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Zimtstern-Geschichten, Teil 4 Weihnachten mit Stevie Wonder

Wenn Weihnachten sich einfach nicht wie Weihnachten anfühlt, weil man im sommerlichen Rio de Janeiro ist. Bis man "Stille Nacht" singt - gemeinsam mit einer Million Menschen. Und Stevie Wonder.
Von Jessica Wagener

Es ist der 25. Dezember, es sind mehr als 26 Grad. Es ist mein erstes Weihnachtsfest im Sommer, mein erstes Weihnachtsfest ohne Familie. Aber ich bin nicht allein - ich stehe mit geschätzt einer Million Menschen vor dem Hotel "Copacabana Palace" in Rio de Janeiro und warte darauf, dass Stevie Wonder die Bühne betritt. Schneeweißer Sand statt Streusand im Schnee, Caipi statt Glühwein.

Wenn sich Weihnachten gar nicht wie Weihnachten anfühlt, kann man Heiligabend schon mal vergessen. So wie ich gestern: Erst, als ich am frühen Abend vom Strand in Leblon zurückkam und sieben shirtlose kleine Argentinier in der Hostelküche dabei erwischte, wie sie sich ein Weihnachtsmenü zubereiteten, wurde mir schlagartig das Datum bewusst. Nachdem ich (mit Erlaubnis) von einem ihrer Vorspeisentellerchen genascht hatte, wünschte ich meiner längst knietief in Geschenkpapier versunkenen Familie per Skype ein frohes Fest und machte mich auf den Weg zum Lebensmitteleinkauf. Mir stand der Sinn zwar nicht direkt nach Festmahl, aber Hunger hatte ich schon.

Dumm nur, dass alle Geschäfte geschlossen waren; ein offenbar internationales Phänomen. Aus der fast leeren Auslage der einzigen geöffneten und recht schäbigen Bar ließ ich mir die letzten vier Coxinhas - frittierte Bällchen, gefüllt mit irgendwas - und eine Dose Guaraná einpacken. Dinner for one.

Das Fest der Diebe?

An der Theke der Hostelbar drapierte ich mein Menü auf einen Teller, der Barkeeper schüttete mir zur Feier des Tages etwas rote Lebensmittelfarbe in die Caipirinha und spielte Weihnachtsmusik von Dean Martin, Sinatra und Nat King Cole. Close enough. "Gehst du morgen auch zu Stevie?" fragte mich eine Australierin. "Wer ist Stevie und was soll ich da?" antwortete ich mit langer Leitung. "Na, Stevie Wonder! Der gibt morgen Abend mit Gilberto Gil ein Konzert an der Copacabana. Umsonst! Und die ganze Stadt geht hin."

Sie sollte Recht haben. Dicht gedrängt stehen wir jetzt vor der großen Bühne im Sand und lauschen dem brasilianischen Bossa-Nova-Star Gilberto Gil. Bekannte aus dem Hostel, Touristen aus der ganzen Welt, Menschen aus Rio und ich. Mit Körperkontakt. Hinter mir schiebt sich eine Frau vorbei und versucht dabei dezent, mit ihrer Hand in meine Hosentasche zu greifen. Weihnachten, das Fest der Diebe? Ich muss grinsen. Nicht mit mir. Ich bin vorbereitet und trage mein Geld anderswo sicher verwahrt.

Weihnachts-Wonder

Und da ist er endlich: Stevie Wonder. Soul-Ikone, Musik-Genie, Dreadlock-Traditionalist. Er liefert ein fulminantes Konzert, gibt eigene Klassiker wie "My Cherie Amour", aber auch Michael Jacksons "The Way You Make Me Feel" zum Besten und begeistert das Publikum. Auch, wenn die Brasilianer aufgrund mangelnder Englischkenntnisse längst nicht jede Interaktion mitmachen können. Aber nonverbal, das geht. Wir wogen, wir klatschen, wir singen die bekannten Melodien. Ein merkwürdiger Zauber liegt in der warmen Abendluft Rios. Ich habe den Kopf im Sternenhimmel, die Füße im Sand, das Herz auf der Zunge. Dann neigt sich das Konzert dem Ende zu. Als letzten Song stimmt Stevie Wonder "Silent Night" an. Eine Million Menschen, Touristen und Brasilianer, singen gemeinsam. Jeder in seiner Sprache, aber alle mit einer Stimme und aus ganzem Herzen. Ich singe "Stille Nacht". Ein glückliches Tränchen fällt in den Sand. Wonderbares Weihnachten.

Jessica Wagener

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