HOME

"Tatort"-Kritik: Lürsen und die Last der Vergangenheit

Familiäre Abgründe, Angst vor dem eigenen Versagen: Die Bremer Kommissare Lürsen und Stedefreund hatten es wieder mit einem komplexen Fall zu tun. Ein "Tatort", der Potenzial für noch mehr hatte.

Von Dieter Hoß

Man hat es ihr fast selber abgekauft - weit außerhalb der Geschichte, gemütlich auf dem heimischen Sofa. Einerseits die direkte sexuelle Anmache ("Schick Mama weg und hol deinen Schwanz raus"), andererseits die unsagbare Angst, die Tränen aus diesen Augen presst. Unfassbar viel Leid muss sie erduldet haben. Was mag geschehen sein, auf den endlosen Fahrten im Wohnmobil durch Europa, dass sich die 17-Jährige vor den Augen des Kommissars einnässt? Was mag das schrullige Hippie-Paar mit ihr gemacht haben? Das Paar, das überall "Freunde" hatte, die zu Besuch kamen? Gro Swantje Kohlhof beweist in dieser Szene nicht nur ihr eigenes schauspielerisches Talent. Auch ihr Filmcharakter Elena, die sich als die nach Jahren zurückgekehrte, vermisste Tochter Fiona ausgibt, überzeugt. Sie spielt ihre Rolle gut genug, um in der unter dem Verlust leidenden Familie Fuß zu fassen.

Es gibt eine Reihe starker Szenen in diesem Bremer "Tatort", der seine beste Zeit in der ersten knappen Stunde hat. In jener Phase, in der Fragen aufgeworfen werden: Ist das wirklich die lange vermisste Fiona? Woher kommt sie so plötzlich? Was ist in den zehn Jahren mit dem Kind geschehen? Sind Zweifel berechtigt, obwohl es doch einen eindeutigen DNA-Beweis gibt? Hat Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) seinerzeit wirklich einen fatalen Fehler begangen, als sie den Vater des Mädchens verdächtigte und ihn praktisch in den Selbstmord trieb? Und wie soll sie damit leben? Wie leben die Mutter, ihr Sohn und ihre Stieftochter mit all dem? Und wie passt das alles zusammen?

Alle Zutaten für ein Psychostück

"Die Wiederkehr", so der Titel des neuen Falls des Bremer "Tatort"-Duos Lürsen und Stedefreund (Oliver Mommsen), hat wirklich alle Zutaten für einen wirkungsvollen Psychothriller: undurchsichtige Charaktere, eine dunkle Vergangenheit, die die Ereignisse der Gegenwart bestimmt, Handlungsstränge, die den Zuschauer auf die falsche Fährte führen, hin und wieder eine Spur Action sowie ein überraschendes, vielleicht sogar verstörendes Ende, das in die Abgründe einer traumatisierten Seele blicken lässt.

Zum Schluss ist wirklich alles ganz anders als es am Anfang scheint. Und das, ohne dass plötzlich noch eine Figur aus dem Hut gezaubert werden muss. Stattdessen rückt die Mutter (ebenfalls stark: Gabriela Maria Schmeide) ins Zentrum des Geschehens. Sie ist diejenige, die die fatalen Ereignisse in Gang gesetzt und am Laufen gehalten hat, dabei den Tod ihres Mannes indirekt in Kauf genommen, die Polizei mit vertauschten DNA-Proben getäuscht und mit einer Betrügerin - der angeblichen, zurückgekehrten Tochter - gemeinsame Sache gemacht hat. Das alles, um ihrem Sohn lebenslange Schuldgefühle zu ersparen. Jan (Levin Liam) soll nicht wissen, dass er es war, der als kleiner Junge seiner Schwester Fiona einen Kleber einflößte, an dem sie qualvoll erstickte. Ein schrecklicher Unfall also, keine Tat. Die Mutter ließ Fionas Leiche verschwinden.

Wie weit geht eine Mutter?

All das hätte womöglich gar einen Zweiteiler getragen. Dann hätte man die inneren Qualen der Mutter glaubhafter herausarbeiten können - ebenso wie die Verwundungen innerhalb der Familie, die diffusen Zweifel Jans, die Selbstvorwürfe, mit denen sich Lürsen herumplagt. All das hätte der Zuschauer besser miterleben können. So aber wird das Stück beim Einbiegen auf die Zielgerade ausgebremst. Auf hanseatisch-unspektakuläre Weise wird geklärt, dass die vermeintliche Fiona nicht das vermisste Mädchen sein kann, die Geschichte vom Missbrauch in der Camperszene ist haltlos, ein ganzer Spannungsbogen löst sich schlicht auf. Von da an stürzt die Geschichte ihrer Lösung entgegen.

Schade. Dennoch ist es insgesamt ein guter "Tatort" aus Bremen, der einen mit Fragen zurück lässt: Geht eine Mutter wirklich so weit, um ihr Kind vor einer vermeintlich nicht zu schulternden Last zu schützen? Und wie weit dürfen Kommissare beim Verhör gehen? Eine Frage für Inga Lürsen. Denn unterm Strich bleibt: Der Freitod von Fionas Vater war unnötig. Der Mann war unschuldig. Nachdem sich die gesamte Geschichte geklärt hat, scheint das die Kommissarin nicht mehr recht zu kümmern. Doch wie man gesehen hat: Die Vergangenheit holt einen irgendwann ein. Womöglich auch ein zweites Mal.

Dem Autor auf Twitter folgen