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"Tatort"-Faktencheck: Wie sicher sind DNA-Tests? Und wie gefährlich ist Methanol?

Magersucht, Kindesmissbrauch und viele Wattestäbchen für DNA-Tests - der Bremer "Tatort" behandelte nicht gerade wenige Themen. Doch wie realistisch war der Plot?

Kommissarin Lürsen (l.) muss mit dem Argwohn von Silke Althoff zurechtkommen

Kommissarin Lürsen (l.) muss mit dem Argwohn von Silke Althoff zurechtkommen

Ein entführtes Mädchen taucht wieder auf, eine Familie bekommt die vermisste Tochter zurück: Was sich zunächst nach einer Geschichte mit glücklicher Wendung anhört, entpuppt sich im Laufe des "Tatorts" als ein Lügenkonstrukt, in dem Opfer plötzlich wieder zu Tätern werden. Doch wie steht es um die Fakten im Drehbuch? Ein Schnellcheck.

Jan, der Sohn der Familie, ist fünf Jahre alt, als er seine Schwester Fiona beim Spielen versehentlich mit Silikonkleber füttert. Das Mädchen erstickt, und die Mutter lässt die Leiche des Kindes verschwinden - alles, um den Jungen zu beschützen und ihm die Erinnerung an das traumatische Ereignis zu nehmen. Ist es realistisch, dass sich der Junge an nichts mehr erinnert?
Nicht wirklich. Denn Wissenschaftler gehen davon aus, dass die ersten dauerhaften Erinnerungen schon ab einem Alter von drei Jahren einsetzen. Dafür verantwortlich sind offenbar drei Faktoren, die in diesem Alter zusammenkommen: eine fortgeschrittene Sprach- und Hirnentwicklung und das Bewusstwerden des eigenen „Ichs“, das bei Kindern zwischen zwei und drei Jahren einsetzt. Wie zuverlässig sich Kinder erinnern, können Eltern übrigens beeinflussen: Je häufiger sie mit den Kleinen über bereits Erlebtes sprechen, umso früher setzen die ersten Erinnerungen ein.

Sie sei entführt, in einem Wohnwagen versteckt und über Jahre misshandelt worden: Die vermeintliche Fiona tischt den Ermittlern eine wohlkonstruierte Lügengeschichte auf. Die glauben ihr zunächst - und werden selbst dann nicht stutzig, als Fotos auftauchen, die das Mädchen lächelnd mit ihren scheinbaren Entführern zeigen. Warum?
Offenbar vermuten die Ermittler, dass das Mädchen eine besondere Bindung zu den Entführern aufgebaut hat - so, wie es oft bei Opfern realer Entführungen beobachtet wird. Diese Bindung kann mitunter so ausgeprägt sein, dass sich die Entführungsopfer mit der Situation arrangieren - und selbst dann nicht flüchten, wenn sie eigentlich die Möglichkeit dazu hätten. Psychologen vermuten dahinter eine unterbewusste Überlebensstrategie: einen Rückfall in den Zustand eines Kindes, das voll und ganz von der eigenen Mutter abhängig ist.

Psychologen sprechen in solchen Fällen vom sogenannten "Stockholm-Syndrom". Der Name dieses Phänomens beruht auf einem Banküberfall mit Geiselnahme, der sich im Jahr 1973 in der schwedischen Hauptstadt ereignete und mehrere Tage andauerte. Täter und Geiseln bauten im Laufe der Geiselnahme eine freundschaftliche Beziehung auf, eine Geisel soll sich sogar in den Kidnapper verliebt haben.

Kathrin Althoff, die ältere Schwester von Fiona, zweifelt im "Tatort" stark daran, dass das bei ihnen eingezogene Mädchen tatsächlich ihre Schwester ist. "Und, so ein DNA-Test - der ist hundertprozentig?", fragt sie Kommissarin Lürsen. Wie sicher sind DNA-Tests?
Zuerst einmal: Die Schwester zweifelt zu Recht. Denn die Mutter hatte bereits vor Jahren die falsche DNA abgegeben, um die Tat des Sohnes zu vertuschen. Auch diesmal liefert sie nicht die richtige DNA bei den Ermittlern ab, sondern wiederum eine Genprobe der älteren, adoptierten Schwester - genau so, wie sie es bereits Jahre zuvor getan hatte. Die zurückgekehrte Fiona, so scheint es daher, ist tatsächlich das vermisste Kind. Indem Kathrin Althoff allerdings DNA-Proben von allen Familienmitgliedern bei den Ermittlern abgibt, fliegt der Schwindel auf.

Im "Tatort" ist daher in den DNA-Tests nur noch wenig Heil zu suchen, so viel wie bereits zuvor getrickst wurde. "Hätte die Mutter allerdings Jahre zuvor die richtige DNA-Probe der tatsächlichen Fiona abgegeben, wäre schon viel früher klar gewesen, dass das Kind tot ist", sagt Katja Anslinger vom Institut für Rechtsmedizin der Universität München. Wenn eine Leiche gefunden wird, kann diese typisiert werden. Das so ermittelte genetische Muster wird dann mit dem in einer beim Bundeskriminalamt angelegten Vermisstendatei gegebenenfalls gespeicherten DNA-Referenzmaterial abgeglichen. "Da die Mutter allerdings das genetische Material der Stieftochter abgegeben hatte, hat sie so die Spur geschickt verwischt", sagt die Wissenschaftlerin.

Das Vorgehen der Ermittler schätzt die Forscherin als realistisch ein. "So wäre man tatsächlich auch bei einer Straftat verfahren", sagt sie. Werde jemand vermisst, versuche man das genetische Profil der Person zu ermitteln - entweder über DNA-Spuren, die der Vermisste auf Gegenständen wie einer Zahnbürste, einem Kamm, einem Rasierapparat oder einem Schnuller hinterlassen hat. Oder über Abstriche aus der Mundschleimhaut von Mutter und Vater. "Da Eltern an ihre Kinder aber immer nur eines von zwei Merkmalen weitergeben, ist der zweite Weg nicht so eindeutig wie der erste", sagt Anslinger. "Man bekommt dadurch verschiedene Möglichkeiten, wie der genetische Fingerabdruck aussehen könnte, kennt diesen aber nicht genau."

Hat man dagegen zellhaltiges Material der vermissten Person selbst, kann der genetische Fingerabdruck zuverlässig ermittelt werden. Dieser ist Anslinger zufolge "hoch aussagekräftig und einzigartig". Lediglich bei eineiigen Zwillingen könne sich ein identisches Muster zeigen. "Ansonsten können wir ausschließen, dass zwei Personen dasselbe Muster haben", sagt die Wissenschaftlerin.

Insgesamt fünf Menschen sterben im "Tatort" an Methanol. Wie gefährlich ist der Stoff?
Methanol wird als Lösungs- oder Frostschutzmittel eingesetzt, auch in der chemischen Industrie oder als Energielieferant findet es Verwendung. Mitunter gelangt Methanol in Getränke - etwa wenn Alkohol gepanscht und mit dem Stoff verdünnt wird. Oder wenn Schnäpse selbst gebrannt werden, und durch falsche Destillation Methanol statt Ethanol entsteht.

So sorgte Methanol 2009 für Schlagzeilen, als sich Schüler auf einer Klassenfahrt mit gepanschtem Alkohol vergiftet hatten, drei Kinder starben. Eine harmlose Dosis gibt es Experten zufolge nicht, selbst geringe Mengen können verheerend wirken. Das Tückische: Methanol führt dabei zunächst ähnlich wie Ethanol zu einem Rausch, eine Vergiftung ist daher auf Anhieb nur schwer von einem Betrunkensein zu unterscheiden. Nach etwa einer Stunde treten Symptome wie Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen auf, Sehstörungen bis hin zur Bewusstlosigkeit können folgen.

Problematisch ist dabei nicht das Methanol selbst, sondern seine Abbauprodukte im Körper, die mit zeitlicher Verzögerung zu einer Vergiftung führen. Formaldehyd und Ameisensäure schädigen Sehnerven, Niere, Leber und Gehirn, das Blut kann übersäuern. Unbehandelt endet eine Methanolvergiftung meist tödlich.

Liegt der Verdacht auf eine Methanolvergiftung vor, muss der Betroffene sofort ins Krankenhaus. Dort wird er in der Regel erst einmal mit Ethanol behandelt. Denn diesen Stoff baut der Körper bevorzugt ab. Durch die Gabe von Ethanol wird er daher daran gehindert, Methanol in das schädliche Formaldehyd und Ameisensäure umzuwandeln. Der Patient wird also so lange in einem Rauschzustand gehalten, bis das Methanol über die Nieren ausgeschieden ist. Alternativ gibt es auch ein Medikament, das den Abbau von Methanol verhindert.

ikr/lea

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