Abends im Scheinwerferlicht wirkt sie besonders monumental und majestätisch, die Severinstorburg in der Kölner Südstadt. Im Herzen der Kölnerinnen und Kölner hat sie einen besonderen Platz, weil von hier aus der Rosenmontagszug startet, der größte deutsche Karnevalszug. Die 11.500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer und 21 Persiflage-Wagen müssen alle durch dieses Nadelöhr.
Echtes Mittelalter in der Großstadt
Wie eine Filmkulisse oder Fata Morgana ragt der archaische Bau aus der spröden Nachkriegsarchitektur der Millionenmetropole hervor. Mit seinen Zinnen und dem hochgezogenen Fallgitter sieht er aus wie eine Ritterburg. Und tatsächlich ist es so etwas Ähnliches: Als eines der schwer befestigten Stadttore schützte die Severinstorburg das mittelalterliche Köln, die damals bevölkerungsreichste Stadt in deutschen Landen mit der größten aller Stadtmauern. Das Tor war ein Teil davon. Um 1230 wurde es erbaut, noch lange vor dem Kölner Dom. Echtes Mittelalter also.
Erst zur Bismarck-Zeit musste die Stadtmauer weichen, wobei das repräsentative Tor stehen blieb. Heute kann man im Inneren heiraten und Partys feiern. Direkt dahinter, an der Severinstraße 1, befindet sich das Haus, in dem BAP-Sänger Wolfgang Niedecken aufgewachsen ist. Vom Fenster seines Kinderzimmers aus blickte er direkt auf die Severinstorburg. Er hat sie damals so oft gezeichnet, dass er schließlich auswendig wusste, wie viele Fenster und Zinnen sie hatte. Weil die Oma seines besten Freundes Hausmeisterin der Burg war, durften sie sogar darin spielen. Bei gutem Wetter konnten sie von oben das Siebengebirge erkennen. In ihrer Fantasie waren das fast schon die Alpen. Hinter den Alpen war irgendwo das Meer. Und dahinter fing Afrika an.
Hunderttausende spornen die Zugteilnehmer an
Und dann also der Karneval. Der Chlodwigplatz vor dem Severinstor ist die große Sammelstelle. Während beim Rosenmontagszug nur Mitglieder der Karnevalsgesellschaften mitmachen, können sich an den "Schull- un Veedelszöch" am Karnevalssonntag auch andere Kölner beteiligen. Allerdings darf man sich das nicht zu einfach vorstellen. Die Vorbereitungen beginnen schon unmittelbar nach dem Ende der Sommerferien. Denn alle Kostüme müssen selbst gemacht sein.
Am Tag des Umzugs ist der Stress groß. Die Lage verkompliziert sich dadurch, dass das Aufsuchen einer Toilette während des Zugs nicht möglich ist. Aus diesem Grund bekommen die Kinder vorsorglich nichts zu trinken. Dabei liegen vor den vier Stunden Zugweg noch etwa zwei Stunden Wartezeit am Tor.
Warum um alles in der Welt nimmt man das auf sich? Darauf gibt es nur eine einzige Antwort: Vier Stunden an Hunderttausenden von Gesichtern vorbeizuziehen, die einen anlachen und anspornen, das ist ein unglaubliches Erlebnis, das sonst nur Marathonläufern und anderen Top-Sportlern zuteilwird. Und darum tun viele Kölner alles dafür, um nächstes Jahr wieder vor der Severinstorburg zu stehen.