Der öffentliche Nahverkehr steht in Teilen Thüringens seit den frühen Morgenstunden still. Die Warnstreiks haben wie angekündigt begonnen, bestätigten Sprecher der Gewerkschaft Verdi vor Ort. "Der Nahverkehr steht komplett still", sagte etwa Verdi-Sprecher Nathanael Falk in Erfurt. Seinen Angaben nach beteiligten sich in der Frühschicht um die Hundert Beschäftigte der dortigen Verkehrsbetriebe am Ausstand.
Verdi hat während der laufenden Tarifverhandlungen für den ganzen Tag zu Warnstreiks bei den kommunalen Verkehrsunternehmen aufgerufen. Betroffen sind Erfurt, Jena, Gera, der Saale-Holzland-Kreis, der Kyffhäuserkreis, Mühlhausen, Sondershausen, der Unstrut-Hainich-Kreis, Gotha, Weimar und das Weimarer Land.
Straßenbahnen und Busse fahren nicht
Die Straßenbahn- und Buslinien fallen dort größtenteils komplett aus. Auch der Schülerverkehr ist davon betroffen. Im Saale-Holzland-Kreis ist ein Notfallfahrplan für den Busverkehr eingerichtet, wie die JES Verkehrsgesellschaft informierte. Die Einschränkungen dauern bis in die Nacht zum Dienstag an.
Dagegen fahren viele private Busunternehmen, die nicht unter den Tarifvertrag fallen, wie üblich. Der Verband Mitteldeutscher Omnibusunternehmen (MDO), der die privaten Unternehmen vertritt, hatte sich bereits im vergangenen Jahr mit der Gewerkschaft auf einen Tarifabschluss geeinigt.
Auch Universitätsklinikum Jena bestreikt
Mit Einschränkungen müssen auch Patienten des Universitätsklinikums Jena rechnen. Dort rief Verdi zu Warnstreiks im Zuge der Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst auf. Die Versorgung von Notfällen und lebenswichtige Behandlungen ist durch eine Notdienstvereinbarung mit der Gewerkschaft abgesichert, wie das Universitätsklinikum mitteilte. Vom Ausstand sind demnach geplante Untersuchungs- und Behandlungstermine betroffen. Über Ausfälle haben die betroffenen Patienten vorab eine Information erhalten.
Erste Verhandlungsrunde gescheitert
Verdi begründete die Aktion in Thüringen damit, dass die erste Verhandlungsrunde zum Tarifvertrag Nahverkehr ohne Ergebnis geblieben sei - die Arbeitgeber wollten demnach sogar eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. So solle beispielsweise die Arbeitszeit verlängert werden. "Das Verhalten der Arbeitgeber ist empörend", sagte Verdi-Verhandlungsführer Paul Schmidt. Die Beschäftigten zeigten flächendeckend an, dass die Belastung zu hoch ist. "Darauf mit einer Verlängerung der Arbeitszeit und einer Verschärfung der Arbeitsbedingungen zu reagieren, ist geradezu grotesk".
Verdi fordert 35-Stunden-Woche und 300 Euro mehr
Für die Beschäftigten im Nahverkehr fordert Verdi eine 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich. Die Gehälter sollen um 300 Euro steigen, bei Auszubildenden um 150 Euro. Zusätzlich soll die Zeit zwischen den Schichten auf 12 Stunden ununterbrochene Ruhezeit verlängert werden. Im öffentlichen Dienst geht es der Gewerkschaft um eine Erhöhung der Gehälter um sieben Prozent, mindestens jedoch um 300 Euro monatlich.
Arbeitgeber: Forderungen nicht finanzierbar
Die Nahverkehrs-Tarifverhandlungen haben nach Angaben des kommunalen Arbeitgeberverbandes in Thüringen am 27. Januar begonnen. Die von Verdi geforderte 35-Stunden-Woche sowie Einkommensverbesserungen von mehr als acht Prozent seien nicht finanzierbar, erklärte der Verband. Es gehe um einen ausgewogenen Abschluss, "der den derzeitigen schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gerecht wird und zugleich das Leistungsangebot und die Qualität des Nahverkehrs in Thüringen sichert".