ein mit kaltem Wasser gefüllter Eimer, den ein Spiralrohr durchläuft - der Kühler. Timofeew brennt nur für den Eigenbedarf. "Wie man sieht, bekommt es mir", sagt er und nimmt einen Schluck. Pur natürlich. Der Alkoholgehalt? Achselzucken: "Ich schätze, so 70 bis 80 Prozent."

Wodka trinken, vor allem viel, verlangt Übung und Technik. Ein Schluck Sardinenöl oder ein fettes Butterbrot bewirken, dass der Alkohol langsamer in die Blutbahn gelangt. Schnelles Schlucken soll zudem verhindern, dass er durch die Mundschleimhaut aufgenommen wird. Wichtig: jedes Glas Wodka mit Wasser nachspülen, um die Flüssigkeit und Mineralstoffe zu ersetzen, die Alkohol dem Körper entzieht. Russische Apotheken verkaufen "Anti-Kater", die Tablette vorweg enthält künstliche Bernsteinsäure und lässt Alkohol langsamer zerfallen.

Wodka kann handwarm oder eiskalt getrunken werden. Degustationen laufen nicht anders als beim Wein ab. Die Tester beurteilen den Geruch, ob kräftig oder süßlich; ob er ölig oder schnell am Glas entlangläuft. Geschmeckt wird mit Zunge, Gaumen und Wangen. Guter Wodka hinterlässt einen milden, weniger guter einen rauen Belag im Mund. Er kann ein cremiges, würziges oder neutrales Aroma haben, je nach Gersten-, Roggen- oder Weizenanteil. Auch Jahrgangswodka gibt es. Eine Flasche 2002er "Kauffmann" gilt als besonders edel und kostet 90 Euro.

Um sich in Russland zum Wodka zu verabreden, reicht es, sich an den Hals zu schnippen. Ein Ritual, das seit Peter dem Großen Tradition hat. Russen trinken nie allein - das wäre ein Zeichen von Alkoholismus. Kultiviert genießt man Wodka nur zum Essen, an einer bis auf den letzten Quadratzentimeter mit Delikatessen eingedeckten Tafel. Schwarzer oder roter Kaviar passen perfekt zu Wodka. Typisch sind auch Stör, Räucherlachs, eingelegte Pilze, Salzgurken, Fleischbällchen, Roggenbrot und Butter. Nach jedem Schluck wird sofort gegessen.

Die Masseinheit für Wodka ist Gramm. Auch dies dank Mendelejew. 100 Gramm fasst ein "Stopka", das typische Wodkaglas. Eine spezielle Version mit nach außen gewölbtem Boden soll verhindern, dass man es abstellen kann. Es muss aber nicht auf Ex getrunken werden. Obligatorisch dagegen sind Trinksprüche. Selten nur ein kurzes "Na Sdorowje" - auf die Gesundheit. Der Russe liebt etwas mehr Pathos. Etwa so: "Wodka ist Gift, Gift ist Tod, Tod ist Schlaf, Schlaf ist Gesundheit. Wollen wir auf die Gesundheit trinken."

Von jeher gilt Wodka als Indikator für den Zustand der russischen Volksseele. Dass der Konsum derzeit rückläufig ist, sieht mancher als Zeichen ökonomischer Stabilität. "Die Russen wenden sich dem Wodka verstärkt in Zeiten der Depression zu", sagt Alexander Troizki von der Union der russischen Bierbrauer. Als der Rubel 1998 einbrach, kam eine Billigmarke mit dem Namen "Krisis" auf den Markt. Auch in der Politik spielte Wodka immer eine Rolle. Katharina die Große sagte: "Ein betrunkenes Volk ist leichter zu regieren."

Erst Lenin sah im Wodka die Droge des Kapitalismus, forderte die Diktatur der Nüchternheit und jagte die berühmteste Wodka-Dynastie aus dem Land. Smirnoff-Wodka ist deshalb heute amerikanisch. Den Krieg mit Japan, heißt es, hätten die Russen 1905 nur verloren, weil die Soldaten trunken übers Schlachtfeld torkelten. In Stalingrad wiederum soll gerade die Frontnorm - täglich 100 Gramm Wodka für jeden - für den sagenhaften Mut gesorgt haben, mit dem die Soldaten Hitlers Wehrmacht Widerstand leisteten.

Heute heißt die populärste russische Wodkamarke "Putinka", hergestellt vom Staatsbetrieb "Kristall". Das Etikett ist golden und trägt eine Krone. Putinka kam kurz vor den vergangenen Präsidentenwahlen auf den Markt. Offiziell heißt es, die Namensgebung habe nichts mit dem Amtsträger zu tun, sondern leite sich ab vom Wort "Put" - Weg. Aber natürlich denkt jeder Russe bei Putinka an Putin, mancher auch an "klein Putin". Die Flasche gibt es für 120 Rubel, etwa 3,40 Euro.

"Kristall"-Generaldirektor Alexander Romanow, jüngst mit dem Orden für "nationalen Ruhm" ausgezeichnet, empfiehlt zwei Gläser Putinka täglich: "als Prophylaxe gegen Krankheiten aller Art". Die Werbung lobt Putinka für seinen "kräftigen Charakter" und sein Aroma von "seeliger Ruhe und Sicherheit".

Andreas Albes
Mitarbeit: Jürgen Deibel

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