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Alzheimer: "Fordern Sie sich. Seien Sie aktiv. Lernen Sie"

Ein "hirngesunder" Lebensstil kann unsere geistigen Kräfte lange erhalten, sagt Hirnforscher Henning Scheich. Dennoch muss auch die Wissenschaft mehr leisten, wenn sie Alzheimer besiegen will.

Herr Professor Scheich, 102 Jahre sind vergangen, seit Alois Alzheimer der Versammlung südwestdeutscher Irrenärzte das von ihm neu entdeckte Krankheitsbild vorstellte. Über ein Jahrhundert – und noch immer ist unklar, warum das Leiden ausbricht, was seinen genauen Verlauf bestimmt und ob und wie man es gar heilen könnte. In einem Punkt sind sich die Gelehrten einig: dass es sich um die für unsere Gesellschaft bei Weitem bedrohlichste Erkrankung handelt. Warum?

Die Erkrankungen des Gehirns bewirken häufig Beeinträchtigungen der Lebenstüchtigkeit, bei Depression und Schizophrenie ist das nicht anders. Hinzu kommt, dass die große Komplexität dieses Organs dazu führt, dass die Wege zur Entwicklung einer Therapie lang und verschlungen sind. Depression und Schizophrenie bekommen wir gesellschaftlich in den Griff. Ihre Häufigkeit ist begrenzt, wir haben wirksame und bezahlbare Therapien. Bei der Demenz aber können wir absehen: Das wird mehr und mehr und mehr werden und immer teurer, wenn nicht etwas Entscheidendes geschieht.

Mindestens 70 Millionen Euro, wird geschätzt, werden für die Versorgung der Patienten aufgewendet – und zwar pro Tag. Jede Woche kommen mehrere Hundert neue Fälle hinzu.

Richtig. Es ist eine altersabhängige Erkrankung, und wir werden immer älter. Bekanntlich zerstört dieser Krankheitsprozess gezielt jene Fähigkeiten des Gehirns, die gedächtnisabhängig sind. Der Kranke sieht, hört und bewegt sich normal, aber er verliert zunehmend den Sinn von allem, was er gekannt und gewusst hat. Schließlich kann er auch nichts Neues mehr interpretieren. So wird er pflegebedürftig. Und das macht die gewaltigen zusätzlichen Leiden im sozialen Umfeld praktisch unausweichlich. In traditionellen Familienstrukturen, sozusagen im althergebrachten Clan, hätten Sie verwirrte Alte womöglich noch integrieren können. Bei unseren heutigen Lebensbedingungen ist das Problem kaum zu meistern, zumal die Familien auch wirtschaftlich schwer belastet sind, denn den größeren Anteil der Kosten tragen sie, nicht etwa die Solidargemeinschaft.

Insgesamt rechnet man pro Demenzkrankem mit Versorgungskosten von gut 40.000 Euro pro Jahr. Mehrere Hundert Neuerkrankungen pro Woche bedeuten einen fünfstelligen jährlichen Zuwachs an Patienten. Müsste die Erforschung möglicher Therapien und Vorbeugungsstrategien da nicht gesundheitspolitisch ganz gezielt gefördert werden?

Dieses „gezielt“ ist allerdings ein Problem: Denn die Frage, was im Krankheitsprozess ursächlich genau abläuft, führt uns zurzeit noch in ziemliche Dunkelheit. Es bleibt rätselhaft, und das bewirkt – wie oft in der Forschung –, dass sich die aufgewendeten Mittel konzentrieren: Eine große Zahl von Forschern erforscht im Wettlauf das Gleiche. Nehmen wir etwa die unglaublich gut gehegte und gepflegte Amyloid-Hypothese: Wir finden im Gehirn der Kranken Ablagerungen dieses Proteins. Sie stehen in einer Beziehung zu den Symptomen, doch diese Beziehung ist zunächst extrem variabel und in ihrem Mechanismus unklar. Nun konzentriert sich jedoch ein Großteil der aktuellen wissenschaftlichen Produktion darauf, auf diesem Prinzip herumzuforschen. Das kann richtig sein, muss es aber nicht. Man sollte nämlich bedenken, dass es sinnvoll sein könnte, zunächst ein grundlegenderes Verständnis der Gedächtnisprozesse zu entwickeln und auf dieser Grundlage das Rätsel zu lösen, was ihre demenzfördernden Schwachstellen sind.

Nun ist es doch so, dass Versuchstiere, die man gegen das Amyloid-Protein impfte, wieder bessere Hirnleistungen zeigten, weshalb nun auch Impfstudien an Menschen erfolgen, zum Beispiel in Österreich.

Jeder wünscht sich, dass sich Erfolge einstellen, doch muss man im Fall des Menschen festhalten: Bei uns stellt diese Krankheit nun einmal einen sehr spezifisch unsere Gedächtnisfunktionen zerstörenden Prozess dar, und er spielt sich in unserer Hirnrinde ab, die für unsere Spezies sehr charakteristisch ist. Dort arbeitet, gestützt auf die Fähigkeit unserer Nervenzellen, miteinander flexibel Verbindungen einzugehen, unser Langzeitgedächtnis.

Wie?

Ganz anders, als wir es uns nach dem Bild des Computers vorzustellen gewohnt sind. Im Computer gibt es einen Prozessor, der verarbeitet Informationen und legt sie in einen Speicher. Auf der Hirnrinde ist es anders. Prozessor und Speicher sind untrennbar verbunden. Was wir wissen und erinnern, vollzieht sich in Informationsflüssen. Und die werden getragen von den Kontakten zwischen Nervenzellen, den Synapsen, die durch neue Erfahrungen dauerhaft modifiziert werden. Nun könnte man sagen, gut, diese Eiweißablagerungen stören diesen Mechanismus. Aber dann gibt es nichts, was erklären könnte, warum genau dieses Kompetenzfeld des Gehirns, das Gedächtnis, hochspezifisch gestört wird.

Es gibt erstaunliche Studien dazu, unter anderem an amerikanischen Nonnen, die der Untersuchung ihres Gehirns nach dem Tode zugestimmt hatten. Hier zeigte sich ein verwirrendes Bild: Einige waren schwer eingeschränkt, obwohl ihre Hirne recht gesund wirkten. Andere hingegen hatten schwer angegriffene und geschädigte Denkorgane, aber niemandem waren Demenzsymptome aufgefallen. Was sagt uns das?

Zum einen, dass unser Gehirn ungeheure Reservekapazitäten besitzt. Es kann ausgedehnte Schädigungen kompensieren. Beispiel Parkinson: Hier werden Zellen zerstört, die den Botenstoff Dopamin produzieren, und wenn er dann fehlt, beginnt das Zittern. Doch das ist erst der Fall, wenn nur noch etwa 30 Prozent der Zellen übrig sind. So mag es auch bei Demenzkranken sein: Bei den Zellen, die am Gedächtnisprozess beteiligt sind, kann es sein, dass wir nichts bemerken, bis sie die Hälfte ihrer 10.000 Verbindungen zu anderen Zellen verloren haben. Dann geht es wahrscheinlich rapide abwärts bis zum Zelltod, weil Neuronen nur überleben können, wenn sie genügend Kontakte untereinander haben.

Im Kernspin zeigen sich Alzheimer-bedingte Schrumpfungen des Gehirns

Im Kernspin zeigen sich Alzheimer-bedingte Schrumpfungen des Gehirns

Und zum anderen?

Dass es sehr auf den Kontext ankommt, wie stark sich eine Einschränkung zeigt. Ein Kloster, in dem Tag um Tag feste Abläufe herrschen, wenig Veränderungen eintreten und kaum Anpassung an Neues nötig ist, ist eine Umgebung, in der abnehmende Hirnleistungen nicht dermaßen belastend sind wie im modernen Alltag. In unserer Welt hingegen kommt es darauf an, sich gezielt Neuem auszusetzen, Gehirn und Gedächtnis zu fordern und so ihre Flexibilität und die schon genannte Reservekapazität zu erhalten.

Gehirnjogging als Alzheimer-Schutz?

Es ist nicht so, dass wir eine scharfe Grenze ziehen können, an der eine leichtere Einschränkung endet und Demenz beginnt. Leichten kognitiven Beeinträchtigungen sollten Sie schon frühzeitig entgegenwirken. Und damit meine ich nicht kleinere Lockerungsübungen à la Gehirnjogging. Sondern sich wirklich fordern, Neues lernen, ein Hobby nicht nur oberflächlich betreiben, sondern mit Leidenschaft, selbst wenn Sie dann als ein wenig sonderbar gelten mögen. Kontinuierliche Lernprozesse sind entscheidend. Und tatsächlich würde ich Ihnen nicht erst ab 45, sondern schon früher raten: Lernen Sie häufiger mal ein Gedicht auswendig. Aktive Lernsynapsen werden wohl nicht so leicht abgebaut.

Fürchten Sie nicht, dass derlei Tipps etwas hilflos wirken?

Aber überhaupt nicht. Unterschätzen Sie nicht die Wirkung solcher gezielten Aktivierung. Denn es kommt ja dazu, dass mit zunehmendem Alter auch die Motivationssysteme unseres Gehirns an Kraft verlieren. Ein neuigkeitsorientierter, aktiverer Lebensstil kontert diesen Effekt. Auch das sichert die geistige Gesundheit. Derzeit wandelt sich der Blick auf die Hirngesundheit: Vor einem Jahrzehnt noch hätten wir kleinere Ausfälle von Fähigkeiten noch weniger ernst genommen als heute. Jetzt kommen die Experten überein: Rechtzeitig muss etwas getan werden, und viele Risikofaktoren, etwa wegen mangelnder Fitness und mangelnder Gefäßgesundheit, können reduziert werden.

Ja, aber genügt das?

Fatalismus ist ganz sicher nicht die richtige Antwort. Auch dass wir heute die Demenz-Erkrankung, die zwischen sieben und neun Jahre dauert, mit Medikamenten in ihrem Verlauf um ein Jahr aufhalten können, ist ja nicht nichts. Nur ist es nun an der Zeit, die Perspektive weiter zu öffnen.

Wie zum Beispiel?

Wir in Magdeburg forschen an der Tiefenhirnstimulation, bei der Elektroden in das Gehirn eingepflanzt werden. Bei anderen Erkrankungen wirkt sie. Und elektrische Stimulationen werden vom Gehirn gut vertragen, ohne dass ein Gewöhnungseffekt einsetzt, wie bei den Medikamenten. Wir haben seit 30 Jahren elektronische Innenohr-Implantate, 150 000 Menschen weltweit leben gut damit. Neu ist, dass man mit Stimulation auch Lern- und Gedächtnisprozesse selektiv verbessern kann. Dies ist ein Weg, Botenstoffsysteme, die Lernprozesse kontrollieren – Dopamin und Acetylcholin –, gezielt hochzufahren. Dass Kollegen an Impfstoffen experimentieren, erwähnten Sie schon. Ich bin dafür, dass sehr breit geforscht wird.

Das könnte teuer werden.

Nicht, wenn man in Betracht zieht, dass die hirnabhängigen Erkrankungen bereits die Hälfte der Budgets des öffentlichen Gesundheitswesens verschlingen. Einmal, weil das Gehirn ein wenig komplizierter ist als die Leber. Dann aber auch, weil das Tabu, es zu erforschen und über seine Schäden zu sprechen, sehr nachhaltig war: Jeder erzählt von seiner Bypass-Operation. Aber niemand, dass an seinem Hirn irgendetwas gemacht worden sei. Man spricht heute gern von einem Boom der Hirnforschung – und manche meinen, sie sei privilegiert. Tatsächlich ist die Forschung am menschlichen Gehirn nicht sehr weit. Es muss noch viel geschehen.

Interview: Christoph Koch

Hintergrund

Was schützt, was hilft, was fehlt? Heilbar ist Alzheimer nicht, der Krankheitsverlauf lässt sich aber aufhalten. Und es gibt einiges, was das Hirn vor vorzeitigem Verfall schützt.

Der Experte

Prof. Dr. med. Henning Scheich, Jahrgang 1942, leitet das Magdeburger Leibniz-Institut für Neurobiologie (IfN). Als weltweit angesehener Experte für Lernprozesse und Sprachverarbeitung leistete er umfangreiche Beiträge zur Hirnforschung. Nach dem Studium der Medizin und Philosophie forschte er am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München, wechselte in die USA und lehrte danach an mehreren deutschen Universitäten. Seit 1994 ist er Direktor des von ihm gegründeten IfN.

Alzheimer-Demenz

1906 erstmals beschrieben, ist die Erkrankung die heute häufigste Form der Demenz. Neben ihr gibt es ähnliche vom Verlust des Gedächtnisses gekennzeichnete Erkrankungen. Alzheimer ist klar altersabhängig, mindestens jeder Vierte über 85 Jahre leidet daran. Leichte kognitive Beeinträchtigungen (LKB) sind etwa Einschränkungen der Merkfähigkeit, die Warnzeichen einer nahenden Demenzerkrankung sein können - rund 20 Prozent der Betroffenen entwickeln diese. LKB äußern sich in zunehmender Vergesslichkeit und der Abnahme von Konzentration und intellektuellen Fähigkeiten. Während man bei solchen Störungen früher wenig Handlungsbedarf sah, raten Mediziner heute dazu, sie durch Lebensstiländerungen zu bekämpfen.

Insbesondere profitiert das Gehirn von:
- sozialem Kontakt, Umgang mit Menschen,
- reichlich Bewegung, die nicht nur die Gefäßgesundheit entscheidend verbessert, sondern auch die Stimmung ins Lot bringt,
- einem gleichmäßigen Schlafrhythmus,
- gesunder, ausgewogener und gemüsereicher Ernährung,
- sorgfältiger Behandlung von Grunderkrankungen, besonders Bluthochdruck und Diabetes und
- gezieltem Gehirntraining, etwa durch Auswendiglernen, Merkspiele usw. Ganz besonders bewährt hat sich nach Aussagen von Prof. Dr. Michael Madeja, Hirnforscher bei der Hertie-Stiftung, das Tanzen: Es bringt Menschen zueinander und in Bewegung.

Alzheimer-Therapien, die zu einer Heilung führen würden, gibt es nicht. Derzeit werden Impfungen gegen das Amyloid-Protein erprobt, das sich bei Alzheimer im Gehirn ablagert. Dies wird Jahre beanspruchen. Stand der Medizin ist es deshalb, die Symptome der Krankheit mit Medikamenten aufzuhalten und zu lindern. Nach dem Urteil des zuständigen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) von nachgewiesener Wirksamkeit sind die Acetylcholinesterasehemmer. Für die Substanz Memantin fehlen laut seinem aktuellen Vorbericht entsprechend belastbare Wirksamkeitsnachweise. In seinem soeben erschienenen Bericht zum Naturheilmittel Ginkgo biloba erkannte das IQWiG bei hoher Dosierung (240 mg pro Tag) eine Wirksamkeit bezüglich mehrerer Behandlungsziele an, deren genaues Ausmaß aber weiterer Erforschung bedürfe. Alle Berichte finden sich auf der Instituts-Website, www.iqwig.de.

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