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Antikörper-Therapie Warum Forscher genesene Covid-19-Patienten nun zur Blutspende bitten

Blutkonserve: Antikörpertherapie bei Coronavirus
Blutspenden werden derzeit unabhängig vom Coronavirus händeringend benötigt. Von gesunden Covid-19-Patienten ist vor allem das Plasma für die Forschung interessant.
© Robert Michael/dpa/ZB / Picture Alliance
Werden ehemalige Corona-Kranke schon bald zu Lebensrettern? Mediziner weltweit erproben Verfahren mit Antikörpern aus dem Blut genesener Patienten. Neu ist dieser Ansatz nicht. Die Frage ist: Wie vielversprechend ist er bei Covid-19?

Mediziner weltweit wollen derzeit vor allem eines: an das Blut von ehemaligen Covid-19-Patienten. Genauer gesagt: an deren Plasma. Was nach einer Szene aus einem Dracula-Film klingt, dient der wissenschaftlichen Forschung: Im Kampf gegen Krankheitserreger bildet das Immunsystem des Körpers sogenannte Antikörper. Sie helfen dabei, Infektionen abzuwehren und schützen vor einer erneuten Ansteckung mit demselben Erreger. Werden diese speziellen Stoffe nun aus dem Blut genesener Patienten gefiltert und kranken Menschen übertragen, könnte das den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen, hoffen Forscher. Möglicherweise lassen sich Infektionen so auch vorbeugen.

Da es sich um einen neuartigen Erreger handelt, war längere Zeit unklar, ob Erkrankte überhaupt eine Immunität gegenüber Sars-CoV-2 aufbauen - eine Grundvoraussetzung für das Prozedere. Dafür gibt es nun mehrere Hinweise, unter anderem durch eine Studie mit Rhesusaffen, in der die Tiere bewusst mit dem Coronavirus infiziert wurden. Nach überstandener Krankheit warteten die Forscher zunächst einige Wochen ab und verabreichten den Tieren ein zweites Mal eine beträchtliche Virus-Menge. Doch kein Affe erkrankte erneut - ein Beleg für eine erworbene Immunität.

Forscher sind sich mittlerweile sicher: Auch Menschen bilden nach einer Ansteckung Antikörper gegen das Coronavirus. In der Regel geschieht das gegen Ende der ersten Krankheitswoche. Das ist auch der Grund, warum sogenannte Antikörper-Tests nicht gleich mit Symptombeginn anschlagen, sondern erst nach einigen Tagen Krankheit. 

Eine besondere Rolle spielen dabei neutralisierende Antikörper. "Die neutralisierenden Antikörper patrouillieren praktisch vor der Zelle und fangen das Virus ab, so dass es nicht in die Zelle eintreten kann", erklärte jüngst Melanie Brinkmann, Virologin am Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. Auch nachdem ein Patient genesen ist, bleiben die Antikörper zumindest noch eine Weile im Blut.

Experten gehen davon aus, dass der Immunschutz bei Sars-CoV-2 für ein bis zwei Jahre anhält - ehemals Erkrankte sich in dieser Zeit also nicht mehr anstecken können. Eine ähnliche Zeitspanne wurde auch bei anderen humanen Coronaviren beobachtet. "Aller Voraussicht nach ist man nach Ansteckung mit dem Sars-CoV-2-Virus mindestens ein paar Jahre lang vor einer erneuten Infektion geschützt", sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Thomas Kamradt, gegenüber der Deutschen-Presse-Agentur.

Verfahren aus Zeiten der Spanischen Grippe

Der Ansatz, Antikörper von genesenen Menschen zu nehmen und Erkrankten zu geben, ist nicht neu. Er wurde bereits bei anderen Ausbrüchen wie dem der Schweinegrippe erprobt. Die Therapie wurde auch während der sogenannten Spanischen Grippe angewandt, die ab 1918 grassierte und weltweit Millionen Menschenleben forderte. Es gibt vorsichtige Hinweise, dass die Behandlung bereits zu dieser Zeit die Überlebenschancen der Grippe-Patienten deutlich erhöhte.

Ganz gleich, welcher Erreger vorliegt, die Hoffnung bei dieser Form von Therapie ist immer dieselbe: Bei kranken Menschen sollen die Antikörper den Erreger bekämpfen, noch bevor das Immunsystem des Erkrankten das selbst tun kann. Theoretisch ist auch vorstellbar, dass die Antikörper klinischem Personal vorbeugend gegeben werden - sie also passiv immunisiert werden. Das Personal müsste die Antikörper dann allerdings alle zwei Wochen neu erhalten, schätzt Brinkmann, die Virologin.

Ob und wie gut der Ansatz bei Sars-CoV-2 funktioniert, muss sich jedoch erst noch zeigen. Eine Studie mit fünf schwer kranken Covid-Patienten aus China macht Hoffnung, sollte aber nicht überbewertet werden. Zwar besserte sich der Gesundheitszustand der Kranken nach der Gabe von Blutplasma mit Antikörpern deutlich - unklar ist aber, ob sich die Patienten nicht auch von selbst erholt hätten. Um das zu beurteilen, bräuchte es eine Kontrollgruppe. Außerdem ist die Anzahl der untersuchten Patienten sehr gering.

Etliche Kliniken - darunter die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) und das Uni-Klinikum in Erlangen - versuchen deshalb, die Forschung voranzutreiben. Sie suchen zurzeit nach Menschen, die an Covid-19 erkrankt waren und genesen sind. "Wir wollen unbedingt versuchen, ob wir damit nicht Schwerstkranken helfen können", sagte der MHH-Institutsleiter für Transfusionsmedizin, Rainer Blasczyk.

Antikörper aus dem Reagenzglas

Auch Kliniken in New York versuchen mit Antikörpern von Genesenen Leben zu retten, wie die Zeitschrift "Nature" jüngst berichtete. Da Antikörper im Gegensatz zu herkömmlichen Medikamenten körpereigene Stoffe sind, sollten in der Regel auch die Nebenwirkungen gering ausfallen, hoffen die Mediziner.

An der Technischen Universität Braunschweig (TU) können menschliche Antikörper gegen Sars-CoV-2 mittlerweile im Reagenzglas gewonnen werden. Im Gegensatz zu Präparaten aus dem Blut gesundeter Patienten erschließe dies eine unerschöpfliche Quelle, betont Brinkmann. Diese Antikörper müssten aber ebenfalls noch auf ihre Wirksamkeit getestet werden.

Sollten sich die Antikörper bei Covid-Patienten als wirksam erweisen, wäre dies zwar ein medizinischer Lichtblick und wichtig für die Therapie einzelner Schwerkranker. Das eigentliche Problem - die rasante Ausbreitung des Erregers - wäre damit vermutlich aber nicht einzudämmen. Dafür bräuchte es einen wirksamen Impfstoff, der von vornherein schwere Krankheitsverläufe verhindert. Auch an diesem wird im Moment mit Hochdruck geforscht.

Melanie Brinkmanns größte Hoffnung ruht auf der Impfung, sagte sie am Donnerstagabend bei "Maybrit Illner": "Sie ist der Heilige Gral, den wir finden müssen, um unser Leben wieder ganz normal führen zu können."

Mit Agentur DPA

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