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#Outinchurch Wie die katholische Kirche mit queerer Liebe umgeht, hat menschenverachtende Züge

Eine Regenbogenfahne weht an der an der Herz-Jesu-Kirche in Freiburg
Die katholische Kirche predigt Liebe. Aber die offizielle Lehre heißt nicht jede Form der Liebe gut. 
© Winfried Rothermel / Picture Alliance
Die katholische Kirche muss beim Thema Sexualität dringend umdenken. Das ist sie ihren mutigen Angestellten schuldig, die sich jetzt geoutet haben. Und sie trägt für die ganze Gesellschaft Verantwortung. 

Es wirkt wie aus der Zeit gefallen. Es ist schmerzhaft und es macht wütend. Menschen, die um ihre Jobs bangen müssen, weil sie zu ihrer sexuellen Orientierung und Identität stehen. Weil sie Priester, Religionslehrerinnen, Jugendleiter oder Pfleger sind, schwul, lesbisch, bi oder trans, und damit nicht der Moral- und Sittenlehre  der katholischen Kirche entsprechen. Bekennt sich eine lesbische Pastoralreferentin zu ihrer Partnerin, riskiert sie ihren Job. Die Folgen sind Versteckspiele, enormer psychischer Druck, Denunziantentum.

Umso bemerkenswerter ist der Mut, mit dem sich in der Aktion #OutinChurch 125 Menschen gegen diese Diskriminierung stellen. Die Beteiligten fordern "eine Kirche ohne Angst". In der ARD-Dokumentation "Wie Gott uns schuf" erzählen viele von ihnen ihre Geschichten. "Ich mache bei dem Projekt mit, weil ich sehr unter der Verheimlichung in meinem Beruf gelitten habe. Ich finde, das ist ein Stück menschenverachtend und ich möchte, dass das aufhört", sagt die Theologin Monika Schmelter, die bei der Caritas gearbeitet hat. Jahrzehntelang haben Schmelter und ihre Partnerin, eine Religionslehrerin, ihre Liebe geheim gehalten.

Es wäre zynisch, diese Probleme als kirchenintern abzutun und als freie Entscheidung jedes Individuums, sich in den Dienst der katholischen Kirche zu stellen. Dafür ist das Leid der Betroffenen zu groß. Dafür verdient ihr Mut zu sehr Respekt und Unterstützung. Dass sie ihrer Kirche trotz der Sorgen und Demütigungen treu bleiben, zeigt, wie viel ihnen an ihrer Institution und ihrem Glauben liegt. Sie wollen diese Kirche zu einem besseren Ort machen. Diese Missstände und dieses Engagement gehen uns alle etwas an. 

Solange sich die Regeln nicht ändern, bleibt die Angst

Auch wer in Deutschland nichts mit der katholischen Kirche und ihren Anstellungspraktiken zu tun haben möchte, kann sich dem nur schwer in Gänze entziehen. Altenheime, Kindergärten, Krankenhäuser – die Kirche ist als zweitgrößter Arbeitgeber in Deutschland in vielen Teilen des Lebens präsent. Nur ein kleiner Teil der karitativen Einrichtungen in Deutschland wird von der Kirchensteuer bezahlt, der Rest wird staatlich bezuschusst. 

Die katholische Kirche trägt hier eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Sie ist es nicht nur ihren Mitgliedern schuldig, Offenheit zu leben. Und sie kann es. Das zeigen positive Beispiele von unterstützenden Vorgesetzten und Gemeindemitgliedern. Progressive Kräfte arbeiten ganz offiziell an Reformen, insbesondere in der Sexuallehre. Manches ist im Umbruch, die Spannungen in der Kirche sind stark, die konservativen Kräfte auch. Und nur weil es in Deutschland innerkirchlich rumort, heißt das noch lange nicht, dass sich in Rom etwas ändern wird. 

Solange die offiziellen Regeln sind wie sie sind, wird die Angst bleiben und ein menschenverachtendes System aufrechterhalten, das Existenzen zerstören kann. Immer wieder kommt in der Doku die Frage auf, wie die Liebe als zentrales Motiv des Christentums zusammengehe mit der abweisenden Haltung gegenüber allen, die anders lieben, als die Sexuallehre der Kirche das vorsieht. Es geht nicht zusammen. Es ist höchste Zeit für ein Umdenken. 

Die Dokumentation "Wie Gott uns schuf" ist in der ARD-Mediathek verfügbar. 


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