Kriminalität Gefahr im Glas - Problem K.o.-Tropfen in Clubs

Zwei Gläser stehen unbeaufsichtigt auf einem Tisch im Club. (Symbolbild) Foto: Jens Kalaene/dpa/dpa-tmn
Zwei Gläser stehen unbeaufsichtigt auf einem Tisch im Club. (Symbolbild) Foto
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Ein Drink zu viel oder schon ein Verbrechen? Warum die Dunkelziffer bei K.o.-Tropfen in Sachsen-Anhalt so hoch ist und wie Clubs versuchen, ihre Gäste vor unsichtbaren Angriffen zu schützen.

Beim Feiern auf das Getränk achten, es in der Hand behalten und nichts von Fremden annehmen: Wer ausgeht, kennt diesen Ratschlag. Auch Clubs und Veranstalter stellen sich darauf ein, Gäste vor "Spiking" - der heimlichen Verabreichung von Rauschmitteln - zu schützen. 

Der Inhaber des Magdeburger Geheimclubs, Enrico Ebert, kennt das Problem und will dagegen vorgehen: "Gäste, die unachtsam mit ihren Getränken umgehen, werden sofort angesprochen und achtlos abgestellte Getränke direkt abgeräumt." An einem Automaten im Club können sich Gäste Silikondeckel für Flaschen und Gläser besorgen. Doch dennoch kommt "Spiking" vor. Deswegen setzt Ebert darauf, dass sein Personal grundsätzlich auf solche Situationen vorbereitet ist. Dabei hilft auch ein sogenanntes Awareness-Konzept. 

Awareness-Trainerin berät Clubs zu solchen Fällen

Awareness-Trainerin Serafina Blaas aus Halle führt unter anderem zu diesem Thema Workshops für Veranstaltungspersonal durch. Sie betont, wie wichtig neben der Prävention auch der richtige Umgang mit Betroffenen sei und dass sämtliches Clubpersonal dafür geschult sein sollte. 

Dabei lernen die Teilnehmenden, gewissenhaft zu unterstützen, wenn Gäste sich unwohl oder unsicher fühlen oder etwa eine unerklärliche Veränderung ihres Zustands merken - wie bei K.o.-Tropfen. "Ein Awareness-Team ist im Zweifel ansprechbar und kann im Idealfall Hilfe zu medizinischen oder beratenden Stellen vermitteln", sagt Blaas. In der Zwischenzeit fänden Betroffene Zuflucht und Ruhe - aber auch einen geschützten Raum. 

Wenige Anzeigen und hohe Dunkelziffer

Das Landeskriminalamt (LKA) in Sachsen-Anhalt erfasste in den vergangenen fünf Jahren 72 Anzeigen im Zusammenhang mit K.o.-Tropfen und Sedierung - verweist aber auf eine hohe Dunkelziffer: Weil die Datenlage nicht eindeutig sei und weil solche Fälle nicht immer zur Anzeige gebracht würden. 

Ein Nachweis sei nicht immer leicht, sagt Tim Pottel, geschäftsführender Oberarzt der zentralen Notaufnahme in Halle. Solche Substanzen könnten nur innerhalb von ein paar Stunden im Blut oder im Urin nachgewiesen werden. Darüber hinaus spiele auch der psychische Faktor der Betroffenen eine Rolle. 

"Oft entscheiden sich die Betroffenen gegen einen rechtsmedizinischen Beistand in diesem Fall", sagt Pottel. Ohne Einschätzung des Rechtsmediziners sei es im Nachhinein aber nicht mehr möglich, eine Anzeige zu erstatten. 

Viele Fälle in den Notaufnahmen

In die Notaufnahmen der Universitätskliniken in Halle und Magdeburg kommen häufig Menschen mit Vergiftungen oder Überdosierungen von berauschenden Substanzen. Allerdings ist es für die Notärzte schwer auszumachen, welche Substanz vorliegt und ob es sich dabei um eine Fremdeinwirkung handelt. 

"Dann können wir nur die Betroffenen befragen", sagt Christoph Keil, Facharzt für Anästhesiologie und Intensivtherapie an der Uniklinik Magdeburg. Seien die Personen nicht mehr ansprechbar, würden eventuell Angehörige konsultiert. Zuallererst aber müssten die physischen Funktionen wie Atem und Kreislauf stabilisiert werden. 

"Spiking" umfasst mehr als K.o.-Tropfen

Es müssen nicht immer K.o.-Tropfen sein, die zu solchen Fällen führen. "Spiking bezeichnet das unwillentliche oder unwissentliche Verabreichen von Substanzen und umfasst genauso Alkohol" betont Blaas. "Das fängt schon an, wenn jemand sagt, er möchte nicht trinken und eine andere Person an der Bar trotzdem ein Getränk mit Alkohol bestellt". 

Im Volksmund würde man es als "Abfüllen" bezeichnen, wenn gegen den Willen Hochprozentiges in einem eigentlich alkoholfreien Getränk gemischt ist. "Auch das ist schon eine Grenzüberschreitung", sagt Blaas. 

Schlussendlich liegt es aber nicht nur am Personal, aufmerksam zu sein. So hat Clubinhaber Ebert beobachtet, dass Mitfeiernde aufeinander achten: "Auch Gäste übernehmen diese Aufgabe sehr gewissenhaft. Meiner Meinung nach ist es wichtiger, dieses Gemeinschaftsgefühl zu fördern, als die Verantwortung an einzelnen Personen festzumachen."

dpa

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