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Interview

Albtraum Wohnungsbrand: Was tun, wenn es brennt? Eine Feuerwehrfrau gibt lebensrettende Tipps

Sechs Menschenleben hat der verheerende Brand in einem Londoner Hochhaus bislang gefordert. Viele Menschen fragen sich: Wie handele ich richtig, sollte auch in meiner Wohnung ein Brand ausbrechen? Eine Feuerwehrfrau beantwortet die wichtigsten Fragen.

Feuerausbruch in der Wohnung: Vier Dinge, die Sie bei einem Brand beachten sollten

Der verheerende Großbrand in einem Londoner Wohnhaus schockiert die Welt: Mindestens sechs Menschen sind den Flammen bislang zum Opfer gefallen, Dutzende Bewohner werden in Krankenhäusern behandelt. Die Zahl der Opfer dürfte noch weiter steigen, teilte die Londoner Polizei über Twitter mit. Die Ursache des Brandes ist noch unklar. Im Raum steht derzeit die Frage nach möglichen Mängeln beim Brandschutz.

Großbrände wie dieser seien "nicht alltäglich", betont Silvia Darmstädter, Sprecherin des Deutschen Feuerwehrverbandes, gegenüber dem stern. Dennoch ist jedes Feuer in einem Wohnhaus ein Notfall, der schnelles und richtiges Handeln erfordert. Im Interview mit dem stern gibt die Expertin Tipps, wie man sich bei Bränden in Wohnräumen richtig verhält.

Frau Darmstädter, in einer Wohnung bricht Feuer aus. Eine absolute Paniksituation für wahrscheinlich jeden Menschen. Wann muss ich flüchten, wann kann ich noch selbst löschen?

Das hängt von der Eigengefährdung ab. Heißt: Brennt in der Wohnung beispielsweise der Papierkorb, ein Feuerlöscher ist griffbereit, ich weiß, wie er zu bedienen ist und traue mir das auch zu, lässt sich das Feuer selbst bekämpfen. In brenzligen Situationen dagegen ist es besser, die Wohnung mit der Familie zu verlassen und die Feuerwehr zu alarmieren. Grundsätzlich sollten Feuer nur dann selbst bekämpft werden, wenn man sich das auch zutraut und sich nicht selbst in Gefahr bringt. Im Nachhinein wird niemand - auch nicht die Feuerwehr - sich darüber beschweren, dass der Brand nicht selbst unter Kontrolle gebracht werden konnte. Natürlich freuen wir uns, wenn Menschen bei der Brandbekämpfung helfen. Aber wir erwarten das nicht.

 Nehmen wir mal an, im Wohnzimmer bricht Feuer aus, das nicht mehr unter Kontrolle zu bringen ist. Wie gehe ich chronologisch vor?

Den Raum verlassen und die Wohnzimmertür schließen. Jede geschlossene Tür behindert die Brand- und Rauchausbreitung. Im Anschluss überlegen: Hält sich außer mir noch jemand in der Wohnung auf - Partner, Kinder, Großeltern? Die Wohnung verlassen, die Haustür zuziehen und möglichst sofort die Feuerwehr alarmieren. Droht der Brand auch auf andere Wohnungen überzugreifen und ich kann noch dort klingeln, können auch die Nachbarn gewarnt werden. 

Viele Menschen dürften in einer solchen Situation wohl kaum die Nerven behalten.

Jeder Brand löst wahnsinnigen Stress aus, das ist klar. Daher ist es sinnvoll, sich gedanklich auf eine solche Situation vorzubereiten: Muss ich im Notfall erst noch den Wohnungsschlüssel suchen oder hängt er wie gewohnt am Schlüsselbund neben der Tür? Weiß ich, welchen Fluchtweg ich im Notfall nutzen kann?

Was, wenn ich nicht mehr durchs Treppenhaus flüchten kann - etwa weil es verqualmt ist oder brennt?

Ganz wichtig: Ruhe bewahren, die Wohnungstür schließen und in der Wohnung bleiben. Die Feuerwehr alarmieren, ans Fenster gehen und auf sich aufmerksam machen - durch Rufen und Winken. Wer noch Zeit hat, kann die Wohnungstür mit einem nassen Handtuch abdichten. Das kann den Qualm behindern. Neuere Wohnungstüren sind aber zum Glück recht dicht, da kommt der Rauch gar nicht so schnell durch. Das war früher mit einfachen Holztüren anders. In Deutschland gibt es zudem in Häusern einen zweiten Rettungsweg, das ist im Bereich des vorbeugenden Brandschutzes festgesetzt. Ein weiterer Rettungsweg kann zum Beispiel eine zweite Treppe sein, die außerhalb des normalen Treppenhauses liegt. Oder bis zu einer gewissen Höhe die Drehleiter der Feuerwehr.


Was ist mit Tipps wie auf dem Boden krabbeln oder ein feuchtes Tuch vor den Mund halten - ist das sinnvoll?

Grundsätzlich gilt: Rauchfreie Bereiche sind immer am sichersten. Ein feuchtes Tuch vor dem Mund bietet zwar einen gewissen Schutz, man kann damit aber nicht durch Rauch gehen. Auf dem Boden ist es während eines Brands am kühlsten, da Hitze und Rauch nach oben steigen. Wir Feuerwehrleute krabbeln zum Beispiel auf den Knien in verrauchte Wohnungen, weil man dort noch die beste Sicht hat.


Welche Gefahren gehen von Feuer in Wohnräumen aus?

Die meisten Menschen sterben bei Wohnungsbränden nicht durchs Feuer, sondern durch den Rauch. Er ist hochtoxisch und schon nach wenigen Atemzügen tödlich. Das liegt an der Vielzahl der Stoffe, die verbrennen: Plastik, Holz, Matratzen.

Wie lassen sich größere Brände verhindern?

Rauchmelder sind in jedem Schlafzimmer Pflicht, am besten auch im Flur. Außerdem raten wir, aufmerksam und achtsam zu sein: Kaputte elektronische Leitungen gehören repariert, das Bügeleisen nach dem Bügeln ausgesteckt. Forschen Sie nach, wenn beim Nachbarn der Rauchmelder piept. Suchen Sie nach der Ursache für einen möglichen Brandgeruch. Alles ist besser als zu denken: "Wird schon gut gehen". Viele Brände lassen sich so im Keim ersticken.

Wie kann man sich für den Notfall wappnen?

Mit Wissen über richtiges Verhalten im Brandfall, Rauchmeldern und einem Feuerlöscher. Mittlerweile gibt es auch sogenannte Feuerlöschsprays, die an Haarspraydosen erinnern. Sie sind kleiner und handlicher als herkömmliche Feuerlöscher. Mit ihnen lassen sich entstehende Brände bekämpfen. Ganz wichtig: sich auch mal mit der Funktionsweise von Löschgeräten beschäftigen. Wir hatten schon einen Einsatz, bei dem wir einen Feuerlöscher in der Asche gefunden haben. Die Bewohner erklärten uns schließlich, sie hätten den Brand bekämpfen wollen, konnten in der Panik aber nicht den Feuerlöscher bedienen. Also warfen sie ihn ins Feuer. Das war natürlich gefährlich, vor allem für die Helfer. Es hätte einen Druckgefäßzerknall geben können.

ikr