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Mitten in der Lombardei: In diesem italienischen Dorf ist bislang keiner an Corona erkrankt. Wie geht das?

Die Lombardei ist der italienische Coronavirus-Hotspot. Zehntausende haben sich hier bereits angesteckt – bis auf die Einwohner von Ferrera. Wundersamerweise gibt es dort bislang keinen einzigen Fall. Warum?

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50 Kilometer trennen Ferrera Erbognone von Mailand. Beide Orte liegen mitten in der Lombardei – im italienischen Hotspot der Corona-Epidemie. Der Unterschied: Während sich in Mailand bis Dienstagmittag 8676 Menschen mit dem Virus angesteckt haben, sind es in Ferrera null.

Was macht das 1100-Seelen-Dorf anders? Wie trotzt es der Pandemie? Oder liegt es gar an seinen Bewohnern? 

Bürgermeister: "Ich glaube nicht, dass das an der Genetik liegt"

Mehr als 10 Millionen Menschen leben in der italienischen Region Lombardei. Gut 42.000 von ihnen haben sich bisher mit dem Coronavirus infiziert – so zumindest die offiziellen Zahlen. Die Dunkelziffer dürfte bis zu zehnmal höher liegen, schätzen Experten. In Ferrera Erbognone gibt es bislang keine nachgewiesenen Infektionen. "Ein Rätsel" sei das, schreibt die italienische Zeitung "La Stampa". So rätselhaft, dass nun sogar Forscher vom Mondino-Institut in Pavia kommen wollen, um sich die Sache näher anzuschauen.

Liegt es vielleicht an den Menschen? Sind sie immun gegen Corona? Der Bürgermeister des Dorfs, Giovanni Fassina, glaubt das nicht. Trotzdem will er auf Nummer Sicher gehen: Er hat eine Mitteilung an alle Bewohner von Ferrera verteilen lassen: Wer möchte, kann bis zum 2. April eine Blutprobe abgeben, die in einem Labor im nahe gelegenen Sannazzaro de 'Burgundi untersucht werden soll. Das Ganze sei freiwillig und kostenlos, so Fassina.

Tote Hose: Die Einwohner in Ferrera Erbognone halten sich strikt an die von der Regierung verhängte Ausgangssperre. Ein Schlüssel zu des Rätsels Lösung?

Tote Hose: Die Einwohner in Ferrera Erbognone halten sich strikt an die von der Regierung verhängte Ausgangssperre. Ein Schlüssel zu des Rätsels Lösung?

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"Ich glaube nicht, dass das an der Genetik liegt", erklärte der Bürgermeister, "wir sind wie alle anderen." Dass es in seinem Dorf anfangs keine Fälle gegeben habe, sei "Zufall" gewesen. Aber: Dass das Virus im Laufe der Zeit nicht von außen nach Ferrera gekommen sei, habe man tatsächlich den Bürgern zu verdanken: "Die Bevölkerung hat sich offensichtlich an die verordneten Vorsichtsmaßnahmen gehalten." Der Großteil der Einwohner sei älter, so Fassina. "Es gibt hier definitiv eine hohe Sensibilität dafür."

Institut will nach Antikörpern bei Bewohnern von Ferrera suchen

Ist die Lösung wirklich so einfach? Eine strikte Ausgangssperre, an die sich alle halten? Die Forscher vom Mondino-Institut wollen das nicht so recht glauben. Sie möchten deshalb nun untersuchen, ob die kleine, abgeschlossene Population in dem 1100-Einwohner-Dorf über ein besonderes Immunsystem verfügt. So könnten die Menschen in Ferrera etwa bestimmte Antikörper in sich tragen, die das Virus abwehren.

In einer Pressemitteilung kündigte das Institut an, man wolle eine Erhebung mit "experimentellem Charakter" durchführen und die Einwohner mindestens zwei Monate lang begleiten. Auch die Analysen der Blutproben sollen in die Studie mit einfließen.

Dabei sei ihr Ausgang völlig offen: "Wir wollen keine falschen Mythen und unbegründete Erwartungen in der Bevölkerung hervorrufen", hieß es in der Pressemitteilung weiter. Die Ergebnisse sollen den Forschern nicht nur helfen, das Virus besser zu verstehen, sondern gegebenenfalls auch bisherige Testmethoden zu optimieren. Auch bei der Suche nach einem Impfstoff könnten die Erkenntnisse aus Ferrera helfen.

Die Studie muss allerdings noch von den zuständigen regionalen und überregionalen Stellen genehmigt werden.

Ein Video soll das Krankenhaus Policlinico San Marco in der Provinz Bergamo zeigen.

Italien sieht langsam Licht am Ende des Corona-Tunnels

Unterdessen wurden im ganzen Land die verhängten Ausgangssperre bis Ostern verlängert. Sie war vor drei Wochen angeordnet worden und gelte noch mindestens bis zum 12. April, teilte Gesundheitsminister Roberto Speranza am Montagabend in Rom mit. Damit folgte die Regierung der Empfehlung ihres wissenschaftlichen Beratergremiums, alle Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie aufrechtzuerhalten. Anderenfalls wären die Maßnahmen wie das Verbot öffentlicher Versammlungen und die Schließung aller nicht lebensnotwendiger Betriebe am Freitag ausgelaufen.

Mit  11.591 Opfern führt Italien die weltweite Rangfolge der Corona-Toten an. Insgesamt mehr als 100.000 Infektionen wurden in dem EU-Land nachgewiesen. Allerdings sehen die Behörden mittlerweile Gründe zur Hoffnung. Der Anstieg bei den Neuinfektionen sank nach Angaben des italienischen Zivilschutzes am Montag auf ein neues Tief von 4,1 Prozent. Zudem ging erstmals die Zahl der aktuell Erkrankten im Epizentrum rund um Mailand zurück. Die Zahl der geheilten Patienten erreichte in den vergangenen 24 Stunden mit 1590 Fällen ihren höchsten Stand seit Beginn der Pandemie.

Quellen: "La Stampa", Italienisches Corona-Datencenter, Italienisches Statistikamt, Nachrichtenagenturen AFP, ANSA

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