Debatte in der Literaturszene
Literatur und KI - schreibt die Maschine jetzt schon besser?

Olga Tokarczuk hat darüber gesprochen, wie sehr ihr die KI mittlerweile beim Schreiben hilft - und damit einen Aufschrei produzi
Olga Tokarczuk hat darüber gesprochen, wie sehr ihr die KI mittlerweile beim Schreiben hilft - und damit einen Aufschrei produziert. (Archivbild) Foto
© Hans Punz/APA/dpa

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Nobelpreisträgerin Tokarczuk hat gesagt, dass ihr KI beim Schreiben hilft - es hagelte Proteste. Dabei ist die Denkmaschine aus der Literatur schon nicht mehr wegzudenken. Sie kann sogar dichten.

Neulich geriet die polnische Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk weltweit in die Schlagzeilen. Medienberichten zufolge hatte sie bei einer Veranstaltung in Posen davon erzählt, wie intensiv sie mittlerweile Künstliche Intelligenz für ihre Arbeit nutzt. Manchmal fragt sie die Maschine demnach sogar Dinge wie: „Liebling, wie können wir das jetzt schön fortentwickeln?“ Sprich: Hast du eine Idee, wie die Geschichte weitergehen soll? 

Danach brach in sozialen Netzwerken und Medien sofort eine Diskussion darüber los, ob ihre Bücher nun überhaupt noch als eigenständige Kunstwerke betrachtet werden könnten. Sollte ihr vielleicht der Nobelpreis aberkannt werden? Tokarczuk sah sich prompt zu einer Stellungnahme genötigt. Darin ruderte sie erkennbar zurück und beteuerte: alles nur ein Missverständnis! Keiner ihrer Texte sei mit Hilfe von KI verfasst worden – sie nutze Chatbots nur als Recherchemittel. Wie alle anderen auch.

Schriftsteller nutzen KI - und neu ist das nicht

Julian Schröter, Professor für Digitale Literaturwissenschaften an der Universität München (LMU), hat sich ein wenig darüber gewundert, welchen Aufschrei Tokarczuks Bekenntnis ausgelöst hat. Es gebe genügend Schriftsteller, die sich in den vergangenen Jahren offensiv zur Nutzung von KI bekannt hätten, sagt der Experte der Deutschen Presse-Agentur. Und dies eben nicht nur als Werkzeug zur Recherche, sondern auch um die Handlung zu entwerfen und Charaktere zu formen. „Die Aufregung kann also nicht daher kommen, dass der Einsatz von KI unerhört und neu ist, denn das ist er nicht.“

Für viele scheint die Beteiligung von KI am literarischen Schaffensprozess aber die Vorstellung vom Schriftsteller als schöpferischem Genie infrage zu stellen. Dabei verließen sich auch literarische Größen der Vergangenheit nicht einfach nur auf ihre Eingebung. William Shakespeare entlehnte die Grundhandlung fast aller seiner Dramen literarischen Vorlagen. Goethe tauschte sich über seine Themen unablässig mit anderen Intellektuellen aus. Und wenn sich Dichter den Kopf darüber zerbrachen: „Was reimt sich nur auf „Liebe"?“, dann griffen sie im 18. und 19. Jahrhundert zu Reimwörterbüchern. 

Ist die KI also nur ein ganz normales neues Werkzeug? Das würde zu kurz greifen, findet Schröter. Die KI kann mehr. Zum Beispiel Ideen weiterentwickeln und Texte produzieren, so dass in einem Prozess des ständigen Austauschens am Ende ein unentwirrbares Geflecht aus Mensch- und Maschinenleistung herauskommen kann. „Das Bedrohliche scheint darin zu bestehen, dass man nicht mehr klar zwischen dem menschlich-kreativen und dem technisch-unterstützenden Teil des literarischen Produktionsprozesses unterscheiden kann.“ 

Was kann die KI noch nicht gut? Den Plot entwerfen 

Dennoch hieß es lange, die KI könne fiktiven Schriftstellern keine Konkurrenz machen, weil sie nichts genuin Neues, nichts wirklich Kreatives erzeuge. Eine 2024 im Fachmagazin „Nature“ veröffentlichte Studie ergab jedoch, dass eine Mehrzahl der Leserinnen und Leser von KI erzeugte Lyrik sogar schöner findet als menschengemachte. Als Grund dafür vermutet Schröter, dass KI-Gedichte eingängiger und leichter verständlich sind als die oft sehr experimentelle zeitgenössische Lyrik.

Anders sieht es bei Prosa-Texten aus. Hier hat sich gezeigt, dass die KI noch große Probleme mit dem Erfinden der Handlung hat. „Sie ist auch nicht gut darin, Spannung aufzubauen und durchzuhalten“, erläutert Schröter. „Denn dazu muss man wissen, was die Leserinnen und Leser erwarten, und dann in der Lage sein, über einen langen Zeitraum hinweg damit zu spielen. Und es gibt vielleicht auch mal Täuschungsmanöver, Figuren spielen ein doppeltes Spiel.“ Für all das sei die KI „zu ehrlich“. 

Dass die KI ausgerechnet einen spannenden Plot noch nicht hinbekommt, zeigt vielleicht, über welche Fähigkeiten viele Verfasser von Unterhaltungsromanen verfügen. „Aus Sicht der Psychologie könnte man sagen, dass KI noch über keine hinreichend komplexe „theory of mind“ verfügt, also nicht über die Fähigkeit, Gedanken und Intentionen des Gegenübers zu antizipieren.“

Schröter vermutet allerdings, dass die KI mit der Zeit auch das lernen wird. „Die Frage ist deshalb nicht mehr so sehr: Was kann die KI alles? Sondern: Wie wollen wir uns als Schriftsteller und Leser verhalten: Wollen wir KI verwenden und wollen wir KI-generierte Inhalte lesen?“ 

Schröters Position dazu ist, dass der Einsatz von KI bei Unterhaltungsliteratur unproblematisch ist, wenn alle Beteiligten – Autoren, Produzenten, Rezipienten – sich darüber verständigen, dass sie damit einverstanden sind. „KI wird für viele fragwürdige Dinge verwendet, zum Beispiel Überwachungssysteme und Kampfdrohnen. Literatur, auch Unterhaltungsliteratur, ist eine schöne Sache – warum sollte man es hier nicht nutzen?“

Literatur mit dem Label „garantiert KI-frei“

Interessant findet Schröter die Frage, was mit der Literatur geschieht, die den Anspruch hat, ein Kunstwerk zu sein. „Hier freue ich mich, wenn es weiterhin Autorinnen und Autoren gibt, die sich die Mühe machen, individuell zu klingen, eine besondere Stimme zu haben. Und die über eigene Erfahrungen schreiben können. Ich möchte persönlich keine erwartbare Literatur lesen, sondern das Neue und Außergewöhnliche.“

Der Aufruhr um die Aussagen von Olga Tokarczuk ist letztlich exemplarisch für eine Diskussion, die aktuell in vielen gesellschaftlichen Bereichen stattfindet: Was darf KI und was nicht? 

„Die Literatur bildet da keine Ausnahme“, meint Schröter. „Oft liest man zur Zeit, auch im Feuilleton, dass in Zeiten von KI der Begriff der Autorschaft neu gedacht und gefasst werden müsse. Das klingt, finde ich, recht abstrakt.“ Die Debatte um Nobelpreisträgerin Tokarczuk behandle aber im Grunde ganz konkrete Formen der Aushandlung von „symbiotischer Autorschaft“ zwischen Mensch und KI.

„Ich glaube, dass die meisten Bücher in Zukunft durch eine Mischung aus menschlicher und maschineller Intelligenz zustande kommen werden“, prognostiziert der Wissenschaftler. „Daneben wird es einen kleinen puristischen Markt ohne KI geben. Gleichsam mit dem Label „garantiert KI-frei“. Eine ganz eigene Frage wird sein, nach welchen Regeln man dieses Etikett vergeben wird.“

dpa