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Aids-Kinder: "Mama, es ist Zeit für meine Medizin"

Weltweit sind über zwei Millionen Kinder mit dem HI-Virus infiziert - doch nur ein erschreckend kleiner Teil erhält lebensverlängernde Medikamente. Vor allem den Menschen in Schwarzafrika fehlt es finanziellen Mitteln - doch Botswana geht mit gutem Beispiel voran.

Vor vier Jahren saß Refilwe in einem Krankenhaus in Botswana bei ihrer von Aids gezeichneten kleinen Tochter und bereitete sich auf das Ende vor. "An diesem Weihnachtstag schaute ich sie an und dachte: Morgen sorgt Gott für mein Baby." Heute ist Jenny ein lebhaftes Kind. Neugierig klettert das Mädchen auf den Untersuchungstisch des Arztes, um seine Gummihandschuhe anzuprobieren.

Moderne Medikamente bieten auch den jüngsten Aids-Patienten die Chance, gesund aufzuwachsen. Doch gerade in Afrika erreicht die Arznei viele Kinder nicht. Nach Angaben der Vereinten Nationen, die vor dem Welt-Aids-Tag am 1. Dezember eine Kampagne zur Bekämpfung der Krankheit bei Kindern starteten, sind weltweit schätzungsweise 2,2 Millionen Kinder mit dem HI-Virus infiziert. Therapien gegen die Entstehung von Retroviren lassen viele junge Infizierte in den Industriestaaten zu Erwachsenen heranwachsen und zuweilen sogar eigene Familien gründen. Doch eine solche Behandlung ist für die meisten Menschen in Schwarzafrika unerreichbar. Und gerade dort leben mehr als 85 Prozent aller infizierten Kinder unter 15 Jahren.

Tod noch vor dem fünften Geburtstag

Weniger als ein Prozent der infizierten Kinder weltweit erhalten die lebensverlängernden Medikamente. Ohne diese sterben die meisten vor ihrem fünften Geburtstag. Botswana, der erste afrikanische Staat, der kostenlos Aids-Medikamente an alle Infizierten verteilt, ist auch einer der wenigen, in dem Kinder über das öffentliche Gesundheitssystem behandelt werden. In dem Land gibt es das afrikaweit erste Zentrum zur Behandlung von aidskranken Kindern. Es wird vom Baylor College of Medicine mit Sitz in Houston, Texas, betrieben und vom Pharmakonzern Bristol-Myers Squibb finanziert.

Die Klinik in der Hauptstadt Gaborone - ein helles, modernes Gebäude, dessen Wände fröhliche Gemälde von Schülern zieren - bietet 1400 afrikanischen Kindern dieselbe Behandlung, wie sie in den USA angeboten wird. "Dieses Zentrum ist eine politische Erklärung, dass Kinder ebenfalls das beste verdienen", sagt Pädiatrieprofessor Gabriel Anabwani, der die Einrichtung leitet. Jennifer ist eine der Star-Patientinnen: Die Zahl ihrer Immunzellen ist in die Höhe geschnellt und ihre Belastung mit Viren nicht mehr nachweisbar. "Jeden Tag um sieben Uhr sagt sie zu mir: 'Mama, es ist Zeit für meine Medizin'", sagt Refilwe stolz.

Ansteckung bei der Geburt

Doch sogar in Botswana, wo rund 5000 Kinder behandelt werden, räumen Regierungsvertreter ein, dass Erwachsenen mehr Möglichkeiten offen stehen. Bislang behandeln nur fünf der landesweit 32 Zentren, die kostenlose Aids-Medikamente ausgeben, auch Kinder. Die meisten Kinder stecken sich noch immer über ihre Mütter mit dem Virus an, trotz einfacher und effektiver Methoden, das Übertragungsrisiko während der Geburt zu verringern. Eine einzige Gabe des Medikaments Nevirapin, das der Mutter beim Einsetzen der Wehen und dem Neugeborenen gegeben wird, kann die Übertragung des Virus um 50 Prozent reduzieren.

In den USA wird Nevirapin in Kombination mit anderen Medikamenten eingesetzt, so dass das Übertragungsrisiko auf unter zwei Prozent sinkt. Doch nur zehn Prozent der Schwangeren weltweit haben Zugang zu solchen Therapien. Bei vielen Kindern werde die Krankheit auch viel zu spät diagnostiziert, so dass eine effektive Behandlung nicht mehr möglich ist, sagt Anabwani. In Ländern wie Botswana, wo mehr als ein Drittel der Erwachsenen HIV-infiziert sind, haben betroffene Kinder oft bereits ein Elternteil oder beide Eltern verloren, so dass sich niemand darum kümmert, dass sie rechtzeitig getestet und behandelt werden.

Teure Kinder-Medikamente

Bei Erwachsenen wird der HI-Virus üblicherweise mittels eines Antikörpertests festgestellt. Doch selbst nicht infizierte Säuglinge können von ihren Müttern Antikörper erhalten haben, so dass ein solcher Test erst ab einem Alter von 15 bis 18 Monaten sinnvoll ist. Bis dahin haben viele Babys aber bereits lebensbedrohliche Zweitinfektionen. Das Baylor-Zentrum in Gaborone testet auf den Virus selbst, was deutlich teurer ist und Speziallabore voraussetzt, die es in ärmeren Gegenden nicht gibt. Viele Ärzte in öffentlichen Krankenhäusern hätten auch keinerlei Erfahrung in der Behandlung von aidskranken Kindern und nähmen solche Fälle daher nur zögerlich an, sagt Klinikleiter Anabwani, dessen Zentrum auch Mitarbeiter im Gesundheitsdienst ausbildet.

Von den 20 bislang entwickelten Medikamenten sind nach Angaben der Kinder-Aids-Stiftung Elizabeth Glaser mit Sitz in den USA nur zwölf für Kinder geeignet und nur sieben für Kinder unter zwei Jahren. Arznei für Erwachsene sei inzwischen deutlich preiswerter geworden, solche für Kinder koste weiterhin bis zu acht Mal so viel. Einige Länder können es sich daher nicht leisten, spezielle Arznei für Kinder anzubieten. In Malawi etwa mahlen Klinikmitarbeiter Tabletten für Erwachsene klein, um eine kindgerechte Dosierung zu ermöglichen. Kombinationspräparate, die eine Behandlung von Erwachsenen leichter und preiswerter machen, sind für Kinder bislang nicht erhältlich.

Pilang Letsebe hatte große Schwierigkeiten, den Behandlungsplan für ihre neunjährige Urenkelin Mary einzuhalten. Deren Eltern sind an Aids gestorben. Mary nahm ihre Medikamente nicht regelmäßig, erkrankte und wurde gegen die Arznei resistent. In vielen Ländern hätte sie keine weitere Chance erhalten, doch in Botswana gibt es Alternativen. Mit Hilfe einer jüngeren Tante will Letsebe nun dafür sorgen, dass Mary ihre Medikamente pünktlich nimmt. "Ich will, dass Mary wie alle anderen Kinder aufwächst", sagt sie, während sie geduldig darauf wartet, Marys monatlichen Bedarf an Medikamenten in Empfang zu nehmen.

Alexandra Zavis/AP / AP

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