Der Ortolan ist ein kleiner, eher unauffälliger Singvogel, doch sein Gesang ist unverwechselbar: Denn der Ortolan singt mit Dialekt, speziell in Bayern mit fränkischem. Diese besonderen Rufe wollen Fachleute vom Naturschutzverband LBV nun für eine Bestandsaufnahme der seltenen Art nutzen. Mit digitalen Geräten, sogenannten Horchboxen, wollen sie den Gesang in diesem Jahr zum ersten Mal aufzeichnen und von Künstlicher Intelligenz auswerten lassen.
"Forschende aus Polen und Italien konnten zeigen, dass sich einzelne Ortolane anhand ihres Gesangs eindeutig unterscheiden lassen – gewissermaßen wie an einem akustischen Fingerabdruck", sagte die LBV-Biologin Elena Weber. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollen prüfen, ob das auch für die fränkischen Ortolane gilt und ob die Methode systematisch im Monitoring eingesetzt werden kann. Ende April kehren die Bodenbrüter mit dem olivgrünen Kopf aus ihren Winterquartieren nach Bayern zurück.
Letztes Vorkommen im süddeutschen Raum
Der Ortolan (Emberiza hortulana) ist laut dem LBV in Bayern vom Aussterben bedroht. Zwischen Würzburg und Schweinfurt in Unterfranken lebt demnach das letzte Vorkommen im süddeutschen Raum. Das Besondere: Das nächste Ortolan-Vorkommen befindet sich 400 Kilometer entfernt - und hat einen völlig anderen Dialekt. "Sogar Menschen, die die vogeltypischen Frequenzen viel schlechter hören als die Vögel selbst, können diese Dialekte unterscheiden", erläuterte Weber.
Das bioakustische Monitoring soll Erkenntnisse darüber bringen, wie viele Vögel den Zug nach Afrika und wieder zurück überleben sowie in welcher Entfernung sie sich zu ihrem Geburtsort ansiedeln. Außerdem könne die Auswertung der verschiedenen Rufe zeigen, wie sich Paare bilden und wie das Brüten verläuft, sagte Weber. Dabei werde das Brutgeschehen im Vergleich zu anderen Monitoring-Methoden wie der Suche nach Nestern nicht gestört.
Selbstbewusste Sänger
Die singenden Männchen zeigen sich dem LBV zufolge oft auf der Spitze eines Busches oder auf einem Ast. Die Weibchen und Jungvögel sind dagegen nur selten zu sehen.
Für das Artenhilfsprogramm arbeitet der LBV mit Landwirtinnen und Landwirten zusammen, damit diese ihre Flächen schonend bewirtschaften, so dass der Ortolan ungestört am Boden brüten kann. Außerdem pflanzen die Naturschützer Bäume als Singwarten, auf denen das Männchen seine Lieder trällern kann.
Verbreitung in Bayern