Beziehungswelten Ally McBeal in jedem Schlafzimmer?


Ehe, Familie und Geschlechtsverkehr sind längst nicht mehr das, was sie einmal waren. Eine Hamburger Studie zeigt, dass wir uns im Zeitalter von entkrampften Moralvorstellungen, Intimität und Emotionalität befinden.

Rollige Single-Frauen erzählen sich schmutzige Witze. Männer fühlen sich sexuell belästigt im Büro. Alleinerziehende Mütter philosophieren über Sex-Toys. Und immer schneller rotiert das Karussell der Kurzbeziehungen. So kennen wir das Sexleben geschlechtsreifer Großstädter aus den Fernsehserien "Ally McBeal" und "Sex And The City": Knallig bunt, schwer hysterisch und hemmungslos übertrieben. Und doch ist etwas Wahres dran. Denn unsere Beziehungswelten haben sich enorm gewandelt in den letzten Jahrzehnten. Ehe, Familie und Geschlechtsverkehr sind in den Industriestaaten der westlichen Welt längst nicht mehr das, was sie einmal waren.

Wie einschneidend die Änderungen sind, zeigt eine neue Trendstudie der Universität Hamburg, für die 30jährige, 45jährige und 60jährige im Frühling und Sommer des vergangenen Jahres befragt wurden. Titel: "Beziehungsbiographien im sozialen Wandel". Die Ergebnisse sind zwar nicht so aufregend wie der Sex in der Autowaschanlage bei Ally McBeal, aber ziemlich bemerkenswert.

"Die Ehe hat ihr Monopol verloren, Sexualität zu rechtfertigen und Beziehungen und Familien zu definieren und zu legitimieren", sagt der Hamburger Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt (65), der gemeinsam mit dem Leipziger Kollegen Kurt Starke das Forschungsprojekt geleitet hat. "Wann und ob sie ein Paar oder eine Familie sind, definieren die Partner heute selbst." Die Formen des Zusammenlebens verändern sich, "Patchwork-Familien" und Single-Eltern sind keine kleine Minderheit mehr.

Sexuelle Praktiken (in Prozent der Befragten)im Laufe des Lebens30-Jährige45-Jährige60-Jährige
Reizwäsche525126
in der Öffentlichkeit514622
Porno323341
Dildo21164
Fesseln1983
mehr als zwei Personen241
Sexuelle Praktiken (in Prozent der Befragten)in den letzten 12 Monaten30-Jährige45-Jährige60-Jährige
Reizwäsche40376
in der Öffentlichkeit28102
Porno201813
Dildo16103
Fesseln1261
mehr als zwei Personen12

Dritte Phase der sexuellen Revolution

Forscher Schmidt betrachtet die Entwicklungen als "unumkehrbar" und spricht von der "dritten Phase der sexuellen Revolution": Zunächst wurden Ende der 60er Jahre die Tabus in der Sexualität hinweggefegt. Dann, in den 80ern, folgte die zweite Stufe, die "Gender Revolution". Die Frauenbewegung thematisierte die sexuelle Selbstbestimmung, es entwickelte sich ein neuer Sexualkodex, "der den sexuellen Umgang friedlicher, kommunikativer und herrschaftsfreier machen will." Von diesen Umwälzungen hat selbst die "vorliberale Generation" der heute 60jährigen teilweise profitiert. Den Älteren wurde es etwa möglich, aus für sie unbefriedigenden Beziehungen auszubrechen - oder ihre traditionelle Lebensform neu schätzen zu lernen.

Die aktuelle dritte Phase führt nun zu einer neuen Form von Beziehungen, "die immer stärker losgelöst sind von Institutionen, wirtschaftlichen Zwängen und der traditionellen Arbeitsteilung der Geschlechter." Wichtiger geworden sind Intimität und Emotionalität, was solche Beziehungen freilich auch instabiler macht. Zumal die "Qualitätsansprüche" der Liebenden hoch sind. So nimmt die Bedeutung der Ehe erstaunlich rasant ab. Andere, nicht konventionelle Beziehungsformen werden zum Normalfall. Trennungen und Scheidungen nehmen zu, die Zahl der Kinder, die nicht mehr bei beiden Elternteilen aufwächst, steigt stark. Insgesamt wird das Leben mit Kindern seltener.

Serielle Monogamie

Die Jüngeren haben mehr und kürzere feste Beziehungen, leben in sogenannter "serieller Monogamie". Von einem "massiven Umbruch im Beziehungsverhalten" bei jungen, großstädtischen Erwachsenen während der letzten 30 Jahre spricht die Studie. So ist es für junge Hamburger nichts Ungewöhnliches, fest liiert zu sein, aber in getrennten Wohnungen zu leben.

Die Sexualität, so der Sexualwissenschaftler, habe sich derweil "entdramatisiert". Sie wandelte sich vom mythenbeladenen, wilden Zusammenprall der Triebe zu einer nutzbaren "Ressource". Was die Partner sexuell miteinander tun, wird jetzt "ausgehandelt".

Nur sporadisch sexuelle Untreue

Zwischen den Laken geht es dabei keineswegs so wild zu, wie Talkshows oder Boulevard-Schlagzeilen behaupten. In den festen Beziehungen nämlich "bleibt sexuelle Untreue, sofern sie überhaupt auftritt, meistens sporadisch", heißt es in der Studie. Die Zahl der Sexualpartner nimmt zwar bei den Jüngeren zu, doch findet Sex überwiegend innerhalb der Zweierbeziehungen statt. Ausnahme: Die schwulen Männer. Sie sind zwar etwa genauso häufig fest liiert wie Heteros, organisieren aber im Vergleich zu diesen "einen größeren Teil ihres Sexuallebens außerhalb fester Beziehungen".

Insgesamt ist die Sexualität "fest im Griff der festen Partnerschaft", so Schmidt. Und das muss nicht besonders viel Sex sein: Mehr als ein Drittel der befragten 30jährigen in Zweierbeziehungen hat drei mal im Monat oder noch seltener Sex mit dem Partner.

Singles aller Altersstufen führen karges Sexualleben

Auch die Singles wandern nicht durchs Wunderland der Leidenschaften: "Sie haben viel seltener Sex, als die fest Liierten", heißt es in der Studie. Hedonistische Beziehungslose mit einer großen Zahl von Sex-Partnern stellen nur eine kleine Minderheit unter den Alleinlebenden. "Singles aller Altersstufen führen eher ein karges Sexualleben", bilanziert Schmidt. Und für die meisten der Jüngeren ist das Single-Dasein nur eine Zwischphase bis zur nächsten Partnerbeziehung.

Ausführlich befragt wurden für das Forschungsprojekt 776 Großstädter der genannten drei Generationen. Die Studie, die derzeit noch weiter ausgewertet wird, soll im nächsten Jahr als Buch erscheinen. Den Wissenschaftlern ging es nicht darum, Ergebnisse zu bekommen, die repräsentativ für die gesamte Republik sind. Sie konzentrierten sich mit ihren bis zu 500 Fragen auf die urbane Bevölkerung, weil diese als Trendsetter gilt. "Beobachtungen in den Großstädten lassen langfristig betrachtet auch Rückschlüsse auf die Entwicklungen in den ländlichen Bereichen zu", sagt Sexualwissenschaftler Schmidt. Hamburg und Leipzig wurden auch ausgewählt, um einen Ost-West-Vergleich zu ermöglichen. Ergebnis: Die Ostdeutschen wandten sich später und nicht so vehement von der Institution Ehe ab; und in Hamburg gibt es mehr 30jährige Singles als in Leipzig.

Entkrampfte Moralvorstellungen

Nach bestimmten Sexualpraktiken wurde ebenfalls gefragt. Laut den Auswertungen der Wissenschaftler haben sich die Moralvorstellungen immerhin so entkrampft, dass beispielsweise Oralsex bei den 30jährigen derweil zum üblichen Repertoire gehört. Und die einst verteufelte Selbstbefriedigung wird von den Jüngeren sogar zunehmend als eigenständige Form der Sexualität verstanden, nicht mehr so sehr als Ersatzhandlung. Masturbation "in friedlicher Koexistenz" mit dem Partnersex, heisst es in der Studie.

Bei den ausgefalleneren Sexualpraktiken sind in allen drei Altersgruppen die Rubriken "Reizwäsche" und "in der Öffentlichkeit" ganz besonders beliebt, wobei öffentlicher Sex nicht Kopulation vor Zeugen heißen muss, sondern Liebe im Auto oder im Freien mit einschließt. "Porno", "Dildo" und "Fesseln" können da nicht mithalten. Und Gruppensex kommt nur extrem selten vor. Eine Minderheit sind auch Heterosexuelle, die sich vorstellen können, lustvoll Sex mit dem eigenen Geschlecht zu haben. Zwar sind Frauen dabei eindeutig experimentierfreudiger als Männer, zumindest in der Fantasie. In der Realität weichen jedoch weder Heteros noch Homos von ihrem einmal eingeschlagenen "monosexuellen" Weg ab.

Der Wandel der letzten Jahre verändere die Gesellschaft einschneidender, als die Entwicklungen in den Jahrzehnten zuvor, sagt Schmidt. Bei allen Umbrüchen zeige die Studie aber auch, dass die "Bejahung von Beziehung" unverändert stark sei, ebenso wie der Wunsch nach Dauerhaftigkeit. Den oder die Richtige fürs Leben zu finden, darum geht es immer noch, ob in der Wirklichkeit oder bei Ally McBeal.

Hans-Hermann Kotte

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