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Studie zu maßlosem Essen: Naschen macht süchtig, Zucker nicht unbedingt

Macht Zucker abhängig? Manche Wissenschaftler bezeichnen die Lust auf Süßes als Sucht. Eine neue Studie widerspricht dem: Nicht bestimmte Nachrungsmittel machen süchtig, sondern das Naschen selbst.

Ein Stück Schokolade ist niemals genug. Viele Menschen würden am liebsten eine Tafel nach der anderem verputzen. Woher kommt die Gier nach dem süßen Naschzeug? Angeblich gibt es eine medizinische Erklärung: Wie im Rausch schütte unser Gehirn den oft als "Glückshormon" bezeichneten Botenstoff Dopamin aus, wenn wir süße Speisen essen. Zucker macht also körperlich abhängig, so die These mancher Fachleute. In Anlehnung an das englische Wort für Alkoholiker bezeichnet man Menschen mit unstillbarer Lust auf Schokolade auch als "Chocaholic".

Doch stimmt das? Gibt es die "Zuckersucht" wirklich? Eine neue Studie lässt Zweifel aufkommen. Derzeit gebe es kaum Belege für eine auf bestimmten Substanzen basierende Fresssucht, schreiben der Psychiater Johannes Hebebrand von der Universität Duisburg und seine Mitarbeiter im Wissenschaftsmagazin "Neuroscience & Biobehavioral Reviews". Nicht Zucker, Fett oder Salz könnten wie Drogen auf den Körper wirken. Es sei vielmehr das Essen selbst - also der Prozess der Nahrungsauffnahme -, der abhängig machen könne.

Die Forscher führten selbst keine Experimente durch, sondern verschafften sich einen Überblick über den Stand der Forschung - sie analysierten also die Erkenntnisse bereits veröffentlichter Studien. Unter anderem suchten sie dabei nach Hinweisen darauf, dass Zucker ähnliche biologische Wirkungen hat wie sie von typischen Drogen (wie etwa Alohol, Heroin oder Dopamin) bekannt sind. Dabei stellten sie fest, dass die Faktenlage zu dieser Frage eher spärlich ist: Typische Suchtsymptome wie Entzugserscheingen oder Gewöhnung an die Droge seien im Zusammenhang mit Zuckerkonsum bislang nicht nachgewiesen worden, schreiben die Forscher. Jedenfalls nicht am Menschen: Die meisten Belege für Zuckersucht stammten aus Experimenten mit Ratten. Ob und inwieweit Erkenntnisse aus Tierversuchen auf den Menschen übertragbar sind, ist unter Wissenschaftlern immer schon stark umstritten.

Parallelen zur Spielsucht

Auch dass Süßes zur Ausschüttung von stimmungsaufhellenden Hormonen führe, sei keineswegs bewiesen: Es sei schließlich auch möglich, dass nicht der Zucker selbst, sondern das Naschen als Handlung angenehme Gefühle hervorrufe, wenden die Forscher ein. Sie vermuten, dass es sich bei der "Zuckersucht" nicht um eine echte Substanzabhängigkeit, sondern um eine Art zwanghaftes Verhalten handelt - vergleichbar etwa mit der Spielsucht.

Wer übergewichtig ist und zu viel nascht, sollte also nicht den allein Zucker dafür verantwortlich machen. "Das ist zu einfach", sagt der Physiologe John Menzies von der University of Edinburgh, der ebenfalls an der Studie mitgearbeitet hat. Er plädiert dafür die Sucht nach bestimmten Lebensmitteln als "verhaltensbezogene Abhängigkeit" einzustufen. "Dann würden sich vielleicht auch viel mehr Behandlungsmöglichkeiten dafür eröffnen."

Zuckerkonsum steigt weltweit

Das letzte Wort ist in dieser Debatte aber wohl noch nicht gefallen. Der Kenntnisstand zur Zuckersucht ist derzeit noch äußerst dürftig. Die Forschung daran stecke in den Kinderschuhen, schreiben die Forscher selbst. Fest steht, dass die Gier nach dem süßen Stoff ein Problem ist. Das Überangebot an energiereicher Nahrung ist mitverantwortlich dafür, dass immer mehr Menschen an Zivilisationskrankheiten wie Fettleibigkeit, Diabetes und Herz-Kreislauf-Leiden erkranken. Gerade in westlichen Ländern ist der Zuckerkonsum in den vergangenen Jahrzehnten enorm gestiegen.

Lydia Klöckner
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