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"Sex ist gut, Sex ist gesund" Dänische Gesundheitsbehörde sagt ja zu Sex während der Corona-Pandemie – auch für Singles

"So schlimm wie jetzt war es noch nie": Sexarbeit in der Corona-Krise




Linda Richter, stern-Reporterin „Hier auf der Reeperbahn stehen um diese Uhrzeit in der Regel viele Sexarbeiter und sprechen ihre Freier an. Durch die Coronakrise ist Sexarbeit nun in ganz Deutschland untersagt. Wie gehen Prostituierte  in der Krise mit dem Verbot um?“
Ich nehme Kontakt zu Josefa Nereus auf. Josefa arbeitet seit acht Jahren als Prostituierte in Hamburg. Sie empfängt ihre Freier in einer Wohnung – normalerweise hat sie im Monat 20 bis 25 Gäste . Nebenbei betreibt sie einen Youtube-Kanal, in dem sie Einblicke in ihr Leben als Sexarbeiterin gibt. Ein normaler Arbeitsalltag ist in Zeiten von Corona unmöglich:
Josefa Nereus:
"Vorher habe ich ganz klassisch Sex gegen Geld getauscht. Meine Kunden oder potenzielle Kunden konnten anrufen bzw. mir E-Mails schreiben. Dann haben wir ausgehandelt, wie das eigentlich tatsächlich aussehen kann. Und wenn die groben Richtlinien stimmten, haben wir verschieden Formen der Sexualität ausgelebt. Und inzwischen sieht mein Job so aus, dass ich keinen mehr habe. Ich bin arbeitslos."
In Großstädten wie Hamburg und Berlin haben Politiker Selbstständigen Zuschüsse zugesagt. Auch Sexarbeiter können diese beantragen, wenn sie registriert sind. Allerdings kommt diese Hilfe nur bei wenigen an.
Josefa Nereus: 
Ein großes Problem hierbei allerdings ist, dass viele Sexworker eben keine hohen Fixkosten für ihre Selbstständigkeit haben, sodass sie tatsächlich durch dieses System durchfallen. Ich denke an das Escort, das versucht seine Telefon- und Fahrkosten möglichst gering zu halten. Die werden nicht großartige Summen beantragen können, wenn sie sich überhaupt outen wollen und zugeben wollen: Ich brauche jetzt Geld, weil ich der Sexarbeit nicht mehr nachgehen kann."
Josefa erzählt mir, dass sie selbst nur eine Sexarbeiterin kenne, die gerade noch arbeite. Auch unter Sexarbeitern werde es nicht gerne gesehen, dass Kolleginnen ihren Job noch fortführen. Frauen, die darauf angewiesen sind,  stehen unter großem Druck. Der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V., der deutschlandweit für Sexarbeiter eintritt, hat nun einen Fond eingerichtet, um ihnen zu helfen.
In der Branche gibt es außerdem kleine Solidaritätsaktionen. Ich spreche mit Candy Flip. Sie arbeitet seit fünf Jahren als Escort und als Sexarbeiterin in einem Domina-Studio in Berlin. Die Psychologin hat außerdem in einer Reihe von Sexfilmproduktionen mitgespielt und einen eigenen Indie-Pornofilm gedreht. Candy unterstützt die Spendenaufrufe von Organisationen, indem sie Nutzer mit einer Aktion animiert, zu spenden.
Candy Flip: „Mir persönlich geht es ganz gut. Ich habe noch meine Rücklagen. Ich möchte, dass die Leute, für diejenigen spenden, die es am Allernötigsten haben, und die vielleicht auch keinen Zugriff zu den offiziellen Fördertöpfen haben. Und deswegen habe ich das Angebot auf Social Media gestellt, das man von mir sexy Bilder bekommen kann, gegen einen Spendennachweis.“
Candys Aktion soll denen helfen, die in dieser Situation besonders betroffen sind.
Linda Richter, stern-Reporterin:
„Ich bin hier in Hamburg  auf dem Hansaplatz in St. Georg. An diesem Ort sind normalerweise sehr viel Prostituierte die anschaffen, obwohl hier Sperrgebiet ist.“
Schon vor der Coronakrise wurde hier eine Kontaktverbotszone eingerichtet, weil die Stadt den Straßenstrich eindämmen möchte. Dennoch gingen viele der Frauen der Arbeit nach, weil es eine Möglichkeit für sie bot, Geld zu verdienen. Heute steht keine Sexarbeiterin auf dem Platz.
Ich treffe mich mit Grudrun Greb, Geschäftsführerin von Ragazza e.V.. Der Verein im Viertel ist seit mehr als 25 Jahren eine Anlaufstelle für drogenabhängige Prostituierte.
Gudrun Greb: „Dieses klassische  Bild: Einer Prostituierten kann man keine Gewalt antun, ist immer noch in sehr vielen Köpfen – ob man es glaubt oder nicht. Das heißt, die Frauen waren schon immer Opfer von mehr Gewalt. Wir haben aber jetzt den Eindruck, es spitzt sich noch mehr zu.“
Im Ragazza können die Frauen in einem Konsumraum, selbst mitgebrachte Drogen nehmen. Eine Ärztin ist an manchen Tagen auch vor Ort. Früher gab es hier für Frauen die Möglichkeit, sich aufzuwärmen, auszuruhen und zu reden. Heute muss der Sicherheitsabstand gewahrt werden, nur wenige dürfen auf einmal in die engen Räume. Für jede Frau haben die Mitarbeiter nur eine halbe Stunde Zeit, damit sie möglichst vielen helfen können.
Für die Sozialarbeiter und die Frauen eine schwierige Situation:
Gudrun Greb: „Gestern kam eine Frau nach einer Vergewaltigung zu uns. Machen Sie mal eine Beratung mit 1,5 Meter Abstand mit einer Frau, die völlig am Boden zerstört ist. Die eigentlich in den Arm genommen werden müsste. Die total Hilfe braucht, die nicht mehr weiß, wo hinten und vorne ist. Und dann: Bitte komm mir nicht zu nahe. Meine Mitarbeiterinnen haben keinerlei Schutzausrüstung. Also: Komm mir nicht zu nahe, ich tröste dich trotzdem und das innerhalb einer kurzen Zeit.“
Aufgrund der begrenzten Möglichkeiten kommen nur noch Frauen in Notsituationen zu dem Verein.
Linda Richter: „Was glauben, Sie, wo die Frauen jetzt sind, die nicht mehr kommen?"
Gudrun Greb: "Wenn ich das wüsste, wäre ich sehr froh. Wir haben natürlich mitbekommen, wie die Frauen alle obdachlos und wohnungslos geworden sind, die sich noch in den Steigen und in den Hotels hier einmieten konnten und in den Pensionen, und die dann vor die Tür gesetzt worden sind. Wir hatten viele Frauen aus Bulgarien und Rumänien und auch aus Äquatorial-Guinea. Die standen vor unserer Tür und haben gefragt, wo können wir hin? Und wir hatten kein Angebot.“
Eine der Frauen, die das Ragazza noch aufsuchen, ist Laura*. Sie ist wohnungslos und lebt auf der Straße. Ich frage die 50-Jährige, was sich durch die Corona-Maßnahmen für sie verändert hat.
Laura: „Oh mein Gott. Also so schlimm, wie es jetzt ist,  die Situation, das kenne ich gar nicht. Das bin nicht ich. Das kenn ich nicht. Ich lebe einfach so wie andere Leute. Das in diesem Moment es so ist wie es ist.“
Ich frage sie, ob sie gerade noch Geld mit Prostitution verdient.
Laura: „Ich habe angeschafft, und ich mache das seit zwei Jahren, dass ich sage, ich mache das gar nicht mehr, das will ich gar nicht sagen... In den letzten zweieinhalb Jahren habe ich das vielleicht fünf Mal gemacht. Mache ich nicht mehr, weil… Ich kann diese Männer hier nicht mehr sehen.“
Was braucht sie, damit sich ihre Lage verbessert?
Laura: „Eigentlich so einen Tritt. Dass man mich an die Hand nimmt und sagt jetzt losgehen, jetzt das machen und dies machen. So eine Person brauche ich.“
Bei Raggaza finde sie solche Hilfe, erzählt mir Laura. Aber die Möglichkeiten der Sozialarbeiter in der Krise sind beschränkt. Die nächste Nacht wird die Frau wohl in einem Zelt, das sie aus den Spenden des Vereins erhalten hat, in der Stadt verbringen.
Auch wenn die Sexarbeit von den öffentlichen Plätzen in Hamburg verschwunden ist, im Internet bieten Frauen weiterhin Sex gegen Geld an. Und das obwohl Bußgelder von bis zu 25.000 Euro drohen. Das illegale Geschäft sorgt dafür, dass die Gefahr für die Frauen größer wird: Sie treffen sich mit Kunden in Autos und privaten Wohnräumen. Orte, an denen es nur wenig Schutz für sie gibt.
Die Gewinner der Corona-Krise sind Online-Seiten. Die Zugriffe auf Pornoportale im Netz haben sich erhöht. Youporn hat in Deutschland einen Anstieg der Zugriffe um 6 Prozent verzeichnet. Aber spüren auch Sexarbeiterinnen, die ausschließlich online arbeiten, etwas davon?
Eine der bekanntesten deutschen Amateur-Porno-Darsteller ist Sophie alias Schnuggie91. Die 28-Jährige posiert seit sieben Jahren in Live-Chats und für Filme vor der Kamera.
Sophie:„Was ich natürlich merke. In jedem Chat geht es um Corona. Manchmal ausführlich und Diskussionen und ein bisschen länger. Manchmal auch nur im Sinne von: Bist du auch Zuhause? Machst du HomeOffice oder ist deine Firma vielleicht zu?“
Hat sich der Zuwachs auf ihre Seite verändert?
"Bei mir persönlich hat sich das nicht verändert. Dadurch dass ich das länger mache und viele Fans habe, haben die auch früher eh mit mir gechattet, auch wenn sie zum Beispiel bei der Arbeit waren und mal Zeit hatten. Oder in der Mittagspause. Die Leute kommen also nach wie vor ähnlich, wie sie auch schon vorher gekommen sind."
Auch wenn sich bei Sophie nur wenig verändert hat: Sie gehört zu den wenigen Sexarbeitern, die in der Krise weitermachen können wie bisher. Auch Josefa und Candy setzen in Zukunft auf das Online-Geschäft. Josefa baut ihren Youtube-Kanal und ihr Online-Videoangebot aus. Auch Candy konzentriert sich nun auf das Filmgeschäft. Für Frauen wie Laura, die ohne Rücklagen als Sexarbeiter gearbeitet haben und auf der Straße leben, ist das keine Option. Für sie bedeutet die Krise Obdachlosigkeit. Und sie sind mehr denn je auf die Unterstützung von anderen angewiesen.
Linda Richter, stern-Reporterin: „Wenig Hilfe, wenige soziale Betreuungsangebote. Eins steht fest: Die Krise trifft diejenigen, die bereits mit der Existenz ringen, am härtesten.“
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Das Kontaktverbot in der Coronakrise schränkt Treffen zu anderen Menschen erheblich ein. Auch solche sexueller Natur. Doch in Dänemark sieht die Gesundheitsbehörde das anscheinend locker. "Sex ist gut, Sex ist gesund", sagte der Leiter der Behörde.

Es gibt eigentlich so gut wie nichts, was Corona nicht einschränkt. Einkaufen ist anders, Feiern gehen nicht möglich – und auch unser Sexualleben leidet darunter, besonders, wenn man Single ist. Bars und Diskotheken – also Orte, an denen man vielleicht ein One-Night-Stand finden könnte – sind geschlossen. In diesen Zeiten sollte man Kontakte eh lieber vermeiden, Abstand halten und die Dating-Apps nur zum Chatten benutzen.

Das sieht man bei der dänischen Gesundheitsbehörde aber offenbar anders. Trotz Kontaktverbot und Abstandsregel könne man durchaus weiter Sex haben, egal ob man in einer festen Beziehung oder Single sei. Dies berichtet unter anderem die dänische Zeitung "Jyllands-Posten"

"Natürlich muss man Sex haben können"

Kåre Mølbak vom Statens Serum Institut, ein Zentrum für die Behandlung und Vorbeugung von Infektionskrankheiten, ähnlich dem Robert-Koch-Institut in Deutschland, sagte am Montag: "Es sind ja größere Versammlungen, bei denen es zu Ansteckungen kommt. Ich denke also, dass es meiner Meinung nach immer noch Raum für einen solchen sozialen Kontakt gibt. Besonders mit einem festen Partner. Es bietet mehr Sicherheit in Bezug auf Infektionen."

Auch der Leiter der Gesundheitsbehörde, Søren Brostrøm, stimmt dem zu: "Sex ist gut. Sex ist gesund. Die Gesundheitsbehörde setzt sich für Sex ein. Wir sind sexuelle Wesen, und natürlich muss man in Zeiten von Corona auch Sex als Single praktizieren", zitiert ihn "Jyllands-Posten". Wie bei jedem anderen menschlichen Kontakt bestünde die Gefahr einer Infektion. "Aber natürlich muss man Sex haben können", fügt Brostrøm hinzu und weist auf Hinweise zum Safer Sex auf der Internetseite seiner Behörde hin. 

Dänen reagieren mit Humor

In Dänemark sind Versammlungen von mehr als zehn Menschen verboten – sowohl drinnen als auch draußen. Dies bedeute aber noch lange nicht, dass man nicht daten dürfe. Das Coronavirus wird durch direkte Tröpfchenausbreitung über die Atemwege verbreitet, zum Beispiel durch Husten oder Niesen. Eine Übertragung durch Sperma oder Sekret sei nicht möglich, so der Sender "Danmarks Radio". Dennoch sollte weiter auf Hygienemaßnahmen geachtet werden.

Die Dänen reagieren mit Humor auf die Aussagen Brostrøms. Auf Twitter schreibt etwa einer: "Zu hören, wie Søren Brostrøm die Worte 'Die Gesundheitsbehörde setzt sich für Sex ein' sagt, ist vielleicht das sexyeste, das ich je gehört habe." Eine andere Twitter-Nutzerin schreibt: "Dann wird es wieder Zeit, das Tinder-Profil in Gang zu bringen, Single-Freunde!"

In Dänemark sind nach Informationen der Gesundheitsbehörde aktuell knapp 7700 Menschen an Covid-19 erkrankt. 370 Menschen sind daran gestorben, rund 4700 seien genesen. Mehr als 100.000 Dänen wurden auf Sars-Cov-2 getestet.

Quellen: "Jyllands-Posten", "Danmarks Radio", Sundhedsstyrelsen

rw

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