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Appetithemmer Hoodia: Null Diät mit Pille

Als "natürlicher" Hungerkiller afrikanischer Ureinwohner wird Hoodia tausendfach beworben. Den Appetit europäischer Übergewichtiger kann der Pflanzenextrakt jedoch nicht zügeln.

Von Prof. Edzard Ernst

Wäre das nicht wunderbar: Man schluckt eine Pille und ist danach in der Lage, auf Nahrung zu verzichten; ohne Hungergefühl schmelzen die Pfunde wie Butter in der Sonne! Eine afrikanische Pflanze soll diesen Traum wahr machen - sofern man den Versprechen zahlreicher Internetanbieter glauben kann.

Hoodia gordonii oder, kurz, Hoodia, ist eine Pflanze aus dem südlichen Afrika. Immer wenn die dort ansässigen Ureinwohner für lange Zeit auf Jagd gingen und daher wenig zu essen hatten, nahmen sie Hoodia ein. Die Pflanze sollte den Hunger stoppen und trotz längeren Fastens die für die Jagd unerlässliche Energie liefern.

"Schlankheitspille" für übergewichtige Wohlstandsbürger

Die Wissenschaft nahm sich der vermeintlichen Wunderdroge an. Es gelang, eine Substanz mit der sperrigen Bezeichnung P57AS3 (P57) aus dem Pflanzenextrakt zu isolieren, die für die erstaunlichen Effekte verantwortlich zu sein schien. Weltweit wurde berichtet, dass die britische Firma Phytopharm die Patentrechte erworben habe und zusammen mit dem Pharmariesen Pfizer eine "Schlankheitspille" entwickle. Wenn Buschmänner mithilfe dieses pflanzlichen Mittels auf Nahrung verzichten können, wieso sollten es dann nicht auch übergewichtige Wohlstandsbürger zur Gewichtsreduktion einsetzen?

Doch dann passierte etwas, was niemand erwartet hatte: Vor vier Jahren gaben die Firmen die vorher streng behütete Substanz frei. Somit konnte fortan jeder damit experimentieren. Wie nicht anders zu erwarten, kamen bald Dutzende von Hoodia-Produkten auf den Markt. Heute wird Hoodia auf mehr als 100.000 Webseiten angepriesen.

Eine Untersuchung an Ratten

Wissenschaftliche Studien, die belegen, dass Hoodia effektiv das Hungergefühl beim Fasten bremst und das Gewicht reduziert, erschienen allerdings nicht. Um genau zu sein: Bis heute wurde exakt eine Studie zum Thema publiziert, und die basiert auf Untersuchungen an Ratten. Stattdessen kamen Gerüchte auf, dass die Reinsubstanz aus Hoodia leberschädigend sei. Einige meinen, dass Pfizer deshalb das Interesse an der Droge verloren hätte. Andere haben sich die Mühe gemacht, die kommerziell erhältlichen Hoodia-Präparate unter die Lupe zu nehmen. Die Resultate dieser Analysen sind ernüchternd: Die große Mehrzahl dieser Mittel enthalten überhaupt kein Hoodia. Einige enthalten Spuren, aber bei weitem nicht genug, um effektiv zu sein.

Die "Hoodia-Story" ist äußerst lehrreich. Natürlich wäre allen Übergewichtigen dieser Welt ihr "Wundermittel" zu gönnen. Da sich unsere Hoffnungen jedoch nicht zu bewahrheiten scheinen, sollten wir für die Zukunft vielleicht einige Lehren aus dieser Erfahrung ziehen:
1. In der Medizin kann Überlieferung nicht als Beweis gelten. Die Tatsache, dass dieses oder jenes Mittel irgendwo schon seit Jahrhunderten erfolgreich eingesetzt wird, bedeutet nicht unbedingt, dass es tatsächlich hilfreich ist.
2. Die Bezeichnung "natürlich" ist nicht gleichzusetzen mit "harmlos". Pflanzliche Heilmittel wirken, weil sie pharmakologische Inhaltsstoffe besitzen. Das bedeutet nahezu ausnahmslos, dass auch mit pharmakologischen Nebenwirkungen zu rechnen ist.
3. Im Bereich frei verkäuflicher pflanzlicher Mittel wird oft maßlos übertrieben. Die Medien greifen interessante Neuheiten auf. Die Erwartung der Konsumenten steigt, und skrupellose Anbieter sind dann nur allzu gern bereit, potenziellen Kunden ein X für ein U vorzumachen.

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