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Covid-19-Pandemie: Wie ein Ort in Italien das Coronavirus (fast) vertrieb

Das italienische Vò Vecchio war der erste Ort des Landes, der einen Corona-Toten zu beklagen hatte. Daraufhin starteten die Behörden dort einen Versuch - mit großem Erfolg.

Ein Video soll das Krankenhaus Policlinico San Marco in der Provinz Bergamo zeigen.

Eine kleine Ortschaft im Nordosten Italiens hat im Rahmen eines Feldversuchs vorübergehend alle neuen Coronavirus-Infektionen seiner Bewohner gestoppt. Vò in der Nähe von Venedig gehörte zu den elf Städten und Dörfern in der Lombardei, in denen die italienische Infektionswelle ihren Anfang nahm, wie der britische "Guardian" berichtet. Aus der 3300-Seelen-Gemeinde wurde demnach im Februar mit dem 77-Jahre alten Adriano Trevisan das erste Todesopfer von Covid-19 im Land gemeldet.

Ganz Vò wegen Corona unter Quarantäne gestellt

Die italienischen Behörden hätten massiv auf die Nachricht vom ersten Corona-Toten des Landes reagiert, schrieben die Wissenschaftler Andrea Crisanti und Antonio Cassone am Freitag in einem Gastbeitrag für die Zeitung. Crisanti ist Professor für Mikrobiologie an der Universität von Padua, Cassone ist ein ehemaliger Direktor der Abteilung für Infektionskrankheiten am italienischen Gesundheitsinstitut.

Die ganze Stadt sei unter Quarantäne gestellt und alle Bewohner - auch die ohne Symptome - seien getestet worden, schilderten die Experten im "Guardian" das Vorgehen. "Die Tests wurden von uns an der Universität von Padua bearbeitet. Es wurde deutlich, dass es sich um eine einzigartige epidemiologische Situation handelte - und es wurde ein Antrag gestellt, die Stadt unter Verschluss zu halten und nach neun Tagen eine zweite Testrunde durchzuführen."

Das Ergebnis beeindruckte Crisanti und Cassone: "In der ersten Testrunde wurden 89 Personen positiv getestet, in der zweiten Runde sank die Zahl auf sechs Personen, die dann auch weiter in der Isolation blieben", berichteten sie. Weil man die Menschen unter Quarantäne gestellt habe, bevor sie Anzeichen einer Infektion gezeigt hätten, sei es möglich gewesen, die weitere Ausbreitung des Coronavirus in weniger als 14 Tagen zu stoppen. "Auf diese Weise ist es uns gelungen, das Coronavirus in Vò auszurotten und eine 100-prozentige Heilungsrate bei den zuvor infizierten Personen zu erreichen, während keine weiteren Fälle von Übertragungen verzeichnet wurden", schrieben die Wissenschaftler.

"Wir haben einen interessanten Befund gemacht: Zum Zeitpunkt der Diagnose des ersten symptomatischen Falles war ein erheblicher Teil der Bevölkerung, etwa drei Prozent, bereits infiziert - die meisten von ihnen waren jedoch völlig asymptomatisch", stellten Crisanti und Cassone fest. Ihre Studie habe die wertvolle Erkenntnis gebracht: "Das Testen aller Bürgerinnen und Bürger, unabhängig davon, ob sie Symptome haben oder nicht, bietet eine Möglichkeit, diese Pandemie unter Kontrolle zu bringen."

Neuer Infektionsfall trübt Erfolgsmeldung

Die Natur der Coronakrise bedinge, dass eine strukturierte Reaktion wie die in Vò ein Schlüsselfaktor im Kampf gegen die Pandemie sei. Zugleich seien weitreichende Tests der Bevölkerung unverzichtbar, um genau Aussagen zu können, wie viele Menschen betroffen sind und wie hoch die Sterblichkeitsrate durch das Virus tatsächlich ist. Nur wenn man genau wisse, wie viele Menschen tatsächlich infiziert sind, könne man auch valide angeben, wie hoch der Anteil der tödlichen Krankheitsverläufe ist.

Am Freitagnachmittag wurde die Erfolgsmeldung aus Vò dann allerdings getrübt: Laut der italienischen Nachrichtenagentur Ansa wurde in dem Ort nun doch wieder ein Bewohner positiv getestet. Das Risiko einer Rückkehr von Covid-19 auch nach einer Zeit ohne neue Fälle sei hoch, kommentierte Pier Luigi Lopalco, Professor für Hygiene an der Universität von Pisa den Rückschlag in Vò. "Die Meldung des neuen Falls könnte zurückzuführen sein auf Ortswechsel oder eine Ansteckung durch asymptomatische Personen."

Quellen: "The Guardian" 1, "The Guardian" 2, "Sky News", Ansa

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