HOME

Stern Logo Tatort

"Tatort"-Kritik: Ein Hauch von Extraklasse

Ungewohntes aus Bremen: Der neue Fall der "Tatort"-Kommissare Lürsen und Stedefreund kommt ganz ohne sozialromantische Töne aus und ist ein spannendes Psycho-Kammerspiel um ein verstörtes Mädchen, das den brutalen Mord an seinen Eltern beobachtet hat.

Von Carsten Heidböhmer

Diese "Tatort"-Folge ging unter die Haut: "Stille Wasser", der jüngste Fall der Bremer Ermittler Lürsen und Stedefreund, bot den Fernsehzuschauern am Sonntagabend ungewohnt verstörende Kost. In einer Hochhaussiedlung wird das Ehepaar Frank und Yvonne erstochen aufgefunden. Zum Zeitpunkt der Tat befand sich auch die neunjährige Tochter Nadine (Sina Monpetain) in der Wohnung und hat die Tat mit angesehen. Das schwer traumatisierte Mädchen wird zunächst in ein Krankenhaus gebracht, flieht von dort aber zurück in die Wohnung.

Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) hat nun zwei Probleme: Nadine braucht dringend psychologische Betreuung. Vor allem aber ist sie in großer Gefahr, denn der Mörder hat allen Grund, sich der einzigen Zeugin zu entledigen. Lürsen beschließt, zu dem Kind in die Wohnung zu ziehen und dem Mörder eine Falle zu stellen. Während sie sich liebevoll um das Mädchen kümmert, gibt sie sich den Hausmitbewohnern als Inga Rust aus, die prollige Halbschwester des Toten. Sie läuft kaum noch ohne Kippe rum, trinkt billigen Brandy und lässt sich vom Kollegen Stedefreund (Oliver Mommsen) trashige Klamotten aus dem Ramschladen kaufen.

Das Kalkül geht auf: Nach und nach schauen die Nachbarn vorbei, und erkundigen sich nach dem Kind. So erfährt die Ermittlerin vieles über das Privatleben der Mordopfer. Stedefreund ermittelt währenddessen am Arbeitsplatz des Verstorbenen und deckt auf, dass dieser in den Drogenschmuggel verwickelt war. Ist hier das Motiv für den Mord zu suchen?

Das ewige Rezept

Spannung entsteht bei dieser Frage nicht, denn der geübte "Tatort"-Gucker weiß: Am Ende ist es meist eine Beziehungstat. Die Exkurse in verschiedene gesellschaftliche Bereiche wie die Arbeitswelt - sie dienen immer nur dazu, die Fälle zu erden, den für die Krimireihe so wichtigen Realitätsbezug herzustellen. In diesem Fall erfahren die Zuschauer einiges über eine Abteilung im Bremer Hafen, die mit der Entgasung von Frachtgut beschäftigt ist. Regisseur und Autor Thorsten Näter hat hier ganze Recherchearbeit geleistet und lässt sein angeeignetes Wissen bereitwillig in die Geschichte eintröpfeln. So spannend diese Ausflüge in die Realität auch sind: Der Mörder stammt letztlich doch fast immer aus dem persönlichen Umfeld.

So auch hier: Frank Berthold wurden nicht seine kriminellen Verwicklungen, sondern die Affäre mit der Nachbarin Rebecka Gressmann (Anna Maria Mühe) zum Verhängnis. Sie hat die Liaison offenbar deutlich ernster genommen als ihr Liebhaber. Als ihr das klar wird, brennen bei der jungen Frau alle Sicherungen durch, und weil Yvonne Berthold zufällig auch in der Wohnung ist, muss sie ebenfalls dran glauben.

Zurück bleibt die schwer traumatisierte Tochter, die von der jungen Sina Monpetain, einer Bremer Schülerin, verstörend intensiv verkörpert wird. Die von einer klaustrophobischen Stimmung geprägten Szenen im Inneren der Hochhaus-Wohnung gehören zu den stärksten Momenten in dem Bremer "Tatort", der diesmal ganz ohne die übliche Sozialromantik auskommt. Hätte man sich ganz auf das Psycho-Kammerspiel konzentriert und den konstruierten Realitätsbezug weggelassen - es wäre ein herausragender Fernsehfilm geworden.