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Sars-CoV-2-Bekämpfung Mit welchen Medikamenten und Therapien wird Corona derzeit behandelt und was wird noch erforscht?

Corona-Forschung
Oft erhalten Covid-19-Patienten verschiedene Medikamente. Ein spezielles Mittel gibt es noch nicht – geforscht wird aber auf Hochtouren.
© DPA
Experten glauben, dass die Gesellschaft noch lange mit dem Coronavirus wird leben müssen. Das bedeutet: mehr Infektionen, mehr Covid-19-Patienten. Trotz großangelegter Forschung ist das passende Medikament noch nicht gefunden worden.

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Während die Augen der Weltöffentlichkeit immer noch mit Spannung die Fortschritte bei der Corona-Impfung verfolgen, steht die Erforschung und Entwicklung von Medikamenten gegen das Virus eher im Hintergrund. Trotzdem laufen sie seit Beginn der Pandemie ebenfalls auf Hochtouren. Die individuell sehr unterschiedlichen Krankheitsverläufe erschweren die Entwicklung eines passenden Wirkstoffes jedoch. Hier können Sie lesen, mit welchen Mitten Corona-Patienten derzeit behandelt werden und welche Arzneien noch erforscht werden.

Wie wird Corona derzeit von Ärzten behandelt?

Welches Arzneimittel Covid-19-Patienten bekommen, hängt damit zusammen, wie weit die Erkrankung schon fortgeschritten und wie gut oder schlecht der Zustand des Patienten ist. Je nach Verlauf können unterschiedliche Wirkstoffe helfen.

Klinik-Patienten werden daher mit verschiedenen Arzneimitteln behandelt. Mediziner unterscheiden vier Gruppen:

  1. Antivirale Medikamente sollen verhindern, dass Viren in Körperzellen eindringen oder sich dort vermehren. Medikamente wie Remdesivir werden deshalb in der frühen Krankheitsphase verabreicht. Der Wirkstoff wurde von der europäischen Arzneimittelagentur (EMA) als erste Therapie gegen Covid-19 zugelassen. Auch Bamlanivimab wird in der frühen Corona-Phase eingesetzt. In den Vereinigten Staaten raten Behörden davon ab, die Arznei einzusetzen, weil sie gegen viele Corona-Varianten nicht helfe. Experten des RKI schrieben andererseits erst kürzlich mit Verweis auf Laborexperimente, dass Bamlanivimab bei der mittlerweile in Deutschland dominierenden Variante B.1.1.7 wirksam sei.
  2. Herz-Kreislauf-Medikamente werden verabreicht, um unter anderem die Blutgefäße und das Herz vor der Covid-19-Infektion zu schützen. Corona-Patienten haben ein höheres Risiko für Thrombosen, Herzinfarkte und Schlaganfälle. Dagegen verabreichen Ärzte Blutverdünner.
  3. Dämpfende Immunmodulatoren sollen die Abwehrreaktionen des Körpers begrenzen, um ihn vor einem Immunüberschuss zu schützen. Ärzte verabreichen Covid-19-Patienten häufig das Kortikoid Dexamethason.
  4. Medikamente für die Lungenfunktion unterstützen die Patienten beim Atmen und sorgen dafür, dass sich die Lunge nach der Infektion möglichst ohne Folgen erholt. Nimmt die Erkrankung einen schlechten Verlauf, müssen Covid-19-Patienten auf unterschiedlichem Wege mit Sauerstoff versorgt werden. Die Beatmung erfolgt über einen Schlauch durch den Mund in die Luftröhre (Intubation). Ist die Lungenentzündung lebensgefährlich, kann eine Herz-Lungen-Maschine (Ecmo) nötig sein.

Auch Antibiotika kommen zum Einsatz, hauptsächlich um bakterielle Infektionen zu verhindern. Problematisch ist dies aber aus zwei Gründen: Zum einen sind Antibiotika gegen das Virus wirkungslos, zum anderen könnten so mehr Resistenzen entstehen.

Helfen Vitamine gegen Corona?

Im Internet wird immer wieder hoch dosiertes Vitamin C empfohlen. Tatsächlich leiden Hochrisikogruppen unter einem Mangel, ob hoch dosiertes Vitamin C diesen Mangel behebt oder sogar vor einer Infektion schützt, ist aber nicht klar. In manchen Ländern wird Vitamin C allerdings als zusätzliche Option bei Covid-19-Patienten eingesetzt und China führt derzeit experimentelle Studien durch.

Ähnliche Zusammenhänge werden bei Vitamin D vermutet. Ob und inwiefern die Gabe von Vitaminen vor einer Infektion schützen oder schwere Verläufe verhindern kann, ist wissenschaftlich noch nicht belegt.

Warum ist es so schwer, das passende Arzneimittel zu finden?

Der Krankheitsverlauf einer Covid-19-Infektion macht es schwer, die Krankheit gut zu behandeln. Bei der Infektion breitet sich der Erreger zunächst über die Schleimhäute und Atemwege im Körper aus. Im weiteren Verlauf kann es zu teils unterschiedlichen Immunreaktionen wie Luftnot, starke Entzündungsreaktionen, Komplikationen in anderen Organen oder ein akutes respiratorisches Syndrom kommen. Bei schweren Krankheitsverläufen kann sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper richten, der Körper greift sich also selbst an. 

Können Covid-19-Patienten nach der Behandlung wieder ganz gesund werden?

Viele Patienten erholen sich nach einer Corona-Erkrankung. Doch abhängig vom allgemeinen Gesundheitszustand, dem Alter und dem Krankheitsverlauf können unterschiedliche Schäden und Folgeerkrankungen bleiben. Seit Monaten häufen sich Berichte von Post-Covid-Patienten, die unter anderem über anhaltende Kopfschmerzen, Erschöpfung (Fatigue-Syndrom), Wortfindungsstörungen und Atemnot klagen. Diese Langzeitbeschwerden werden unter dem Begriff "LongCovid" zusammengefasst.

Woran wird noch geforscht?

Derzeit würden rund 400 verschiedene Substanzen auf Wirksamkeit gegen Sars-CoV-2 untersucht, sagt der Koordinator der Behandlungsleitlinien der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Stefan Kluge. Bisher aber habe es bei fast allen Studien negative Ergebnisse gegeben. Hoffnungen ruhen etwa noch auf synthetisch hergestellten Antikörpern, die das Virus im Körper außer Gefecht setzen sollen. In mehreren Kliniken in Deutschland werden sie derzeit erprobt: Bamlanivimab sowie REGN-COV2, das auch Ex-US-Präsident Donald Trump bekam. Trotz bisher schlechter Studienlage und mangelnder Empfehlung dafür hatte sich die Bundesregierung von beiden Medikamenten 200.000 Dosen für rund 400 Millionen Euro gesichert.

Auch sogenanntes Rekonvaleszentenplasma – aus dem Blut von Genesenen gewonnene Antikörper – wird in Deutschland erprobt. Der Wirkmechanismus ist vergleichbar mit dem synthetischer Antikörper. Geforscht wird auch an Medikamenten, die eine Zerstörung der Lunge verhindern. Dabei geht es etwa um sogenannte mesenchymale Stammzellen. Sie werden aus Nabelschnurgewebe gewonnen, sind Vorläufer für verschiedene Zelltypen im Körper – und könnten nach ersten Studien schwer erkrankten Corona-Patienten helfen. Sie sollen Lungengewebe schützen oder regenerieren.

Jüngst fanden Forscher von der Universität Oxford heraus, dass das in Asthmasprays enthaltene Budesonid einen positiven Effekt auf den Krankheitsverlauf haben kann. Den Erkenntnissen ihrer Studie zufolge könnte die Einnahme des Wirkstoffes die Häufigkeit von schweren Corona-Verläufen um ungefähr 90 Prozent senken. Auch auf die Dauer des Fiebers und die Sauerstoffsättigung im Blut hatte das Mittel eine positive Wirkung.

Könnte es in absehbarer Zeit ein wirksames Medikament gegen Corona geben?

Laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) finden in Deutschland derzeit 30 klinische Prüfungen unterschiedlicher Wirkstoffe gegen das Coronavirus statt. Dass damit bald ein Heilmittel auf den Markt komme, sei aber nicht garantiert, heißt es aus dem BfArM auf Anfrage des stern. In absehbarer Zeit zugelassen werden könnte der bisher gegen rheumatische Arthritis eingesetzte Wirkstoff Tocilizumab. Dass überhaupt ein rundum wirksames Heilmittel gegen Covid-19 gefunden wird, gilt als unwahrscheinlich. "Es gibt auch bei anderen respiratorischen Viren nur bedingt wirksame Therapie-Optionen", sagt Christoph Spinner, Oberarzt Infektiologie und Pandemiebeauftragter des Klinikums rechts der Isar der Technischen Universität München (TUM).

"Das dürfte vor allem daran liegen, dass bei den respiratorischen Erkrankungen nur ein frühes Fenster für die antiviralen Ansätze bleibt, während dann bei den komplizierten späten Erkrankungsphasen mehr immunologische Therapien erforderlich sind." Dexamathason senke die Sterblichkeit zwar signifikant, aber nicht auf Null. "Daher macht die Verhinderung der schweren Infektion durch Impfung einfach am meisten Sinn."

Vor Monaten wurde die Zulassung des ursprünglich gegen das Ebola-Virus entwickelte Remdesivir als Meilenstein gefeiert. Als nicht wirksam und teils sogar kontraindiziert erwies sich das Malaria-Medikament Chloroquin. Trump hatte dieses zu Beginn der Pandemie als Wunderwaffe und "Geschenk Gottes" gepriesen. Die FDA erteilte dem Mittel die Notfallzulassung – die schon nach einigen Wochen wieder zurückgezogen wurde. Inzwischen erwies sich auch das Anti-Wurmmittel Ivermectin als Flop. Vor allem in Lateinamerika kauften die Menschen nach Berichten über angebliche Erfolge bei der Covid-Behandlung die Regale leer - doch eine klinische Studie ergab kürzlich keine Wirksamkeit bei Corona.

Unterstützt der Bund die Forschung an Corona-Medikamenten und -Therapien?

Auf Anfrage erklärte das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) bislang 1115 Millionen Euro für Impfstoffe ausgegeben zu haben. Im Rahmen eines Förderaufrufs habe der Bund seit Anfang März Projekte mit 17,5 Millionen Euro unterstützt. Eine kleine Anfrage des Grünen-Abgeordneten im Bundestag, Kai Gehring, ergab, dass das BMBF gemeinsam mit dem Bundesgesundheitsministerium ein "Förderprogramm für versorgungsnahe Therapeutika zur Behandlung von Covid-19" plant. Dafür ein ein Budget von 300 Millionen Euro vorgesehen.

Quellen: Bundesministerium für Forschung und Bildung, Verband forschender Pharma-Unternehmen, Apotheken Umschau, Quarks, EMA, DPA


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