Aufarbeitung
Missbrauch in Klosterschule: Aufarbeitung Jahrzehnte danach

Das Gymnasium Vossenack wurde vom Franziskaner-Orden gegründet und ist heute in Trägerschaft einer gemeinnützigen Schulgesellsch
Das Gymnasium Vossenack wurde vom Franziskaner-Orden gegründet und ist heute in Trägerschaft einer gemeinnützigen Schulgesellschaft. Foto
© Oliver Berg/dpa
Eine neue Studie offenbart das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs durch Franziskanermönche – und die jahrzehntelange Vertuschung. Aus Sicht der Betroffenen kommt die Aufarbeitung zu spät.

"Die Übergriffe waren immer Thema unter uns Jungs", erinnert sich Peter Krosch an seine lang zurückliegende Kindheit und Jugend am Franziskaner-Internat Vossenack. Er ist einer von mehreren Betroffenen, die vor Jahrzehnten in der einst von Franziskaner-Mönchen gegründeten Schule in Hürtgenwald in der Eifel sexualisierte Gewalt erlebten. 

Heute prangert er vor allem die jahrzehntelange Vertuschung und verschleppte Aufarbeitung an: "Das zweite Verbrechen neben den verübten Taten ist das Wegducken derjenigen, die wussten, was passiert ist", sagt er.

Eine nun in München vorgestellte Studie des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung im Auftrag der deutschen Franziskaner-Provinz dokumentiert nun erstmals das Ausmaß der Übergriffe durch Franziskanerbrüder in Schulen, Internaten und Gemeinden in Deutschland und rückt das so lange verleugnete Leid der Betroffenen in den Mittelpunkt. Für eine Strafverfolgung der meisten Täter kommt die Aufarbeitung aber zu spät. 

Schwere sexuelle Gewalt an vielen Franziskaner-Standorten

Ermittelt wurden insgesamt über 100 Betroffene – zu Dreivierteln männlich – und insgesamt 98 namentlich bekannte Tatverdächtige – überwiegend seien sie inzwischen verstorben. "Wir haben Hinweise darauf, dass das Dunkelfeld ein Vielfaches höher ist", sagt Studienautor Peter Caspari. Dokumentiert wurden dabei auch zahlreiche Fälle schwerer sexueller Gewalt, wie Vergewaltigungen und andere sexuelle Übergriffe. Oft waren die Kinder über Jahre hinweg betroffen.

Zu Übergriffen sei es dabei zum einen in Kirchengemeinden gekommen, in denen Ordensbrüder etwa in Messdienergruppen eingesetzt waren, zum anderen in Schulen und Internaten, in denen meist männliche Jugendliche dem ordenstypischen Klima von Gehorsam und Leistungsorientierung unterworfen waren.

Jahrzehntelange Verleugnung

In solchen Einrichtungen hätten sich die Täter exklusive Räume geschaffen, in denen sie Zugriff auf die Kinder hatten, etwa in Präfektenzimmern in der Nähe der Schlafsäle, schilderte Caspari. Die Mitbrüder hätten dabei weggesehen. Besonders viele Meldungen gab es aus Vossenack, wo ein ganzer Abiturjahrgang die Aufarbeitung mit angestoßen hatte, aber auch aus vielen anderen Einrichtungen, in denen Franziskaner-Mönche eingesetzt waren.

Wurden Fälle bekannt, seien Täter versetzt worden, ohne die neuen Wirkungsstätten über die Gründe der Versetzung zu informieren, schildert Caspari. Ein hohes Maß an Loyalität unter den Mitbrüdern und eine Hilflosigkeit im Umgang mit dem Missbrauch habe die Gewalt nur verstetigt.

Hören, was Betroffene berichten

Bis in die 2010er Jahre seien die Vorfälle verleugnet oder nur auf Druck von außen zugegeben worden. "Der Orden hat sehr lange Zeit so getan als würde das Thema sexualisierte Gewalt oder sexuelle Übergriffigkeiten überhaupt nicht existieren in den eigenen Reihen", so Caspari. Das Leid der Betroffenen sei dabei viel zu wenig in den Blick genommen worden.

Bei der Vorstellung der Studie sitzen daher bewusst zwei Männer mit eigener Missbrauchserfahrung mit auf dem Podium: Für Achim Görke, der 1977 in Vossenack Abitur machte, und Peter Krosch, danach erst Schüler der Franziskaner-Schule, ist die Aufarbeitung ein längst überfälliger Schritt. 

Als Kind und auch viele Jahre später sei es ihm nicht möglich gewesen sich zu offenbaren, schildert Görke: "Scham spielt eine ganz große Rolle", sagt er. "Man erzählt nicht, was der Priester gemacht hat" – und so sei seine Geschichte 50 Jahre lang verschlossen gewesen, "weil ich es nicht ansprechen konnte."

Vorwurf: Aufarbeitung wurde verschleppt und kommt zu spät

Krosch schließt sich an: "Als Betroffene mussten wir die Erfahrung machen, dass es niemanden gab, der auch nur ansatzweise unser Leid im Blick hatte, sich verantwortlich für unseren Schutz gezeigt hat." Auch Jahre später habe niemand diese Verantwortung übernehmen wollen. Und auch, ob nun etwas passiere, das sei für ihn "mit einem großen Fragezeichen versehen"."Die Studie kommt spät und tragischerweise für viele zu spät", räumt Markus Fuhrmann, Leiter der Deutschen Franziskaner-Provinz ein. Zuvor hatte er auf dem Podium die Gelegenheit genutzt, sich im Namen der Institution zur Schuld innerhalb der Ordensgemeinschaft zu bekennen und die Betroffenen um Vergebung zu bitten.

"Sich diesen dunklen Seiten der eigenen Geschichte zu stellen, ist schwer. Aber es ist notwendig", sagte er. Auf Grundlage der Studie wolle man nun weitere Maßnahmen entwickeln: Schutzkonzepte überarbeiten, Prävention stärken, den Mentalitätswechsel vorantreiben.

Reue ja – aber fehlendes Verständnis für eigene Taten

Wie wichtig vor allem letzterer sein dürfte, zeigt ein weiterer erschreckender Befund der Forscher: Der einzige Tatverdächtige, mit dem die IPP-Vertreter im Zuge ihrer Dokumentation noch sprechen konnten, habe zwar Reue gezeigt – die Person habe aber nicht verstanden, dass es um die Verübung sexueller Gewalt ging, so Forscherin Helga Dill: "Sie hat Reue gezeigt in Bezug darauf, dass sie das Gelübde der Ehelosigkeit verletzt hat."

dpa