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Interview

Präsident des Kinderschutzbundes: "Elternschule" in der Kritik: "Der Film vermittelt ein furchtbares Kinderbild"

Wie geht gute Erziehung? Diese Frage wirft der Film "Elternschule" auf, der die Therapie verhaltensauffälliger Kinder in einer Gelsenkirchener Klinik begleitet. Heinz Hilgers, der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, hat den Film gesehen - und warnt Eltern eindringlich vor den gezeigten Methoden.

Trailer: "Elternschule": Doku zeigt den Alltag in einer Kinder- und Jugendklinik

Sie essen nur noch Chicken Nuggets, kratzen sich blutig, wollen nicht schlafen: Der Film "Elternschule" dokumentiert die Therapie verhaltensauffälliger Kinder in der Gelsenkirchener Kinder- und Jugendklinik. Für die betroffenen Familien sind das Ärzteteam und der stationäre Aufenthalt in der Klinik ein letzter Hoffnungsschimmer. Glücke die Therapie nicht, müsse ihre Tochter in ein Heim, sagt eine Mutter. Seit rund einem Monat läuft der Film in deutschen Kinos und soll demnächst auch im Fernsehen ausgestrahlt werden.

Die Filmemacher Jörg Adolph und Ralf Bücheler schrecken nicht vor drastischen Szenen zurück. Sie zeigen verzweifelte Eltern, Kinder, die apathisch im Spielzimmer sitzen, sich unter Waschbecken zusammenkauern. Weinen, Leid, Tränen. Die gezeigten Szenen wirken auf manche Zuschauer verstörend. Im Netz wird der Film daher kontrovers diskutiert. Im Zentrum der Kritik stehen die Methoden des Klinikpersonals, mit denen die Kinder lernen sollen, die Nacht durchzuschlafen oder mehr zu essen als nur Pommes und Fast Food.

Ende Oktober hat die Staatsanwaltschaft Essen Ermittlungen gegen die Klinik aufgenommen. Sie prüft den Verdacht der Misshandlung Schutzbefohlener, nachdem ein Arzt Anzeige erstattet hatte. "Es geht um die Handlungen, die in dem Film gezeigt werden", sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Essen. Die Klinik weist die Vorwürfe als "haltlos" zurück und spricht in einer Stellungnahme von "unberechtigten Vorwürfen". Man gehe davon aus, dass die Ermittlungen eingestellt werden.

Der stern sprach mit dem Präsidenten des Deutschen Kinderschutzbundes Heinz Hilgers über "Elternschule" und fragte: Was können Eltern aus dem Film und der Kontroverse lernen?

Herr Hilgers, Sie sind Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes und haben die Debatte um den Film "Elternschule" verfolgt. Was ist Ihr Eindruck von dem Film?

Der Film vermittelt ein furchtbares Kinderbild. Kinder werden als "egoistische Strategen" bezeichnet. Natürlich ist jeder Mensch und auch jedes Kind am eigenen Wohlbefinden interessiert. Aber nicht um die eigenen Eltern zu unterdrücken.

Der Kinderschutzbund hat eine Stellungnahme zu "Elternschule" veröffentlicht und findet drastische Worte: Der Film zeige eindeutig Szenen physischer und psychischer Gewalt gegen Kinder. Können Sie Beispiele nennen?

Ich habe gesehen, wie ein Kleinkind zwischen die Oberschenkel einer Krankenschwester gequetscht wird und zwangsweise mit dem Löffel gefüttert wird. Es schreit und weint dabei, nimmt kaum etwas zu sich. Dann die Szene, in der berichtet wird wie einem Kind eine Magensonde verpasst wird. Da frage ich mich: Ist das Kind sediert worden? Und dann gibt es noch das kleine Mädchen, das kein Gemüse isst. Im Nachgespräch mit dem Arzt erzählt die Mutter plötzlich, dass der Vater auch kein Gemüse mag. Da fallen mir erziehungswissenschaftlich andere Methoden ein als die, die im Film gezeigt werden.

Der Vater soll einfach auch Gemüse essen? Ist es so einfach?

Die Vorbildfunktion ist eine wichtige Säule der Erziehung. Der deutsche Kabarettist Karl Valentin hat es einmal auf den Punkt gebracht: "Erziehung hat keinen Zweck. Die Kinder machen uns eh alles nach."

Es gab viel Berichterstattung rund um den Film. Und der Tenor war oft: Das ist ein Film, aus dem Eltern was lernen können. Ist das wirklich so?

Leider wird der Beitrag so beworben und der Anschein erweckt, er leiste einen Beitrag zur allgemeinen Erziehung. Das ist Unsinn. Aus dem Film können Eltern gar nichts lernen, im Gegenteil: Würden sich Eltern so verhalten, würde das den Verdacht auf Kindeswohlgefährdung nähren und das Jugendamt zum Einschreiten verpflichten. Der Versuch, Kinder durch Liebesentzug, Bindungsentzug und gewaltsames Füttern zu erziehen, wird bei jedem Kind zum Gegenteil führen. Wir raten Eltern dringend von einem auch nur annähernd solchen Verhalten ab. Das gilt vor allem dann, wenn Kinder uns einmal besonders herausfordern. Dann brauchen sie unsere Zuneigung, unsere Liebe und vor allem: Gewaltfreiheit.

Wer ist in dem Film das eigentliche Problem? Sind es die Kinder, die Eltern?

Das lässt sich schwer beurteilen. In dem Film sind ja nur kurze Ausschnitte zu sehen. Grundsätzlich lässt sich aber sagen: Kinder brauchen Zeit. Und jedes Kind entwickelt sich anders. Ich weiß nicht, was das für Ansprüche sind, dass das Kind alleine mit zwei oder drei Jahren die Nacht durchschläft. Und dann die Szene, in der gesagt wird, das Kind muss in 20 Minuten gegessen haben. Was ist das für ein Erziehungsziel? Wer gibt das vor? Wir haben selbst Kinder, mein Sohn ist mittlerweile 36 Jahre alt. Im Alter von zehn Jahren ist er nachts manchmal unruhig geworden, ist aufgestanden und dann ging es "tap, tap, tap". Er ist zu ins Schlafzimmer geschlichen, hat sich an meinen Rücken gekuschelt und ist sofort wieder eingeschlafen. Da kann man doch nicht sagen: Das ist ein komisches Verhalten.

Was raten Sie Müttern und Vätern, die Schwierigkeiten bei der Erziehung ihrer Kinder haben?

Sich früh und rechtzeitig zu informieren und Hilfe zu holen. Es gibt überall in Deutschland Menschen und Institutionen, die in solchen Situationen für sie da sind. Wir als Kinderschutzbund bieten zum Beispiel spezielle Elternkurse an, aber auch viele andere Institutionen. Das geht bis hin zur sozialpädagogischen Familienhilfe, die zwei, drei Tage in die Familie kommt und Eltern wie Kinder unterstützt. Für einen ersten Kontakt empfehle ich die Nummer gegen Kummer. Dabei handelt es sich um ein kostenloses Elterntelefon. Die Telefonnummer ist 0800/ 111 0 550, geschaltet montags bis freitags von 9–11 Uhr und dienstags und donnerstags 17–19 Uhr. Eltern können dort weitere Informationen und Hilfsmöglichkeiten erfragen.

Anmerkung der Redaktion:

Das Filmteam möchte zu dem Interview eine Richtigstellung durchgeben.

Hilgers sagt im Interview: "Dann die Szene, in der berichtet wird wie einem Kind eine Magensonde verpasst wird. Der Kampf mit dem Kind habe zwei Stunden gedauert, sagt die Krankenschwester."

Das ist falsch. Von zwei Stunden ist nirgends im Film die Rede.

Die "Krankenschwester" sagt im Film: "Wir haben zu zweit sondiert, weil alleine war's nicht machbar. Das heisst: Die Eine hat ihn festgehalten, die Andere hat sondiert.“ 

Der entsprechende Satz wurde inzwischen aus dem Interview gestrichen.

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