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"Tatort"-Kritik: Bisexualität trifft auf Biederkeit

Ein schwuler Stricher wird ermordet, ein Familienvater führt ein bisexuelles Doppelleben, und eine Schwangere entpuppt sich als Serienmörderin: Die 20. Jubiläumsfolge der Bremer "Tatort"-Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) zeigt die seelischen Abgründe eines jungen Ehepaares.

Von Kathrin Buchner

Was für ein unglücklicher Zufall: Da feiert man mit Hoch-die-Tassen und Biertisch-Tanzen auf dem Volksfest, flirtet mit einer attraktiven jungen Frau, küsst sie auf dem Heimweg ausgerechnet vor einer Zoohandlung, in die gerade zwei Typen einzubrechen versuchen. Man rennt hinter den Einbrechern her, ist aber ziemlich betrunken und knutscht lieber weiter mit dem zukünftigen One-Night-Stand als den Vorfall anzuzeigen - ist ja nichts weiter passiert, nur das Sicherheitsgitter hochgeschoben und ein kleines Loch in der Glasfront.

Wäre nicht weiter schlimm - wenn man nicht Kriminalkommissar Stedefreund heißen würde, und der One-Night-Stand nicht nur eine Polizei-Kollegin wäre, sondern auch noch die Tochter der eigenen Chefin, der Bremer Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), und zudem einer der Möchtegern-Einbrecher am nächsten Tag als verstümmelte Leiche am Weserstrand auftaucht: Ein junger Libanese, der auf den Strich ging.

Duckmäuser mit Dackelblick

Die 20. Jubiläumsfolge der Bremer "Tatort"-Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) namens "Tote Männer" ist ein saftiges Psychostück und eine doppelt verschränkte Beziehungskiste, in der die Kommissarin zwar ordentlich lospoltern darf, aber der große, sehr ambivalente Auftritt ihrem Kollegen Stedefreund (Oliver Mommsen) vorbehalten ist. Der präsentiert sich als bindungsunwilliger Womanizer, klebt mit seinem Blick an prallen Dekolletés, duckt sich weg nach seinem One-Night-Stand und verbeißt sich in seinem Mörderverdacht. Im Visier hat er den Elektriker Leon Hartwig (Felix Eitner), Typ Duckmäuser mit Dackelblick, der nicht nur die Salmonellen-Erreger mit dem Toten teilt, sondern auch die sexuelle Ausrichtung. Doppelt verdächtig macht ihn, dass er in Lübeck war, als dort vor einem Jahr ein Stricher auf die gleiche Art umkam.

Es ist ein bunter und durchaus spannender Krimi-Cocktail, den Regisseur Thomas Jauch da zusammenrührt: Lüstern-verklemmte Männer, Frauen, die zu Furien werden und die Fäden in der Hand haben, eine Kommissarin mit Futterneid "wann haben mir die Kerle das letzte Mal so nachgeguckt" und Frust, und einem toten Jüngling mit Jesuslocken, fleischgewordene Verlockung für Freier, der nebenbei illegal Vierbeiner für Hundekämpfe importiert, und dessen ach so bester Freund sogar aus dem Tod Profit schlagen will, indem er Verdächtige zu erpressen versucht.

Familienvater mit Faible für knackige Jungs

Der wichtigste Handlungsstrang verdichtet sich zu einem Kammerspiel um eine kleinbürgerliche Ehe mit schwulen Rotlichtmilieu im Hintergrund: Drehbuchautor Jochen Greve erzählt die Geschichte eines Paares, das um Liebe und Normalität ringt, von einem Mann, der Ehe und Existenz riskiert, weil er sein Faible für knackige Jungs nicht unterdrücken kann, der zwar Dreck unter den Fingernägeln, aber nicht am Stecken hat. Im Gegensatz zu seiner schwangeren Frau Jutta (virtuos zwischen leidend und aggressiv: Fritzi Haberlandt), die unter Torschlusspanik gelitten hatte und sich nichts mehr als eine stabile Beziehung wünscht. Sie hat die heimliche Neigung ihres Mannes entdeckt, empfindet sie als Krankheit und entwickelt solch Aversionen gegen Schwule, dass sie zur Serienmörderin wird. Gelegentlich geraten die Dialoge zu plakativ-floskelhaft, wenn Jutta Erklärungen aus ihrem Mann pressen will "was haben die, was ich nicht habe", der ihr mit Liebesbeteuerungen und gestammelten Halbsätzen antwortet.

Regelmäßige "Tatort"-Zuschauer könnten bei "Tote Männer" durchaus Déjà-vus erleben: Erst letzte Woche hatte sich Bodensee-Kommissar Perlmann (Sebastian Bezzel) mit einer verhängnisvollen Affäre, die er seiner Chefin verschwiegen hatte, in die Bredouille gebracht. Und im unlängst ausgestrahlten Kieler "Tatort" verkörperte Katharina Wackernagel eine schwangere Mutter, die tötet - ihr eigenes Kind - ein ähnlich starkes Tabuthema wie Bisexualität. Allerdings war dieser Krimi viel intensiver und packender inszeniert, während die Bremer Jubiläumsfolge mit einer gewissen Leichtigkeit in der Dramenschwere glänzt - passend zum launigen Einstieg auf dem Volksfest. Wenn auch am Ende ein paar Fragen zum Tathergang offen bleiben.