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Interview mit "Tatort"-Kommissarin Sabine Postel: "Ich wollte nicht die Mutter der Nation werden"

Seit 13 Jahren ermittelt Sabine Postel als "Tatort"-Kommissarin in Bremen. Im stern.de-Interview spricht sie über Stasi-Spitzel, ihre Radiokarriere mit Marius Müller-Westernhagen, ihr Image als Rabenmutter, und darüber, dass sie gerne mit ihrem Sohn einen Kinofilm drehen würde.

Frau Postel, was macht den Bremer "Tatort" aus?
Die Leute haben mitbekommen, dass Radio Bremen oft heiße Eisen anpackt. Und ich bin froh darüber, dass wir damit auch neun Millionen Zuschauer bekommen, denn sonst heißt es womöglich, könnt ihr nicht lieber den Gartenlaubenmord machen. Man muss sich im "Tatort"-Umfeld positionieren und zur Marke werden. Das ist uns gut gelungen.

Was ist das Bremer "Tatort"-Markenzeichen?
Dass wir mehr sozialkritische Themen wählen und uns an außergewöhnliche Geschichten wagen. Zum Beispiel "Schiffe versenken" war ein absolutes Novum (Mord auf hoher See, Anm. d. Red.). Wir haben einen "Tatort" über Strahlenbelastung durch Handys gemacht, da liefen die Mobilfunkbetreiber Amok. Es gab diese Satanistengeschichte, die auf einer wahren Geschichte beruht, wo Kinder missbraucht wurden von sogenannten ehrenwerten Bürgern. Und jetzt eben dieser "Tatort" über alte Stasiseilschaften, davon hatte ich noch nie gehört. Drehbuchautor Wilfried Huismann hat das genau recherchiert. Er weiß, wenn man solch heißen Eisen anpackt, dass es immer Leute gibt, die das stoppen können, deswegen muss man sehr akribisch sein.

Was haben Sie gedacht, als Sie das Drehbuch zu dem "Schlafende Hunde", dem "Tatort" über Stasiseilschaften, gelesen haben?
Das kann nicht sein, ich bin ja ein Wessie. Kurz vor dem Fall der Mauer wurden noch ca. 20 Milliarden zur Verfügung gestellt, um die Geheimdienste aufrecht zu halten? Das klang für mich absurd. Stimmt aber. Je mehr man sich in die Geschichte vertieft, desto klarer wird auch, dass all die Menschen, die diesen riesigen Geheimdienstapparat aufrecht erhalten haben, irgendwie weiterarbeiten mussten. Die hatten ein Know-how, das sich gut in die BRD integrieren ließ, im Sicherheitsbereich, in der Politikbranche. Jede zweite, dritte war IM in der DDR. Die Leute im Osten wussten nicht, ob ihr Freund oder ihr Nachbar sie bespitzelt hatte. Das ist ein riesiger Vertrauensbruch und eine üble Situation für die Seele.

Es sind erst 20 Jahre nach Fall der Mauer vergangen. Wenn man überlegt, was 20 Jahre nach Fall des Naziregimes alles noch unter den Teppich gekehrt wurde, kann man sich vorstellen, dass die DDR-Vergangenheit noch lange nicht aufgearbeitet ist.
Genau. Ich weiß von einer Kollegin, die zehn Jahre lang gesagt hat, sie habe solche Angst, in ihre Akte zu gucken. Nach 12, 13 Jahren hat sie beschlossen, stabil genug für den Einblick zu sein und festgestellt, dass eine ganz enge Kollegin und Freundin IM war und sie bespitzelt hat. Zur Rede gestellt hat sie sich damit verteidigt, dass sie nur banale Informationen weitergegeben habe - sie wäre quasi ein Schutzschild gewesen.

Inspirieren Sie die Dreharbeiten eigentlich, sich mit dem jeweiligen Thema des "Tatorts" genauer zu beschäftigen?
Ja. Ich kriege immer viel Sekundärliteratur. Bei den Satanisten ("Abschaum", 2004 Anm. d. Red.) war das scheußlich, da hatte ich Unterlagen im Hotelzimmer, die ließen einen nicht kalt. Oder die Praktiken zur Wiederherstellung des Jungfernhäutchens bei unserem "Tatort" über Türken. Bei "Strahlende Zukunft" war es äußerst beunruhigend, sich mit den Strahlenwerten zu beschäftigen. Man macht sich gar nicht klar, welche Strahlungsintensität die Sendemasten haben, die einen davon abhalten, ruhig zu schlafen. Man bekommt viel Beunruhigendes auf den Tisch.

Gucken Sie auch die anderen "Tatort"-Folgen?
Ich bin ein "Tatort"-Junkie und nicht nur, weil ich sehen will, was die Konkurrenz macht, die "Tatort"-Folgen sind so unterschiedlich. Ich liebe die Münsteraner mit ihrem schrägen Humor. Auch die Münchner mag ich, die ja leicht und komödiantisch sind. Dann finde ich den neuen Hamburger Kommissar Cenk Batu einen super Typ. Das ist ganz eine andere, unkonventionelle Erzählform, die mir sehr gut gefällt.

Sie spielen auch in einer anderen ARD-Krimiserie: In "Der Dicke" mit Dieter Pfaff spielen sie eine Rechtsanwältin.
Ja, aber das ist eine andere Erzählweise, komödiantischer. Isabel von Brede ist keine Ermittlerin im realistischen Sinne, wie die "Tatort"-Kommissarin. Beim Dicken geht es darum, diese Isabel von Brede in Situationen zu bringen, die ihr eigentlich fremd sind, damit eine Skurrilität entsteht. Wenn sie sich mit Zuhältern unterhält, entsteht ein Gefälle, treffen unterschiedliche Kulturen aufeinander, was witzig ist.

Was steckt von Ihnen in dieser Kommissarin Inga Lürsen?
Fifty-fifty. Natürlich spielt man als Schauspieler Figuren am liebsten, die wenig mit einem selbst zu tun haben. Aber um diese Figur möglichst authentisch auf Dauer glaubhaft zu machen, ist es wichtig, dass viel von mir drin steckt. Die Lürsen gibt es ja schon seit 1997, die Leute würden eine Kunstfigur über einen so langen Zeitraum nicht ertragen, geschweige denn lieben. Was mich von ihr unterscheidet: Sie hat viel weniger Humor als ich, sie ermittelt viel im Elend, und da gibt es nicht allzu viel zu lachen. Lürsen ist einsam, ihre Ehe ist gescheitert, ihr Verhältnis zur Tochter gestört. Beziehungen hat sie immer nur zu Männern, die nicht bleiben. Sie ist ein totaler Workaholic, der Beruf ist für sie alles, weil sie sonst nichts hat. Ihr einziger Partner ist Stedefreund, deswegen ist sie auch immer so verletzt, wenn sie sich von ihm hintergangen fühlt. Dass man einen Beruf hat, der einen zu 150 Prozent fordert, ist eine feine Sache, aber da braucht man privaten Ausgleich, durch Partner, Familie, Freunde.

Wie sind Sie eigentlich zum "Tatort" gekommen?
Ich habe vor 17 Jahren "Nicht von schlechten Eltern" gedreht und darin Sybille Schefer, eine Mutter von vier Kindern gespielt. Die Serie hatte Kultcharakter. Und ich hatte gerade meinen Sohn geboren und war dabei, die Mutter der Nation zu werden, weil sich so viele Zuschauer mit der Sybille identifizieren konnten. Damals gab es im "Tatort" als Frau nur die Ulrike Folkerts. Die musste härter sein als jeder Kerl, um bestehen zu können, und kämpfte sich Judo-mäßig durch die Gegend. Die paar Frauen vorher wurden alle nicht akzeptiert. Und da haben die sich bei Radio Bremen überlegt, noch eine Kommissarin ins Rennen zu schicken, die aber weiblicher und intuitiver ist. Sie haben mich gefragt und ich war selig, denn nach der Serie bekam ich flächendeckend Mütterangebote. Ich wollte nicht in dieser Schublade landen. Also habe ich an der Figur mitgearbeitet und entschieden: Mutter ja, aber dann Rabenmutter. Die ihr Kind vernachlässigt, die ihrem Mann, einem Lehrer, die Tochter aufs Auge gedrückt hat - und später kamen dann die Konflikte. Genauso das Gegenteil wie bei "Nicht von schlechten Eltern“.

Sie haben viel gemacht, Theater, Fernsehen. Aber sie haben nie einen Kinofilm gedreht.
Würde ich gerne mal machen. Wobei man das auch nicht verklären sollte. Wenn ich beim "Tatort" neun Millionen Zuschauer bekomme, ist das eine andere Hausnummer, als wenn man in einem Kinofilm mitmacht, der in zwei Vorstadtkinos ein Woche läuft. Bei einem erfolgreichem Film sind es mal über 400.000. Und wenn man eine Million kriegt, spielen alle schon ganz verrückt und sagen, das ist toll. Wir bewegen uns mit dem "Tatort" in einem irrsinnigen niveauvollen Umfeld, wo man sehr viele Leute erreicht. Da darf man nicht jammern. Ich bin stolz, dass ich dabei bin, und dass wir nach so langer Zeit so erfolgreich sind, macht mich sehr froh. Wäre natürlich schön, mal einen Kinofilm zu machen, aber wenn nicht, kann ich damit auch gut leben.

Auf Wikipedia findet man immer wieder lustige Anekdoten. Zum Beispiel, dass sie schon mit zehn Jahren mit Marius Müller-Westernhagen vor der Kamera standen.
Kamera ist falsch. Es war so: Mein Papa war Redakteur beim WDR, hat die Abteilung Unterhaltung geleitet. Das Radio hatte damals einen ganz anderen Stellenwert als heute, die haben viele tolle Kinder-Hörspiele produziert. Ich war dabei, weil mein Vater gesagt hat, gucken wir mal, ob die Tochter begabt ist und Lust hat. Marius hat meist meinen älteren Bruder gespielt. Pro Wochenende habe ich zehn Mark verdient. Ich habe da gedacht, das ist doch ein schöner Beruf, du machst, was dir Spaß machst, verdienst gut Geld - toll. Das war schon wegbereitend.

Strebt ihr Sohn auch in die Unterhaltungsbranche?
Der will Regie machen. Er war auf einem Medieninternat, macht gerade seinen Abschluss und hat jetzt schon von den drei renommierten Medien-Unis in London Angebote.

Und danach wird er mal einen "Tatort" mit ihnen drehen ...
Oder einen Kinofilm.

Interview: Kathrin Buchner
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