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Schmerzpatient Weiglein im Interview: Der Mann, der das Cannabis-Urteil erkämpfte

Mit fünf anderen Schmerzpatienten hat Günter Weiglein vor Gericht dafür gekämpft, Hanf anbauen zu dürfen. Im Interview erklärt er, warum er Cannabis braucht und wo er die Pflanzen züchten würde.

Der Würzburger Günter Weiglein kämpft seit vier Jahren dafür, dass Schmerzpatienten Cannabis selbst anbauen dürfen.

Der Würzburger Günter Weiglein kämpft seit vier Jahren dafür, dass Schmerzpatienten Cannabis selbst anbauen dürfen.

Herr Weiglein, laut dem Urteil des Kölner Verwaltungsgerichts dürfen Sie jetzt ganz legal Hanf anbauen. Sind die ersten Stecklinge schon eingepflanzt?

Nein, derzeit darf ich noch nicht anbauen. Das Gericht hat zwar entschieden, dass das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) erneut über meinen Antrag entscheiden muss - aber noch habe ich keine Zusage bekommen. Es könnte gut sein, dass das BfArM jetzt in Berufung geht und strengere Sicherheitsauflagen für den Anbau fordert als das Gericht. Das wird sich in den nächsten Wochen oder Monaten herausstellen.

Welche Bedingungen müssen Sie denn laut Urteil erfüllen, um Hanf anbauen zu dürfen?

Laut Gericht könnte ich Hanf genau so anbauen, wie ich es geplant und dem BfArM vorgeschlagen hatte: in der Abstellkammer meiner Dreizimmerwohnung. Dort ist genug Platz für ein kleines Gewächshaus mit entspechender Zubehör, und der Raum ist abschließbar. Trotzdem könnte das BfArM Bedenken äußern. Womöglich fordert es zusätzliche Stahltüren, oder bringt den Einwand vor, dass in meinem Stadteil zu viel Kriminalität herrsche. Dabei wohne ich im sechsten Stock - vor Einbrechern müssten die Pflanzen also relativ sicher sein.

Und wenn Sie für längere Zeit nicht zu Hause wären - im Urlaub zum Beispiel?

Da fände sich sicherlich eine Lösung. Ich könnte die Blütezeit so legen, dass mir vor dem Urlaub noch genug Zeit bliebe, die Pflanzen zu ernten und zu trocknen. Aber das ist sehr theoretisch gesprochen - ich war seit ungefähr zehn Jahren nicht im Urlaub.

Mal abgesehen von den Sicherheitsbedenken: Wissen Sie denn, wie man Hanf züchtet?

Das ist keine Kunst. Ich komme aus einer ländlichen Gegend, und meine Großeltern waren Landwirte. Man könnte also sagen: Ich habe einen grünen Daumen. Hanf ist auch nichts anderes als eine Grünpflanze. Sie braucht Licht, Wasser, vielleicht ein wenig Dünger und Liebe. Jede Privatperson kann Hanf anbauen, wenn sie die entsprechende Ausstattung hat.

Was braucht man dazu?

Im Internet gibt es Komplett-Sets, die man legal kaufen kann. Dazu gehört zum Beispiel eine Stoff-Box, die ein bisschen so aussieht wie ein Reisekleiderschrank. Zudem benötigt man eine Natriumdampf- oder LED-Lampe und einen Filter, der den Geruch der Pflanzen abfangen kann, damit der Nachbar nicht belästigt wird. Und man braucht natürlich die Pflanze selbst.

Wie viele Pflanzen brauchen Sie, um Ihren Bedarf zu decken?

Ich konsumiere zwei Gramm pro Tag. Meinen Berechnungen zufolge müsste ich also mit etwa 15 bis 25 Pflanzen über die Runden kommen.

Wie viel Geld sparen Sie, wenn Sie komplett auf Eigenanbau umsteigen?

In der Apotheke bezahle ich für ein Gramm Cannabis 14,50 Euro. Im Monat würde mich das insgesamt rund 900 Euro kosten. Mit so viel Geld könnte man sich eine richtig schöne Wohnung mieten! Ich habe ausgerechnet, dass ich durch den Eigenanbau nur rund ein Zehntel so viel zahlen müsste - ich könnte also 90 Prozent der Kosten sparen. Aber es geht mir nicht nur darum, dass ich Geld spare: Ich kämpfe auch für all die anderen Schmerzpatienten, die dank Cannabis ein erträglicheres Leben führen könnten, sich die Apothekenpreise aber nicht leisten können.

Wie lange kämpfen sie mittlerweile?

Ich habe am 15. Juli 2010 den Antrag beim BfArM gestellt. Also seit mehr als vier Jahren.

Was hat Sie dazu bewogen, die Anbaugenehmigung beim BfArM zu beantragen?

Cannabis ist das einzige Mittel, das gegen meine Schmerzen hilft und keine üblen Nebenwirkungen hat. Ich hatte 2004 einen schweren, unverschuldeten Motorradunfall, bei dem ich mir mehrere Knochen gebrochen habe. Zwei Jahre danach haben die Schmerzen angefangen: Mein Becken, meine linke Schulter und mein linkes Knie tun permanent weh. Klassische Schmerzmittel helfen zwar auch, aber davon bekam ich Bauchweh und Verstopfungen. Außerdem habe ich unruhig geschlafen und nachts das Kopfkissen nassgeschwitzt.

Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, es mit Cannabis zu versuchen?

Ein Freund hat mir angeboten, an seinem Joint zu ziehen. Er sagte 'Günter, versuch es doch mal hiermit, das hilft auch gegen Schmerzen'. Er hatte recht: Man braucht nur zwei oder drei Züge, um sich besser zu fühlen. Die Muskeln entspannen sich, und schon nach einer halben Minute spürt man, wie der Schmerz nachlässt. Und man schläft gut. Ich konsumiere Cannabis in der Regel nur noch abends vor dem zu Bett gehen.

Interview: Lydia Klöckner
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