HOME

Ehec-Keim: Mediziner setzen auf neue Therapie

Während die Ehec-Welle weiterrollt, melden Wissenschaftler einen ersten Erfolg mit einer neuen Therapie. Ein Wundermittel ist es nicht - doch es könnte bei besonders schweren Fällen helfen.

Von Lea Wolz

Die Zahl der Ehec-Infektionen in Deutschland steigt weiter. 14 Menschen sind bereits an dem gefährlichen Erreger gestorben. Bei mehr als 300 Menschen verläuft die Erkrankung schwer, sie sind an dem sogenannten hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) erkrankt, das zu Nierenversagen und Blutarmut führen kann. Das Gift des Bakteriums greift dabei die Nieren an, vielen Patienten kann nur mit einer Blutwäsche geholfen werden.

Mediziner berichten bei dem aktuellen Ausbruch von besonders vielen schweren Verläufen, in manchen Fällen hilft sogar die Blutwäsche nicht mehr, das Bakteriengift aus dem Körper zu befördern. Auf Antibiotika können Ärzte bei der Behandlung ebenfalls nicht zurückgreifen, da sie die Krankheit sogar noch verschlimmern. Sie führen dazu, dass die Bakterien vermehrt Gifte in den Körper abgeben.

Doch einige Mediziner scheinen nun einen anderen Weg gefunden zu haben, um dem gefährlichen Erreger beizukommen. Wie der Heidelberger Professor Franz Schaefer und Kollegen jetzt im "New England Journal of Medicine" (NEJM) berichten, haben sie eine neue Therapie an drei mit Ehec-Bakterien infizierten Kindern, die an HUS erkrankten, erfolgreich eingesetzt - eines der Kinder wurde im Herbst 2010 im Heidelberger Klinikum behandelt.

"Das dreijährige Mädchen kam mit blutigem Durchfall zu uns in die Klinik", erinnert sich Studienautor Schaefer. "Innerhalb kürzester Zeit verschlechterte sich sein Zustand dramatisch, es musste an die Dialyse, bekam Krampfanfälle, eine Halbseitenlähmung und fiel schließlich ins Koma." Obwohl die Ärzte bereits mehrere Male das Blutplasma getauscht hatten, sah die Prognose schlecht aus. Daher setzten sie erstmals ein Medikament ein, das sich seit 2007 auf dem Markt befindet, aber nur zugelassen ist, um eine seltene Blutkrankheit zu behandeln: als Wirkstoff enthält es den Antikörper Eculizumab.

Antikörper hemmt Protein

Erfolgreich getestet wurde dieser Antikörper schon vorher bei HUS-Erkrankungen, allerdings waren diese nicht durch den Darmkeim Ehec, sondern durch genetische Defekte ausgelöst. "Wir hatten also Hinweise, dass die neue Therapie helfen könnte", erinnert sich Schaefer. Und tatsächlich: "Schon wenige Stunden nach der Gabe der Antikörper hatte sich der Zustand des Kindes erheblich verbessert, nach zwei Tagen konnte es die Intensivstation verlassen und nach neun Tagen durfte es nach Hause." Dabei sei das Kind ohne Folgeschäden gesundet, sagt der Heidelberger Nierenspezialist. Eine spontane Heilung hält er für unwahrscheinlich.

Der Antikörper Eculizumab unterbindet Entzündungsreaktionen im Körper, indem er sich gezielt gegen ein Protein richtet, das die Gefäße angreift und schädigt. Aktiviert werden kann es unter anderem durch Viren und Bakterien. "Das Gift des Ehec-Bakteriums sorgt wohl ebenfalls dafür, dass das Protein aktiv wird", sagt Schaefer.

Als Schaefer für das NEJM einen Artikel über seine Ergebnisse schrieb, erhielt er von den Herausgebern den Tipp, dass auch anderenorts Ärzte Erfolge mit Eculizumab zu verzeichnen hatten: Mediziner in Frankreich und Kanada hatten ebenfalls je ein Kind mit einem durch Ehec-Bakterien ausgelösten HUS mit Eculizumab behandelt. Die Ärzte verfassten daher gemeinsam einen Artikel für die Fachzeitschrift.

Artikel vorzeitig veröffentlicht

"Vor zwei Wochen wurde er akzeptiert", sagt Schaefer. Unter normalen Umständen wäre er wohl erst in zwei bis drei Monaten erschienen. Doch wegen der aktuellen Infektionswelle hatte ihn die Zeitschrift vorzeitig veröffentlicht.

"Bei den drei Fällen handelt es sich natürlich nicht um kontrollierte wissenschaftliche Studien", betont Schaefer. Die Aussagekraft ist bei drei untersuchten Patienten gering. Unklar ist auch, ob Eculizumab bei den an HUS erkrankten Erwachsenen hilft.

Um das herauszufinden, werden seit ein paar Tagen an einigen deutschen Kliniken Patienten mit dem Antikörper behandelt. Damit die Behandlungen auch vergleichbare Ergebnisse liefern und diese zentral erfasst werden können, hat die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie ein Protokoll an die Mediziner geschickt. Zudem hat sie Empfehlungen abgegeben, wen die Nierenspezialisten überhaupt mit der neuen Therapie behandeln sollten. HUS-Patienten mit schweren neurologischen Komplikationen, deren Zustand sich auch nach mehrmaligem Plasmaaustausch nicht verbessert hat, sollten demnach Eculizumab bekommen.

Erste Erfolge

Das Medikament ist Schaefer zufolge gut verträglich. Allerdings gibt es eine Nebenwirkung: "Wer es bekommt, ist nicht mehr gegen Meningokokken geschützt", sagt der Heidelberger Mediziner. Denn der Wirkstoff blockiert einen Teil des Immunsystems. Daher sollte Schaefer zufolge bei der Therapie mit Eculizumab eine Impfung gegen Meningokokken und eine Behandlung mit speziellen Antibiotika in Erwägung gezogen werden - um so einer Hirnhautentzündung vorzubeugen.

Unterdessen meldet die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) vorsichtig erste Erfolge beim Einsatz von Eculizumab. Die neuartige Therapie scheine auch bei Erwachsenen nach ersten Einschätzungen erfolgreich zu sein, sagte ein Sprecher. "Es nützt etwas, aber es ist kein Wundermittel", stellte Hermann Haller, Direktor der Klinik für Nieren- und Hochdruckerkrankungen an der MHH, klar.

Auch an der Uniklinik Essen werden zwei HUS-Patienten mit Eculizumab behandelt. "Beiden geht es besser, aber wir können nicht sagen, ob das nicht auch ohne das Medikament der Fall wäre", sagt Andreas Kribben, Direktor der Klinik für Nephrologie am Uniklinikum Essen. Der Mediziner hat 2009 selbst einen Fachartikel zum Einsatz von Eculizumab bei nicht durch Ehec-Bakterien ausgelöstem HUS veröffentlicht. "Ich kann mir daher durchaus vorstellen, dass die Antikörpertherapie hilft", sagt er.

Allerdings befürchtet er: "Da der jetzt publizierte Artikel so unglaublich zeitgleich zum Ausbruch der Krankheit erschienen ist, springen nun alles auf diesen Zug. Es besteht die Gefahr, dass es Patienten bekommen, die es gar nicht nötig hätten." Dabei sei über mögliche Nebenwirkungen noch zu wenig bekannt.

Teures Medikament

Billig ist eine solche Therapie mit Eculizumab nicht, Forbes listete das unter dem Handelsnamen "Soliris" vertriebene Medikament als eines der teuersten weltweit. 20.000 bis 25.000 Euro würde eine Therapie pro Erkranktem normalerweise kosten, schätzt Schäfer. Kribben glaubt, dass es - je nach Anzahl der Dosen - sogar pro Patient auf über 30.000 Euro kommen kann. Doch während des aktuellen Ausbruchs gibt die Herstellerfirma Alexion Pharmaceuticals das Medikament kostenlos ab. Allerdings würde sie natürlich auch davon profitieren, wenn der Wirkstoff auch gegen HUS zugelassen würde.

"HUS ist eine lebensbedrohliche Erkrankung, wenn es begründete Hinweise gibt, dass ein Medikament helfen könnte, müssen wir es geben", findet der Heidelberger Nierenspezialist Schaefer. Ihm zufolge ist das auch in anderer Sicht hilfreich. "Wir können nun in kürzester Zeit an Daten gelangen, für die es sonst Jahre gebraucht hätte." Die Ergebnisse seien zwar mit Vorsicht zu genießen, da sie keiner nach wissenschaftlichen Standards durchgeführten Studie entstammen. "Ich denke aber, es besteht Hoffnung, dass das Medikament wirken könnte."

Wissenscommunity