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TV-Kritik zum "Tatort": Wenn Mord zur Nebensache wird

Es passiert viel zu Beginn des neuen "Tatorts" aus Bremen. Zu viel. Doch wer die erste halbe Stunde verdaut hatte, wurde mit einem spannenden und emotionalen Krimi belohnt. Auch wenn der Mord nur noch am Rande stattfand.

Von Niels Kruse

Es muss keine schlechte Idee sein, einen "Tatort" mal nicht mit einer Leiche zu beginnen. Das passiert in letzter Zeit ohnehin häufiger, wie zuletzt beim ersten Fall des neuen Frankfurter Teams. Es ist eine schöne Alternative zum deutschen Krimi-Einerlei: einen möglichen Mörder zu jagen, statt den Täter. Doch leider startet die neue Folge aus Bremen "Der illegale Tod" derart überfrachtet und unübersichtlich, dass mancher Zuschauer nach der ersten halben Stunde zu Johnny Depps "Fluch der Karibik II" umgeschaltet haben dürfte.

In weniger als zehn Minuten schafft es Regisseur Florian Baxmeyer, gleich vier Schauplätze und sämtliche zehn Hauptfiguren unterzubringen, inklusive einen Konflikt, den Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) mit ihrer Tochter Helen ausfechten muss, weil deren Polizeikarriere gerade Fahrt aufnimmt. Nach einer halben Stunde geht das eigentliche Drama los: Peer Förden (Michael Pink), der beste Freund von Kommissar Nils Stedefreund (Oliver Mommsen), verschwindet nach einer gemeinsam durchzechten Nacht. Unter Verdacht gerät die Asylantin Amali Agbedra (Florence Kasumba), deren kleines Kind bei der Flucht aus Afrika ums Leben gekommen ist.

Der Zwischenfall muss verschleiert werden

Peer Förden ist eines der Mitglieder einer deutschen Frontex-Mission, die vor der maltesischen Küste durch einen überforderten Kameraden den Untergang eines Flüchtlingsbootes mitverschuldet. Amali Agbedra überlebt, strandet an der tunesischen Küste und macht sich erneut nach Deutschland auf. Mit dem berühmten Killerblick von Kristanna Loken aus Terminator 3 begibt sie sich auf einen Rachefeldzug, um die Schuldigen dieser Tragödie zur Rechenschaft zu ziehen: Außer dem Freund des Kommissars kommen dafür nur die Wasserschutzpolizisten Elena Janson (Ulrike C. Tscharre), Klaus Kastner (Daniel Lommatzsch) und Robert Böhm (Arnd Klawitter) in Frage.

Offiziell weiß niemand von dem Zwischenfall - und geht es nach Kapitänin Janson und Robert Böhm, soll das auch so bleiben. Doch das Verschwinden von Peer Förden macht die beiden Kommissare Lürsen und Stedefreund auf den Vorfall an Bord aufmerksam. Zudem verfällt Klaus Kastner zunehmend in Depression, weil ihm sein schlechtes Gewissen zu schaffen macht - das Schweigekartell droht zu platzen. Die kühle Karrierefrau Janson verliert zunehmend die Kontrolle über die Situation und versucht EU-Bürokrat und Frontex-Chef Rupert Farr auf ihre Seite zu ziehen. Der, klischeehaft kaltherzig gespielt von James Faulkner, mischt sich in die Ermittlungen ein und sorgt dafür, dass seine Behörde nicht weiter behelligt wird.

Bremer "Tatort" aus der alten Gutmenschenschule

Am Ende gibt es dann nur noch Opfer. Und zwei Leichen: Amali Agbedra, die vermeintliche Täterin, und Peer Förden hatten gemeinsame Sache gemacht und werden als einzige Zeugen des Schiffsunglücks getötet. Die Wasserschutzpolizisten Janson und Böhm landen im Knast, Klaus Kastner versucht sich das Leben zu nehmen, Kommissar Stedefreund hat seinen besten Kumpel verloren und seine Kollegin Lürsen muss einsehen, dass ihre Tochter, die sie zu einem Menschen mit eigenem Kopf erziehen wollte, genau das geworden ist: anders als die Mutter und kritisch auch ihr gegenüber. Vor allem aber stellt die linksaufklärerische Kommissarin fest, dass zunehmend herzlose Technokraten und Karrieristen das Sagen haben - die zudem über Leichen gehen.

"Der illegale Tod" ist wieder ein typischer Bremer "Tatort" aus der alten Gutmenschenschule, politische Botschaft inklusive. Einer brandaktuellen sogar, denn seit den Revolutionen in Tunesien und Ägypten und den Aufständen in Libyen strömen so viele Flüchtlinge aus Afrika nach Europa wie nie zuvor. Der nicht nachlassende Strom von Migranten droht sogar die Reisefreiheit innerhalb der EU zu gefährden. Auch diese traurige Botschaft senden die Macher am Sonntagabend ins Land hinaus. "Es geht nicht nur um Einzelschicksale, es geht um das große Ganze", ruft Kapitänin Janson Kommissarin Lürsen entgegen.

Hochemotionaler und spannender "Tatort"

Bei Regisseur Florian Baxmeyer geht es auch um die menschliche Seite der Flucht, um das Elend der Flüchtlinge, ihren Kampf gegen einen sich abschottenden Kontinent, um das Verdrängen des Problems im wohlgenährten Westen. "Die Industriestaaten verhalten sich wie kleine Kinder beim Versteckspielen: Hand vor Augen und glauben, man sieht sie nicht", sagt der Filmemacher. Zieht man seinen überladenen Beginn und einige klischeehafte Gefühlsduseleien ab, ist ihm ein hochemotionaler und spannender "Tatort" gelungen - in dem Mord fast zur Nebensache geriet.