An den kleinen Luca erinnert sich Anke Siebert bis heute. Die Feuerwehr rief beim Frankfurter Kinder- und Jugendschutztelefon an, das sieben Tage die Woche besetzt ist, und bat um Hilfe. Lucas Mutter befand sich in einem psychischen Ausnahmezustand, die Frau schrie ununterbrochen, der Rettungsdienst brachte sie in die Psychiatrie. "Das Kind verstand überhaupt nicht, was los war", erinnert sich die Leiterin des Teams Kinder- und Jugendschutz im Frankfurter Jugend- und Sozialamt.
Der Vierjährige wurde "in Obhut genommen", wie es im Amtsdeutsch heißt: Bei akuter Gefahr wird das Kind aus der Familie genommen und vorübergehend an einem sicheren Ort untergebracht. "Im Auto sagte der Junge zu mir: Danke, dass Du mich mitgenommen hast."
Was diese Szene so ungewöhnlich macht
Die Szene ist Siebert nicht nur deswegen so im Gedächtnis geblieben, weil die Worte erstaunlich waren für ein so kleines Kind - sondern auch, weil die Mitarbeiter der Inobhutnahmestelle nicht immer so positiv empfangen werden. Es gibt das Bild vom bösen Amt, das Eltern die Kinder wegnimmt. Gerade deshalb ist es Siebert und ihrer Kollegin Melissa Kaufmann wichtig, Einblick in ihre Arbeit zu geben.
Wir treffen die beiden Frauen in den schlichten Büros des Frankfurter Jugend- und Sozialamts neben dem Polizeipräsidium. Bei einem Einsatz vor Ort dabei sein dürfen wir nicht - der Schutz des Kindes hat höchste Priorität und die Situation ist auch ohne Presse für alle stressig genug. Aber Kaufmann nimmt uns mit in einen Raum mit Kuscheltieren und Kindermöbeln. Hier versuchen die Mitarbeiter, mit den Kindern ins Gespräch zu kommen, um herauszufinden, was zu Hause los ist und wie es ihnen damit geht.
Mehr als 6.000 Inobhutnahmen in Hessen
2024 haben laut Statistischem Landesamt die Jugendämter in Hessen mehr als 19.000 "Gefährdungseinschätzungen" durchgeführt. In gut jedem dritten Fall sahen sie das Kindeswohl gefährdet - durch psychische Misshandlungen, Vernachlässigung, körperliche Misshandlungen oder sexuelle Gewalt.
6.140 Mal wurden 2024 Kinder und Jugendliche in Hessen in Obhut genommen, in Frankfurt waren es 1.516. Zahlen für 2025 liegen noch nicht vor. Das Statistische Landesamt berichtet von einem "langfristigen Anstieg": Die Zahl der behördlich festgestellten Kinderwohlgefährdungen in Hessen nimmt seit Beginn der Erhebung im Jahr 2012 kontinuierlich zu. In zehn Jahren hat sich die Zahl verdreifacht.
War früher alles besser?
Siebert, die seit rund 25 Jahren mit Inobhutnahmen befasst ist, glaubt nicht, dass "alles immer schlimmer wird", wie man so oft hört. "Nach meinem Gefühl sind die Menschen viel aufmerksamer geworden", sagt die erfahrene Fachkraft. Früher habe die Einstellung vorgeherrscht: Was in der Familie passiere, gehe keinen was an. Heute würden Verdachtsfälle viel häufiger gemeldet. "Die Mitarbeiter befinden sich genau in diesem Zwiespalt: Es ist gut, dass die Menschen wachsamer sind. Aber wir wissen oft nicht, wie wir die Flut bewältigen sollen."
Die Arbeit sei "belastend", geben beide Frauen zu. Im Team gibt es viele freie Stellen und eine hohe Fluktuation. "Wir sind ja keine Maschinen. Und manche Schicksale sind einfach tragisch", sagt Siebert. Auch Kaufmann, die seit sechs Jahren hier arbeitet, erinnert sich an viele "sehr emotionale Situationen". Was ihr in solchen Momenten hilft: "Ich sage mir: Wir machen das nicht gegen die Eltern, sondern für die Kinder."
Beim Polizeieinsatz dabei
Kaufmann schildert einen typischen Fall: häusliche Gewalt. Ein Team vom Kinder- und Jugendschutz wird zu einem Polizeieinsatz gerufen - der Vater hatte Mutter und Kind angegriffen. Besteht akute Gefahr für Leib und Leben, muss sofort entschieden werden, das Kind kommt dann in eine sogenannte Inobhutnahmeeinrichtung oder zu einer Bereitschaftspflegefamilie.
Diese Einrichtungen betreibt das Jugend- und Sozialamt nicht selbst, das machen externe Träger. Rund 50 Plätze gibt es in Frankfurt in Wohnheimen und noch einmal rund die gleiche Anzahl bei Familien. Reicht das aus? "Nö" - die Antwort von Siebert dauert keine Sekunde.
Schutzplan und Drehkreuz
Weil es so wenig Plätze gibt - und noch weniger, die für das jeweilige Kind geeignet sind - kann es sein, dass das einzige freie Bett fünf Autostunden weit entfernt ist. Auf der Liste der Schwierigkeiten, die die Arbeit von Siebert und Kaufmann erschweren, steht dieses Problem weit oben.
Wenn ein Platz gefunden ist, ist die Arbeit damit keineswegs beendet - eigentlich fängt sie dann erst an. Die Mitarbeiter sprechen mit der Polizei, der Schule, Verwandten und Nachbarn, vor allem aber mit den Eltern. Sind sie bereit, die Probleme zu lösen? In schlimmen Fällen entsteht ein "Drehkreuz-Effekt": Das Kind darf zurück und danach geht es wieder los.
Der Fall Noah
Anfang des Jahres wurde ein Fall bekannt, der weit über Frankfurt hinaus die Menschen bewegte: Der achtjährige Noah wurde vermisst, die Polizei suchte tagelang nach dem Jungen. Schließlich wurde er in Südhessen gefunden - mit seiner Mutter, der das Sorgerecht entzogen worden war, der Junge war in Obhut genommen worden. Später meldete sich eine Tante, die diese Entscheidung kritisierte.
Das Amt und das Dezernat kommentieren den Fall nicht, aber Kaufmann stellt grundsätzlich klar: "Eine Inobhutnahme ist immer das letzte Mittel." Keine Entscheidung werde alleine getroffen, es gelte das Vier- oder Sechs-Augen-Prinzip. Und alle Entscheidungen würden kontinuierlich überprüft. "Ziel ist, die Familie wieder zusammenzubringen", sagt Siebert. "Wir fragen uns immer: Wie weit kann ich gehen, um das Kind in der Familie lassen?"