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Buruli Ulcer: Eine vergessene, grausame Krankheit

Kaum sichtbar bildet sie sich unter der Haut, dann folgen Schmerz, Geschwüre, verheerende Narben. Die Krankheit Buruli Ulcer gilt als kleine Schwester der Lepra - ist aber anders als diese mit Antibiotika kaum heilbar.

Von nano-Reporterin Meike Srowig, Ghana

Salisa blickt schüchtern zu Boden, das grün karierte Kleidchen schief, die Schnüre zum Zubinden im Nacken offen. Die Siebenjährige lebt in dem kleinen ghanaischen Dorf Ananekrom. Der Krankenpfleger Abbas Kabiru Mohammed und die niederländische Ärztin Mina Nienhuis kennen Salisa schon lange: Sie war neun Monate im Krankenhaus, weil sie Buruli Ulcer hat, ein verheerendes Hautgeschwür.

Entstellende Narben, versteifte Gelenke

Als Salisa mit Hilfe ihrer Mutter das grüne Kleid auszieht, wird das Geschwür sichtbar: Es zieht sich über den gesamten oberen Rumpf des Mädchens. Vorsichtig wickelt die Mutter zusammen mit Mohammed den Verband ab. "Die Wunde verheilt gut", sagt er.

Wie der Entzündungsherd im akuten Zustand ausgesehen haben muss, lässt sich nur noch erahnen. Doch über die gesamte Brust, die rechte Schulter und mindestens 15 Zentimeter den Rücken herunter sind riesige Narben sichtbar, immer wieder unterbrochen durch wunde Stellen, an denen das bloße Fleisch zu sehen ist. Nach einer Operation, einer Hauttransplantation und all der Zeit im Krankenhaus sieht Salisa aus, als habe sie heftige Verbrennungen erlitten.

Mohammed und Nienhuis sind dennoch zufrieden mit Salisas Fortschritten, seit sie vor drei Wochen das Krankenhaus verlassen hat. Ihre Arme und den Oberkörper kann sie inzwischen wieder ohne Schmerzen bewegen - keine Selbstverständlichkeit. "Bei vielen Patienten bleiben nicht nur entstellende Narben zurück, auch ihre Gelenke versteifen. Das ist vor allem dann der Fall, wenn sich Buruli Ulcer über Arme oder Beine ausbreitet", erläutert Bernhard Fleischer, Direktor des Hamburger Bernhard-Nocht-Tropeninstituts.

Zusammen mit Forschern aus München, Ghana, Bénin, Kongo, Belgien und den Niederlanden versuchen die Hamburger, Buruli Ulcer auf den Grund zu gehen. Denn viel weiß man über die Krankheit bisher nicht. "Wir würden gern mehr wissen, aber dafür brauchen wir Forschung und vor allem Forschungsgelder und die sind bei solchen Themen nicht leicht zu bekommen", sagt Fleischer.

Anfangs tut das Geschwür nicht weh, ist unsichtbar

Oft wird Buruli als "kleine Schwester der Lepra" bezeichnet, weil es ähnlich entstellend ist. Tödlich ist die Krankheit nicht - aber außer einer Operation, in der alle Geschwüre herausgeschnitten werden, gibt es noch keine Therapie. Dabei kann Buruli überall am Körper auftreten, sogar im Gesicht. Das Leiden und die oft folgende Ausgrenzung sind vor allem für Kinder nur schwer zu ertragen.

Wissenschaftler wissen, dass das Hautgeschwür durch einen Bakterie verursacht wird. Zu Beginn bildet sich unter der Haut ein kleiner Knoten - ein so genanntes Nodul. Es ist hart, hat die Größe eines kleinen Kieselsteins, tut aber weder weh, noch ist es sichtbar - und genau das ist das Tückische an Buruli Ulcer. Erst wenn das Nodul größer wird und sich durch die Haut frisst, beginnt der Schmerz.

Eine Operation ist meist unausweichlich

Rechtzeitig vorgenommen, hätte auch Salisa eine kleine Operation helfen können. Meist kann ein solcher Eingriff sogar ambulant gemacht werden - ein kleiner Schnitt genügt. Doch Salisas Mutter glaubte, die Hautentzündung ihrer Tochter werde von selbst zurückgehen.

"Das denken viele", sagt Mina Nienhuis, "aber je länger sie warten, desto größer werden die Entzündungen, und desto größer dann auch später die Narben." Die 28-Jährige ist in Ghana, weil sie im Rahmen eines EU-Forschungsprojekts ihre Doktorarbeit über Buruli Ulcer schreibt. Derzeit wohnt und arbeitet sie für ein Jahr in Kumasi, der zweitgrößten Stadt Ghanas. Jede Woche kommt sie für ein paar Tage in das zwei Stunden entfernte Agogo, weil das Krankenhaus dort ein offizielles Zentrum für Buruli geworden ist. Zusammen mit Mohammed behandelt sie Patienten mit Antibiotika. Die Medikamente sollen die Entzündungsherde der Patienten verkleinern, bevor sie operiert werden.

Bisher empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation, vier Wochen vor einer Operation mit der Einnahme von Antibiotika zu beginnen. Allerdings helfen nur solche Substanzen, die auch gegen Tuberkulose eingesetzt werden - und auch hier nicht alle. Nienhuis und Mohammed prüfen derzeit, ob die Patienten die Medikamente nicht sogar acht Wochen lang einnehmen sollen, damit die Wunden so klein wie möglich sind, wenn sie operiert werden. Denn eine Operation ist meist unausweichlich.

Salisa muss wieder ins Krankenhaus - aber heute geht es nicht

Auch Salisa hat Antibiotika bekommen, bevor sie operiert wurde. Trotzdem konnten Nienhuis und Mohammed weder verhindern, dass sie nun mit Narben leben muss - noch konnten sie Buruli lcer endgültig besiegen. Vor ein paar Tagen hat Salisas Mutter etwas am rechten Arm ihrer Tochter ertastet. Nun untersuchen Nienhuis und Mohammed die Stelle und erfühlen ein neues Nodul, nur fünf Zentimeter unterhalb der Narbe. "Sie muss wieder ins Krankenhaus", sagt Mohammed frustriert, "wenn wir es so lassen, dann wächst es weiter, bricht auf und wird den gesamten Arm entlang wandern."

Heute kann Salisa nicht mitkommen - ihre Mutter muss auf dem Feld arbeiten. "Die Regenzeit ist die wichtigste Zeit für die Bauern", sagt William Thompson, der medizinische Direktor des Krankenhauses von Agogo. "Wenn die Frauen dann mit den Kindern ins Krankenhaus müssen, fallen sie zu Hause als Arbeitskräfte aus und damit auch als Einnahmequelle." Denn wenn die Kinder neun Monate im Krankenhaus sind, dann müssen ihre Mütter mitkommen und sich um sie kümmern.

Buruli tritt vor allem in Sumpflandschaften auf

Dass es so viele Fälle von Buruli Ulcer in Ananekrom gibt, hängt wahrscheinlich mit dem Fluss zusammen - eine riesige, verdreckte Pfütze, die zwischen den Bananenstauden mehr steht als fließt: das perfekte Biotop für Erreger aller Art. "Bis vor kurzem war der Fluss die einzige Trinkwasserquelle. Außerdem haben die Kinder hier gebadet, die Frauen ihre Wäsche gewaschen und die Rinder ihn auch genutzt", sagt Mohammed.

Ob und wie Wasser bei der Übertragung von Buruli Ulcer eine Rolle spielt, weiß man bisher nicht genau. Auffällig ist aber, dass die Krankheit weltweit in Sumpf- und Graslandschaften zwischen Savanne und Regenwald auftritt - in Ghana und anderen Ländern West- und Zentralafrikas, aber auch in Bolivien, Peru, Mexiko, China, Indonesien und Australien.

Wie viele Menschen weltweit an der Krankheit leiden, weiß keiner genau. In Westafrika schätzt man, dass auf 100.000 Einwohner bereits 280 Buruli-Fälle kommen- und es werden immer mehr. 2004 hat deshalb die WHO Buruli zur Bedrohung für die Weltgesundheit erklärt und zum Hindernis bei der Erreichung der UN-Welt-Entwicklungsziele.

Fußball spielen trotz Schmerzen - das ist ihre Physiotherapie

Zwei Tage später untersucht William Thompson Salisas Arm. Der Knoten muss herausgeschnitten werden, aber das wird nur ein kleiner Eingriff. Salisa ist froh, dass sie nicht wieder monatelang im Krankenhaus bleiben muss. In der Physiotherapie spielt sie mit 30 anderen kleinen Buruli-Patienten aus dem Krankenhaus Hockey, Fußball und Volleyball - die Kinder sollen Arme und Beine bewegen, damit die Gelenke nicht versteifen. Welche Schmerzen einige der Kinder beim Spielen haben, lässt sich an ihren Gesichtern ablesen. Aber geweint wird nicht.

"Im Krankenhaus gibt es viel besseres Spielzeug als zu Hause", sagt Salisa. In diesem Moment scheint ihre Krankheit vergessen. Sie lacht.

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