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Biofeedback Heilkraft der Gedanken


Patienten lernen mithilfe innerer Bilder, Körpervorgänge zu steuern - bei Kopfschmerz und Migräne fast ebenso wirksam wie Medikamente.
Von Eva-Maria Schnurr

Kann der Mann Gedanken lesen? "Gerade haben Sie an etwas gedacht, was Sie aufregt", stellt Peter Kropp fest. Stimmt: Für einen Moment schoss mir das Bild des arroganten Maklers von gestern durch den Kopf. Dabei hat Kropp mich nicht einmal angesehen. Der Direktor des Instituts für medizinische Psychologie an der Universität Rostock blickt auf einen Bildschirm, auf dem gerade eine Linie steil angestiegen ist. Durch zwei Elektroden an meiner linken Hand, die den Hautwiderstand erfassen, bin ich mit dem Computer verbunden.

Bei Stress - schon ein einziger unangenehmer Gedanke reicht - schickt das vegetative Nervensystem Kommandos an die Schweißdrüsen in der Haut und schaltet sie auf "ein". Die Elektroden leiten den gemessenen Hautwiderstand an den Computer weiter, der das Signal in eine Linie auf dem Bildschirm umwandelt. Je größer die Anspannung, desto höher steigt die Linie auf dem Bildschirm. Als ich versuche, tief zu atmen und möglichst an gar nichts zu denken, setzt sie zum Sinkflug an.

Biofeedback heißt die Methode, mit der man lernen kann, innere Körpervorgänge bewusst zu steuern: Für Ungeübte nicht wahrnehmbare Prozesse werden gemessen und mithilfe eines Computers als Linie, Bild oder Ton dargestellt. Der Monitor oder Lautsprecher gibt ein Feedback, eine gezielte Rückmeldung darüber, was sich im Organismus gerade tut. Was man wahrnehmen kann, kann man auch lenken, so lautet die Grundannahme. Bei Migräne- und Kopfschmerzpatienten hat sich Biofeedback als wirkungsvolle Heilmethode bewährt. Aber auch Diabetiker können damit lernen, ihren Blutzuckerspiegel besser einzuschätzen; andere Patienten beeinflussen allein mit Gedankenkraft ihre Darmbewegungen oder senken ihren Blutdruck.

Zu viel Stress kann zu einem Migräneanfall führen

Gefühle und Gedanken wirken sich auf den Körper aus - daran besteht heute kein Zweifel mehr. Die Psychophysiologie erforscht das komplexe Zusammenspiel, das, so vermuten Wissenschaftler, bei Migränepatienten aus dem Takt gerät. Bei ihnen funktionieren die Regulationsmechanismen nicht richtig, mit denen der Körper von Anspannung zu Entspannung umschaltet. Zu viel Stress kann zu einem Migräneanfall führen - der seelischen Belastung folgt eine körperliche Reaktion.

Mithilfe des Biofeedbacks können Patienten buchstäblich sehen, mit welchen Techniken sie sich gut entspannen können, um auf Dauer ihre Anspannung zu senken. "Das wichtigste Lernziel ist, erst einmal zu erkennen, dass sich Gedanken tatsächlich unmittelbar auf den Körper auswirken", sagt Kropp, der auch Generalsekretär der Deutschen Migräneund Kopfschmerz-Gesellschaft ist.

Während ich ihm konzentriert zuhöre, jagt die Linie auf dem Bildschirm wieder steil nach oben. Es ist in der Tat verblüffend, auf diese Art zu sehen, wie meine Gedanken bis in die Fingerspitzen gehen. Doch das ist nicht alles. "Können Sie Ihre Schläfenarterien verengen?", fragt Kropp. Er klebt mir eine Elektrode auf die Schläfe, und auf dem Bildschirm taucht ein pulsierender lilafarbener Kreis auf, der die Arterie symbolisiert.

Irgendwann sitzen die erlernten Gedankentricks

"Stellen Sie sich vor, wie jemand mit den Fingernägeln über eine Tafel kratzt", sagt Kropp. Ich sehe lange, spitze Fingernägel vor meinem inneren Auge, höre den quietschenden Ton, mir läuft ein Schauer über den Rücken - und die Arterie verengt sich tatsächlich, wie ich auf dem Bildschirm beobachten kann. Das wirkt einer Migräne entgegen, denn während eines Anfalls sind die Schläfenarterien oft ungewöhnlich erweitert. Manche Patienten malten sich auch aus, wie sie in eine Zitrone beißen oder in eiskaltes Wasser springen, erzählt Kropp. In durchschnittlich elf Sitzungen lernen sie, die Ader bewusst zu verengen, indem sie den Erfolg auf dem Bildschirm kontrollieren. Irgendwann sitzen die erlernten Gedankentricks, sodass sie auch ohne die Rückmeldung vom Computer funktionieren.

Was spielerisch klingt, kann hartnäckiges Leiden beenden. Yvonne Nestoriuc vom Fachbereich Klinische Psychologie der Universität Marburg wertete in einer Metastudie 55 Untersuchungen zu Biofeedback aus. Daten von über 2000 Migränepatienten flossen ein. Das Ergebnis: Biofeedback reduzierte Häufigkeit und Dauer der Migräneanfälle und linderte Depression und Ängstlichkeit der Patienten - selbst bei Menschen, die seit mehr als fünfzehn Jahren mit den Kopfschmerzattacken zu kämpfen hatten. Die Übungen zur Arterienverengung empfiehlt die Marburger Psychologin besonders zur Vorbeugung, wo sie besser wirke als Entspannungstechniken.

Bei chronischen Spannungskopfschmerzen nutzen Therapeuten Biofeedback häufig zur gezielten Muskelentspannung. Zur Demonstration klebt Kropp mir zwei Elektroden auf die Stirn; sie messen, wie stark sich die Muskeln dort zusammenziehen. Meine Aufgabe ist nun, einen Heißluftballon auf dem Bildschirm zu steuern - ein Spiel, das auch Kinder leicht lernen können. Vor meinen Augen beginnt der bunte Ballon sanft zu sinken und zeigt mir damit, dass meine Stirnmuskeln zunehmend lockerer werden. Eine schöne Übung für Patienten mit Spannungskopfschmerzen, denn bei ihnen sind meist Muskeln in Stirn, Schläfen oder Nacken völlig verkrampft.

Ein Effekt wie bei Schmerzmitteln

Yvonne Nestoriuc hat mit ihrer Arbeitsgruppe auch die Wirkung von Biofeedback gegen Spannungskopfschmerzen untersucht. Die Metastudie mit Daten von mehr als 1500 chronischen Patienten erscheint demnächst in einer Fachzeitschrift. Die Ergebnisse verrät Nestoriuc aber schon jetzt: Die Schmerzen verringerten sich durch das Training um bis zu 60 Prozent - vergleichbar mit dem Effekt von Schmerzmitteln, aber ohne deren Nebenwirkungen. Die Erfolge hielten bis zu fünf Jahre lang an.

"Biofeedback wirkt so gut, weil man das Gefühl hat, selbst etwas tun zu können und dem Schmerz nicht ausgeliefert zu sein", sagt Kropp. Denn es ist vor allem das Gefühl der Hilflosigkeit, das Schmerzen unerträglich macht.

Kropp rät, Biofeedback in eine verhaltenstherapeutische Schmerztherapie zu integrieren: Dabei lernen die Patienten, mit Stress und Schmerz umzugehen; sie trainieren Entspannungsmethoden und üben, auch unbewusste Körperfunktionen zu steuern. Die Leute nur an den Computer anzuschließen reiche nicht.

Biofeedback ist naturwissenschaftlich erklärbar

Obwohl die Wirksamkeit von Biofeedback belegt ist, setzen nur wenige Ärzte und Therapeuten die Methode ein. Vielleicht auch deshalb, weil der Name an die zweifelhafte Bioresonanz-Therapie erinnert und deshalb erst einmal abschreckt. Doch beides hat nichts miteinander zu tun: Anders als Bioresonanz ist Biofeedback, das Ende der 1960er Jahre entstand, streng naturwissenschaftlich erklärbar und eine Variante der Verhaltenstherapie: Die Patienten lernen ein bestimmtes neues Verhalten oder Denkmuster - und können ihre Erfolge anhand der Computerrückmeldung direkt kontrollieren.

Neben den klassischen Biofeedback- Methoden, die Hautleitfähigkeit, Hauttemperatur oder Muskelspannung messen, hat sich inzwischen auch das Neurofeedback entwickelt: Mithilfe von EEG-Geräten oder im Magnetresonanztomografen üben Patienten, bestimmte Gehirnaktivitäten zu steuern. Das kann beispielsweise beim Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom oder bei Lähmungen nach einem Schlaganfall helfen.

Einziger Haken am Biofeedback: Es funktioniert nicht bei jedem. "Etwa ein Drittel der Patienten kann mit der Methode nichts anfangen, und wir wissen nicht, woran das liegt", sagt Kropp. Warum kann der eine seinen Blutzuckerspiegel erspüren lernen und der andere nicht? "Irgendwo im Gehirn muss es eine Verbindung zwischen dem bewussten Denken und dem autonomen Nervensystem geben. Genaues ist allerdings bisher nicht erforscht", sagt Kropp. Jedenfalls scheint es auch für das Wahrnehmen und Beeinflussen von Körperfunktionen Naturtalente zu geben. Er kenne Patienten, erzählt der Kopfschmerzforscher, die könnten schon vorher sagen, welche Spannung die Elektrode gleich an ihren Stirnmuskeln messen werde. Und zwar bis aufs Mikrovolt genau.

1. Gedankliche Vorstellung

Stellen Sie sich vor, wie jemand mit den Fingernägeln über eine Tafel kratzt.

2. Reaktion des Körpers

Brrr, da zieht's einem alles zusammen - auch die Stirnarterie. Sie reagiert unwillkürlich auf das gedankliche Bild. Im Gehirn gibt es offenbar eine Verbindung zwischen dem bewussten Denken im Großhirn und dem autonomen Nervensystem, das z. B. Blutdruck, Körpertemperatur oder Darmbewegungen steuert. Mit bestimmten Vorstellungen lassen sich verschiedene üblicherweise unbewusst ablaufende Körpervorgänge gezielt beeinflussen.

3. Sensoren messen die Reaktionen

Beim Biofeedback ermitteln Sensoren, wie der Körper reagiert. Im Beispielfall misst eine Elektrode auf der Haut über der Schläfenarterie den Durchmesser der Ader und leitet das Signal - und die Veränderungen - an einen Computer weiter.

4. Feedback: Auf dem Bildschirm wird die Reaktion sichtbar

Der Computer wandelt das Signal der Elektrode um. Zum Beispiel in das Bild einer stilisierten Ader: eines Kreises, der sich zusammenzieht oder ausdehnt. Aber auch Töne oder Linien werden eingesetzt. So sieht oder hört der Patient, ob seine gedankliche Vorstellung die gewünschte Wirkung hatte - er bekommt ein Feedback.

5. Reaktion des Patienten

Hat das Gedankenbild funktioniert, kann der Patient damit weiterüben. Mit der Zeit beherrscht er den Ablauf auch ohne Unterstützung durch den Computer. War das innere Bild noch nicht das richtige – reagierte der Körper also nicht wie gewollt –, probieren Arzt und Patient andere Gedankenbilder aus. Bei manchen Menschen wirkt die Vorstellung besser, sie sprängen in eiskaltes Wasser oder sie bissen in eine Zitrone.

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