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Gefördert durch die Stiftung stern Gründer der "Arche": Das machte der Corona-Lockdown mit unseren Kindern

Bernd Siggelkow hat die Hilfseinrichtung gegründet und betreibt mittlerweile 27 Standorte in Deutschland
Bernd Siggelkow hat die Hilfseinrichtung gegründet und betreibt mittlerweile 27 Standorte in Deutschland
© Die Arche
Wer wissen will, wie es dem ärmsten Teil Deutschlands geht, muss in die "Arche" kommen – zu den Kindern und deren Helfern. Besonders in Corona-Zeiten litten viele der Kleinsten unter der Isolation. "Arche"-Gründer Bernd Siggelkow hat darüber ein Buch geschrieben.

Deutschland im März 2020. Corona-Lockdown. Die Schulen im Land machten dicht. Die Kinder schickte man nach Hause. "Wir machen digital weiter", sagte man ihnen. "Home-Schooling" hieß das ganz modern. Bernd Siggelkow wusste sofort, was das für die meisten seiner Schützlinge bedeutete: abgehängt zu sein, vergessen zu werden. Siggelkow ist der Gründer des bundesweiten Kinderhilfswerks "Die Arche". Mit seinen Teams kümmert er sich an mittlerweile 27 Standorten im ganzen Land um rund 4.500 sozial benachteiligte Kinder. Die Arche sorgt für kostenlose Mahlzeiten, Hausaufgabenhilfe, ermöglicht gemeinsame Unternehmungen, löst familiäre Probleme, organisiert Freizeitangebote und manchmal gibt es für die  Kinder auch einfach nur eine Umarmung oder ein freundliches Wort, weil sie beides zuhause so selten oder nie bekommen.

Aber mit den Schulen schlossen sich auch die Türen aller Archen. "Zum ersten Mal nach 25 Jahren Arbeit in sozialen Brennpunkten musste ich die wichtigsten Anlaufstellen für unsere Kinder schließen", sagt Bernd Siggelkow. "Es brach mir fast das Herz". Denn die meisten "seiner" Kinder, das wusste er, hatten nun keinen anderen Ort mehr, wo sie Hilfe finden konnten oder wenigstens Kontakte zu anderen haben würden. Neben den Schulen schlossen auch alle Geschäfte und Sportvereine. Auch die Lebensmittel-Tafeln stellen ihre Arbeit ein. Die Jugendämter waren schwer erreichbar, die Notfalltelefone fast immer besetzt. Das komplette Hilfssystem im Land war dabei, zusammenzubrechen.

Das Team der "Arche" braucht weiterhin Unterstützung. Die Stiftung stern begleitet die Initiative seit 15 Jahren. Hier können Sie dafür spenden.
Das Team der "Arche" braucht weiterhin Unterstützung. Die Stiftung stern begleitet die Initiative seit 15 Jahren. Hier können Sie dafür spenden.

Die Pandemie stellte ganz Deutschland auf eine harte Probe. Aber die Kinder, die die Arche betreut, waren besonders betroffen. Weil sie zuhause nicht aufgefangen werden konnten und in beengten Verhältnissen leben mussten und müssen. Verhältnisse, in denen Home-Schooling nur ein exotisches  Wort blieb – ohne Computer, schnelles Internet, Drucker oder einen Platz zum Arbeiten. "Ich kenne Schüler, die zu Beginn der Pandemie sechs Wochen völlig auch sich gestellt waren und nichts von ihren Lehrerinnen und Lehrern hörten", erzählt Siggelkow. Kein Wunder, wenn die Eltern keine funktionierende Mail-Adresse haben und persönliche Besuche verboten waren.

Die Schicksale hinter den Zahlen

Aber Siggelkow und seine Mitarbeiter nahmen die Herausforderung an. Der Kontakt zu ihren Kindern sollte nicht abreißen. In Berlin, dem Gründungsort der ersten Arche, schafften sie es beispielsweise,  mit Hilfe von Sponsoren 200 Kinder mit Smartphones zu versorgen. In den Gesprächen mit seinen Schützlingen wurde Siggelkow klar, wie existenziell wichtig die Handys für die Kinder waren. Für viele waren sie die einzige Möglichkeit, überhaupt Kontakt zur Schule zu halten. Aber es ging auch um noch viel Grundsätzliches: die Arche versorgte allein in Berlin rund 1.600 Familien mit Lebensmitteln, die sie ihnen mit dem gebotenen Abstand nach Hause brachten, zusammen mit einem freundlichen Wort. Außerdem übersetzten Arche-Mitarbeiter die offiziellen Corona-Regeln und -Verlautbarungen in die verschiedenen Sprachen ihrer Schützlinge und machten sie den Familien zugänglich. Auch den deutschen, die oft erst über Grundsätzliches aufgeklärt werden mussten.

Bernd Siggelkow: "Kindheit am Rande der Verzweiflung – die fatalen Folgen von Lockdown und Isolation", Claudius-Verlag, 112 Seiten, 14 Euro
Bernd Siggelkow: "Kindheit am Rande der Verzweiflung – die fatalen Folgen von Lockdown und Isolation", Claudius-Verlag, 112 Seiten, 14 Euro
© Claudius-Verlag

Seine Erfahrungen aus dieser Zeit hat Siggelkow in einem sehr lesenswerten Buch zusammengefasst, das jetzt erscheint. Es heißt "Kindheit am Rande der Verzweiflung – Die fatalen Folgen von Lockdown und Isolation". Das Buch bietet einen schockierenden Einblick in den ärmsten Teil der Gesellschaft, der keine Lobby hat und gern vergessen wird. Was Armut in Deutschland bedeutet, kann man hier lesen. Die Lockdowns haben die betroffenen Menschen noch weiter ins Verborgene gerückt. Man ahnte vielleicht, was in vielen sozial benachteiligten Familien geschah, die in beengten Verhältnissen leben mussten und die Wohnungen nicht verlassen durften. Jetzt weiß man es.

Siggelkow verweist auf eine Statistik des Bundeskriminalamtes vom Mai 2021, die eine erschreckende Zunahme von Kindesmisshandlungen und Missbrauch während der Lockdowns um bis zu zehn Prozent dokumentierte. Siggelkow nennt die Statistik grauenvoll. "Auch weil ich weiß, dass die Dunkelziffer bis zu dreimal höher ist." Er kennt die Schicksale hinter den Zahlen, die Wunden und blauen Flecken der Kinder. Er kennt die stummen, hilflosen Gestalten mit der gedrückten Körperhaltung, die sich schämen, für das was ihnen widerfahren ist und die in der Pandemie niemanden mehr hatten, dem sie sich anvertrauen konnten.  

Mittlerweile haben alle Archen ihren Betrieb wieder aufgenommen. Aber noch ist nicht wieder alles wie früher. Es gibt weiterhin Beschränkungen, Abstandsregeln, die Maskenpflicht. Aber die Kinder kommen wieder. Nach und nach. Auch die in Hamburg. An einem Nachmittag am Mittag strömen die Kinder in die Räume der Arche im Stadteil Jenfeld. Sie sind im Alter zwischen vier und 13 Jahren. Nebenan gibt es für die älteren noch ein Jugendhaus. In der Kantine steht der leitende Sozialpädagoge Tobias Lucht und begrüßt jedes Kind mit Namen: Ayran, Daniel, Zakaria, Malek, Arthur, Miranda, Shimon, Adam, Ayman, Mohamed, Maha. Manche fallen ihm um den Hals. Viele kommen direkt aus der Schule, manche werden von einem Elternteil gebraucht. Bis 18 Uhr können sie unter der Woche bleiben.

Hier bekommen die Kinder ein kostenlosen Mittagsessen, können mit Unterstützung Hausaufgaben machen oder einfach spielen oder zur Ruhe kommen. "Unsere grundsätzliche Botschaft an die Kinder ist: schön, dass du da bist. Du bist wertvoll. Du kannst was schaffen", sagt Tobias Lucht.  Und so ist es auch. Kinder, die regelmäßig in die Arche kommen, haben um ein Vielfaches größere Chancen, einen Schulabschluss zu schaffen, eine Berufsausbildung zu machen oder sogar zu studieren. Lucht betont, dass auch die meisten Eltern das Beste für ihre Kinder wollen. "Aber viele sind einfach schlichtweg überfordert."

"Das macht mich glücklich"

Im ersten Stockwerk befindet sich unter anderem der "Sport-und Toberaum", wo die Kinder auf Matten herumspringen, sich Höhlen bauen oder Tischfußball spielen. Immer ist einer der fünf Sozialpädagogen dabei. Außerdem helfen Ehrenamtliche.

Tischgespräch in der Berliner "Arche". Essen gibt es natürlich auch
Tischgespräch in der Berliner "Arche". Essen gibt es natürlich auch
© Michael Clemens

Lucht erzählt, wie glücklich die Kinder waren, als sie nach den Lockdowns endlich wieder hierher kommen konnten. Maha, 13, aus Syrien isst gerade Reis mit Tomatensauce und Lachs. Vor fünf Jahren ist sie mit ihren Eltern und ihren vier Brüdern aus Aleppo hierher geflogen. In fließendem Deutsch erklärt sie, dass nach dem Abitur studieren und Ärztin werden will. "Seit der fünften Klasse habe ich nur noch Einsen, Zweien und Dreien", sagt sie. "Das macht mich glücklich."  Der zehnjährige Zakaria, der mit seinen Eltern und seinen Geschwistern aus dem Irak nach Deutschland floh, äußert als Berufswunsch "erfolgreicher Fußballer". Er denkt kurz nach und schiebt dann nach "Und in der Freizeit will ich Rap-Lieder schreiben." Aber eigentlich sei er beruflich noch nicht endgültig festgelegt. Es könne auch noch auf Architekt hinauslaufen.

Zakarias kleiner Bruder rauscht heran und setzt sich zu Tonias Lucht auf den Schoß. Man merkt den Kindern an, wie unbeschwert sie hier in der Arche sein können. Dieser Oase inmitten einer hektischen Welt, in der sonst oft kein geschützter Raum für sie da ist. "Ich bin froh, dass ich hier sein kann", sagt später draußen im Eingangsbereich ein Junge. Und ergänzt dann leise: "Und nicht zuhause." Dann rennt er die Treppe hoch. Zu den anderen. In den Sport-und Toberaum."


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