Die vielleicht älteste Taube des Hofs ist stolze 20 Jahre alt. "Opa kann nicht mehr fliegen und hat noch dazu ein Auge verloren", sagt Gudrun Stürmer, während die ehemalige Brieftaube auf ihrer Hand sitzt. Das Tier lebt mit rund 500 weiteren Tauben, die allermeisten davon Stadttauben, auf dem "Gnadenhof" des Vereins "Stadttaubenprojekt Frankfurt". Dabei wäre "Lebenshof" der passendere Name, wie Stürmer findet.
Auf dem 4.500 Quadratmeter großen Gelände im Stadtteil Oberrad sollen die Tauben eine neue Chance bekommen. "Unser Konzept ist, Tieren, die draußen nicht mehr leben können, eine stabile Zukunft zu geben", sagt die 71-Jährige.
Zum einen gehe es darum, denjenigen Tauben, die nicht mehr in Freiheit leben könnten, einen Ort zu geben, an dem sie in Würde alt werden. Zum anderen würden kranke Tiere aufgepäppelt und in offene Volieren gesetzt. Dann könnten diese entscheiden, ob sie bleiben oder weiterziehen wollten.
Stadt geht von 8.000 bis 15.000 Tauben in Frankfurt aus
Wie viele Tauben in Frankfurt leben, ist schwer zu sagen. Laut Schätzungen der Stadt sind es 8.000 bis 15.000 Tiere. In Frankfurt sind sie wie in anderen Städten auch ein emotional diskutiertes Thema.
"Tauben sind den Menschen recht ähnlich: Es sind viele, sie sind laut - und sie machen Dreck. Deshalb können viele die Tiere nicht leiden", sagt Stürmer, die früher in einer Werbeagentur gearbeitet hat. Vor mehr als 40 Jahren entdeckte sie eine verletzte Taube am Hauptbahnhof. Sie fing an, sich zu engagieren und gründete wenig später den Verein, wie sie erzählt.
Es gehe einfach darum, dass die Tauben ein anständiges Leben führten. Denn: "Den Tauben in Frankfurt geht es – wie in fast allen Großstädten – schlecht." Stürmer zufolge finden sie oft kein Wasser und fressen Unrat, was zu Nieren- und Lebererkrankungen bis hin zu Vergiftungen führen könne.
Was tun, wenn man kranke oder verletzte Vögel findet?
Verletzte oder kranke Tauben können direkt zum Hof gebracht werden. Man könne auch anrufen, dann werde das Tier abgeholt, erklärt Stürmer. Auf dem Gelände des früheren Kleintierzuchtvereins entsteht gerade eine neue Krankenstation. Zudem gibt es Käfige sowie mehrere geschlossene und offene Volieren, die nach Frankfurter Stadtteilen oder Orten benannt sind.
"Das ist der Westbahnhof", sagt Stürmer und zeigt auf eine der Volieren. Wird also eine Taube in der Nähe dieses Bahnhofs aufgesammelt, kommt sie dort hinein. "Wir wollen, dass Tiere, die aus einem bestimmten Ort kommen, gegebenenfalls wieder zueinanderfinden."
Doch es gibt nicht nur Tauben auf dem Gelände. An diesem Märztag ziehen zahlreiche wilde Krähen ihre Runden in der Luft. "Sie essen die ausgetauschten Eier, dafür halten sie die Habichte fern", erklärt Stürmer.
Um die 400 Eier werden monatlich ausgetauscht
Ausgetauschte Eier? Ohne Bestandskontrollen wie Eieraustausch würden sich die Stadttauben rasant vermehren. Auch dies sei ein menschengemachtes Problem, "denn es liegt an der Zucht, dass die Tiere bis zu achtmal im Jahr brüten", erläutert die Expertin. Die Mitarbeiter des Gnadenhofs tauschen laut Stürmer im Monat um die 400 Eier gegen Gipseier aus.
Für seine Arbeit ist der Verein, der auf Spenden angewiesen ist, mehrfach ausgezeichnet worden. 2023 bekam Stürmer den Deutschen Tierschutzpreis für ihr Lebenswerk. Sie sei "unerlässlich für den Schutz der Tauben im Rhein-Main-Gebiet: eine hartnäckige Fürsprecherin, die die Öffentlichkeit sensibilisiert und für die Tiere eintritt", hieß es damals.