Darmflora Wurmfortsatz ist nützlicher als sein Ruf


Der Wurmfortsatz fristet ein scheinbar nutzloses Dasein als Anhängsel des Blinddarms. Doch so sinnlos, wie immer angenommen wurde, ist er nicht. Wie Forscher jetzt herausgefunden haben, ist er ein Auffanglager für wichtige Bakterien.

Viel mehr als ein unbedeutendes Anhängsel schien der Wurmfortsatz nie zu sein. Er ist halt da und stört nicht weiter - es sei denn er entzündet sich. Dann spricht der Volksmund fälschlicherweise von einer Blinddarmentzündung. Doch streng genommen handelt es sich um eine Entzündung seines Anhangs. Oft muss dann operiert werden. Dabei entfernt ein Chirurg allerdings nur den fünf bis zehn Zentimeter langen Wurmfortsatz, der Blinddarm selbst bleibt erhalten.

Auffanglager für nützliche Bakterien

Weil sich im Reich der Säuger ein vergleichbares Gebilde nur noch bei Hasen, Kaninchen und Ratten finden lässt, hielten Experten den so genannten Appendix vermiformis lange für nichts anderes als ein Überbleibsel der Evolution. Eine Weile fragten sich Mediziner, zu welchem immunologischen Zweck sich Lymphfollikel (Brutstädten für Immunzellen) in der Wand des Wurmfortsatzes befinden. Die Forschergruppe um William Parker von der Duke University in Durham beschäftigt sich seit zehn Jahren mit der Darmflora und scheint das Rätsel gelöst zu haben. "Es sieht ganz danach aus, als würde der Wurmfortsatz ein Auffanglager für nützliche Bakterien darstellen", sagt Parker. "Die Innenseite des Darms ist von einem Schleim bedeckt, ein Biofilm mit nützlichen und harmlosen Bakterien, die nicht durch das Immunsystem bekämpft werden. Ganz im Gegenteil, in einer Art Rückkopplungsmechanismus scheinen sie von dem umgebenden lymphatischen Gewebe versorgt zu werden und wirken sich selbst positiv auf die Darmflora und das Immunsystem aus". Die harmlosen im Wurmfortsatz produzierten Bakterien nehmen den Krankmachenden, die wir zum Beispiel durch verdorbenes Essen schlucken, also einfach die Möglichkeit sich an der Darmschleimhaut auszubreiten. Oder anders formuliert: Wenn schon alles übersäht ist mit den guten Bakterien, bleibt für die bösen kein Platz.

Wie viele der kleinen Mikro-Helfer sich dort einnisten, dem ist Professor Hans-Willi Mittrücker, Immunologe des Universitätsklinikums in Hamburg, nachgegangen. Er geht im Bereich des Blinddarms, von über einer Milliarde Bakterien pro Gramm Darminhalt aus. "Leider gibt es keine Erklärung dafür, wie das Immun-System die harmlosen und nützlichen Bakterien von den krankmachenden Fremdstoffen unterscheidet", sagt er.

Immunologische Abwehr in Industrienationen ohne Aufgabe

Die neu entdeckte Rolle des Wurmfortsatzes als Produzent von schützenden Bakterien hat allerdings heute in hoch entwickelten Ländern, im Gegensatz zu Gebieten mit dürftigen hygienischen Standards, praktisch keine Bedeutung mehr. "Hierzulande wird die immunologische Abwehr des Fortsatzes kaum noch benötigt, da wir immer seltener in Kontakt mit Parasiten und Krankheitserregern kommen, die zu schweren Durchfällen führen", erklärt Parker. Unser Immunsystem ist in dieser Hinsicht schlichtweg unterfordert; wird es aber doch einmal herausgefordert, neigt es zu einer Überreaktion. Die Folge ist beispielsweise eine Entzündung des Wurmfortsatzes. Parker und seine Kollegen sehen darin die Erklärung für die erhöhte Zahl von "Blinddarmentzündungen" in industriell entwickelten Ländern.

Nicole Simon

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