Gartz (Oder) - Am Abend sitzt er in einer Talk-Runde bei Caren Miosga vor einem Millionenpublikum, am nächsten Morgen gratuliert er einer Gartzerin zum 75., kurz darauf steht schon wieder ein Pressetermin an. Luca Piwodda, mit 26 einer der jüngsten Bürgermeister Deutschlands, ist ein gefragter Interviewpartner, denn ihm scheint im Kleinen zu gelingen, woran Politik oft scheitert: Er reißt Menschen mit, stiftet Gemeinschaft und setzt auf Zusammenarbeit statt Abgrenzung.
Die kleine Stadt Gartz im äußersten Nordosten Brandenburgs mit heute rund 2.300 Einwohnern schien lange wie ein Ort im Niedergang: Abwanderung, kaum Geschäfte und Restaurants, ungepflegte Grünanlagen, Leerstand, wenig kulturelles Leben. Selbst das historische Rathaus war zuletzt eher Symbol des Stillstands: zugig, sanierungsbedürftig.
Bürger verändern ihre Stadt
Inzwischen hat sich das Bild etwas gewandelt. Ehrenamtliche pflegen Grünflächen, bepflanzen Beete, reparieren Bänke. Zuvor zugewucherte Spielplätze und eine BMX-Rennstrecke sind wieder zugänglich. Die von Piwodda mitgegründete Kulturallianz organisiert Konzerte, Lesungen, Quizabende, sogar Opernaufführungen. Einmal pro Woche lädt der Verein zum Kaffeeklatsch ein. Im und am Rathaus gibt es für jüngere Bewohner Kinderdiscos und Picknicks. Ihnen steht das Rathaus auch als Treffpunkt offen. Im Sommer ist zudem die erste Ballermann-Party geplant.
"Es entsteht wirklich ein ganz starkes Wir-Gefühl. Zu mir hat kürzlich ein Bewohner gesagt, dass es zurzeit ein geiles Gefühl sei, Gartzer zu sein", erzählt der mit Piwodda befreundete Pfarrer Hilmar Warnkross. Sogar die Kirchenbänke füllen sich wieder. Mittendrin: Luca Piwodda. Für ihn seien die Gottesdienste eine wichtige Zeit der Reflexion.
Warnkross beschreibt die Beziehung der beiden als "Thinktank", eine Art Ideenschmiede. Für ihn ist Piwoddas Erfolg kein Zufall: Sein "Zaubermittel" sei die Fähigkeit, integrativ zu arbeiten. Piwodda vermeide ideologische Grabenkämpfe und setze darauf, mit allen zu arbeiten, die an Lösungen mitwirken wollen.
Dieses Prinzip prägt auch seinen politischen Ansatz. In Piwoddas Büro liegt eine Ausgabe des "Stern" mit ihm auf dem Titel: "Die AfD-Besieger". Piwodda hält davon wenig. Er sei ja nicht angetreten, die AfD zu besiegen, sondern um konkret etwas für die Gartzer zu gestalten, sagt er. Außerdem sei seine einzige Gegenkandidatin Evelin Wenzel (Linke) gewesen.
Pragmatismus statt Parteistreit
"Ich will, dass Parteipolitik vor der Rathaustür bleibt", so der 26-Jährige, der als Student die Partei Freiparlamentarische Allianz (FPA) mitgründete und nun im Bundesvorstand der Partei des Fortschritts sitzt. Sein Konzept nennt er den "Gartzer Weg": "Dass alle miteinander anpacken, unabhängig von Parteizugehörigkeit oder auch Familienstreitigkeiten." Fraktionen gibt es in der Stadtverordnetenversammlung faktisch nicht, Entscheidungen sollen sich an Ideen orientieren: "Die beste Idee setzt sich durch." Zuvor sei die Gartzer Stadtpolitik zerstritten gewesen. "Es gab verschiedene Lager, die politische Kultur war vergiftet, so konnten wir nicht weitermachen", sagt Piwodda.
Vor allem in einer Stadt wie Gartz stößt sein Ansatz an reale politische Verhältnisse. Bei der Landratswahl im April erreichte der AfD-Kandidat hier fast 60 Prozent. In der Stadtverordnetenversammlung stellt die Partei mit zwei von zehn Sitzen die stärkste Kraft. Eine klare Abgrenzung, wie sie bundespolitisch geführt wird, hält Piwodda im lokalen Kontext für schwer praktikabel. Man könne nicht jeden zweiten Wähler ausschließen. Tatsächlich funktioniert die Zusammenarbeit vor Ort offenbar pragmatisch. Auch der AfD-Vertreter Holger Miethling sagt: "Wir wollen etwas für die Region bewegen und uns nicht mit Parteienstreitereien zermürben."
Integrativer Ansatz als Erfolgsrezept
Für Warnkross ist genau das der entscheidende Punkt: Piwoddas Fähigkeit, Menschen zusammenzubringen. "Er kann mit 90‑Jährigen beim Geburtstag fröhlich sein, aber er kann auch mit jungen Leuten Party machen", sagt er. Diese Beweglichkeit sei zentral. "Er ist im Grunde so einer, der den Glauben erweckt, dass es doch mit der Zukunft noch etwas wird."
"Wir erreichen Menschen, die wahrscheinlich nie demokratisch oder ehrenamtlich aktiv geworden wären. Diese Menschen holen wir durch Selbstwirksamkeitserfahrung zurück", sagt Piwodda. In einer Zeit, in der sich viele Menschen vom Staat verlassen und von den Parteien nicht angesprochen fühlen, zeige man: "Ihr könnt ganz konkret da und da mitmachen. Deshalb hatten wir letztes Jahr drei Vereinsgründungen: Chor, Darts-Verein und Rathaus-Förderverein", so Piwodda.
Die andere Sicht: Zweifel und Realismus
Doch nicht alle teilen die optimistische Sicht uneingeschränkt. Evelin Wenzel (Linke) sagt: "Man muss trotzdem einen kühlen Kopf bewahren, kritisch bleiben", sagt sie. Kommunalpolitik habe enge Grenzen: "Viele Sachen dauern wirklich", die finanziellen Spielräume würden immer knapper. Fortschritte seien möglich – aber meist nur stückchenweise.
Und sie betont: "Opposition ist nicht schlecht. Wir wollen ja eine Demokratie haben." Piwodda kommentiert solche Einwände so: "Jeder bringt das ein, was er will, und wir unterdrücken niemanden, jeder darf seine Meinung sagen".
Gleichwohl erkennt Wenzel die neue Dynamik an: Piwodda reiße viele Leute mit, in der Stadt herrsche eine positive Stimmung. "Man sieht schon, dass sich etwas geändert hat", sagt sie. Initiativen wie die Kulturallianz brächten Menschen zusammen, die zuvor isoliert gewesen seien. "Da geht es nicht nur um die Sache. Dort geht es auch um soziale Kontakte." Ein Teil der Veränderung beruhe stark auf Ehrenamt, betont sie.
Bürokratie als "Endgegner"
Piwodda stößt immer wieder an Grenzen. "Bürokratie ist echt mein Endgegner", sagt er. Verfahren dauern, Geld ist knapp. Und doch hält er an seinem Tempo fest. Seine Schwerpunkte sind klar: Bürgerbeteiligung, Tourismus und erneuerbare Energien. Die Oderpromenade soll zu einer Fußgängerzone umgestaltet und die Marina aufgewertet werden, ein digitaler Stadtrundgang ist geplant, im Sommer sollen erste Ausflugsschiffe aus Stettin anlegen. In einem Ortsteil sollen Windkraftanlagen gebaut werden, als Nächstes stünden Photovoltaikanlagen an.
Der große wirtschaftliche Aufschwung und Ansiedlungen von Unternehmen, wie direkt hinter der polnischen Grenze, wird in Gartz aber vermutlich noch auf sich warten lassen. "Ein Gewerbegebiet steht seit 20 Jahren im Bebauungsplan", sagt Piwodda. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen seien jenseits der Grenze einfach attraktiver als in Deutschland, sagt Hilmar Warnkross. In Polen komme man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, sagt er mit Blick auf die vielen neuen Ansiedlungen dort. Die Rahmenbedingungen seien ein Thema, was aber auf Bundesebene gelöst werden müsse.
Die Nähe zu Polen sei andererseits auch eine Chance für Gartz, sagt Piwodda. "Ohne polnischen Zuzug würde Gartz auch keine so gute Zukunft haben, wie wir sie jetzt gerade sehen. Weil wir natürlich polnische Kinder in der Gartzer Kita und in der Grundschule haben", so der Bürgermeister. Ein Imbiss, ein Café und ein Blumenladen werden von Polinnen betrieben. "Die Polen kommen hierher, bringen sich aktiv in das Wirtschaftsleben ein. Das ist eine totale Bereicherung", so Piwodda. Laut Amt für Statistik Berlin-Brandenburg sind 308 der Gartzer Einwohner Nichtdeutsche - rund 13 Prozent.
Über das, was er tut, spricht Piwodda, Gründer einer Kommunikationsagentur, regelmäßig. Jeden Sonntag veröffentlicht er einen Wochenbericht in sozialen Medien und erzählt, was jeweils anstand. "Das ist für mich so etwas wie eine Gartzer Tagesschau", sagt er. Kritiker werfen ihm Selbstdarstellung vor. Für ihn ist Transparenz ein Mittel gegen Politikverdrossenheit.