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Sport- statt Kalorienangaben: Für diese Chips müssen Sie 13 Minuten schwimmen

Fett-, Zucker- und Kaloriengehalt – diese Angaben sind auf Lebensmittelverpackungen zu finden. Britischen Verbraucherschützern reicht das nicht. Sie fordern: Wer Schokolade isst, sollte auch wissen, wie lange er trainieren muss, um die Kalorien wieder loszuwerden.

Können solche Sport-Piktogramme auf Lebensmitteln Übergewicht vorbeugen?

Können solche Sport-Piktogramme auf Lebensmitteln Übergewicht vorbeugen?

Eine Getränkedose Cola: 13 Minuten Joggen. Ein Riegel Schokolade: 42 Minuten Laufen. So oder so ähnlich sollen Kalorienangaben künftig aussehen – zumindest wenn es nach dem Willen einer britischen Verbraucherschützerin geht. Shirley Cramer, Generaldirektorin der britischen Royal Society for Public Health will die Nährwerttabellen auf Lebensmitteln revolutionieren und um Sportangaben ergänzen. "Verpackungen sollten nicht nur Nährwert-Informationen liefern, sondern den Menschen auch dabei helfen, ihr Verhalten zu ändern", schreibt sie im British Medical Journal (BMJ).

Mit ihrer Forderung will Cramer Übergewicht vorbeugen. Eine kalorienreiche Ernährung und zu wenig Sport gelten als Hauptrisikofaktoren für eine Gewichtszunahme. Schon jetzt seien zwei Drittel der britischen Bevölkerung übergewichtig oder fettleibig, erklärt die Expertin. Auch deutschlandweit nimmt die Zahl der Menschen, die zu viel wiegen, immer weiter zu: Derzeit sind knapp über die Hälfte der Deutschen übergewichtig, ein Viertel davon gilt als adipös.

Das Ziel sei, Menschen zu mehr Bewegung zu ermutigen und ihr Gefühl dafür zu schulen, wie viele Kalorien sie täglich aufnehmen, so Shirley Cramer. Kleine Piktogramme mit Sportbildern und Minutenangaben, die auf Verpackungen gedruckt würden, könnten das leisten. Die üblichen Kalorienangaben auf Lebensmittelverpackungen seien für viele Menschen schwer verständlich, glaubt die Expertin. In einer von der Royal Society for Public Health beauftragten Studie gaben immerhin 44 Prozent der Befragten an, sie fänden die aktuellen Angaben "verwirrend".

Shirley Cramer weist allerdings darauf hin, dass neben Bewegung auch Wert auf gesunde Lebensmittel gelegt werden sollte: "Schlechte Ernährung lässt sich durch Sport nicht wiedergutmachen, deshalb muss weiter betont werden, wie wichtig ein gesunder und abwechslungsreicher Speiseplan ist." Zudem müsse noch erforscht werden, welchen Effekt aufgedruckte Piktogramme bei bestimmten Personengruppen auslösen. Kritiker argumentieren etwa, zusätzliche Sportangaben könnten Menschen dazu verleiten, exzessiv zu trainieren. Ein Verhalten, das beispielsweise unter Magersüchtigen weit verbreitet ist.

"Großer Nutzen für Allgemeinheit"

Diese Problematik sieht auch Cramer, sie betont allerdings den erhofften Nutzen für zahlreiche übergewichtige Menschen: "Wir haben eine Verantwortung, Maßnahmen voranzutreiben, mit denen sich die größten gesundheitlichen Probleme unserer Gesellschaft bewältigen lassen – wie Übergewicht." Dazu könnten Sport-Piktogramme beitragen. "Die Öffentlichkeit ist daran gewöhnt, erzählt zu bekommen, spezielle Getränke zu meiden oder sich bei bestimmten Lebensmitteln zurückzuhalten. Sportlabel ermutigen Menschen dazu, mit etwas anzufangen – anstatt ihnen zu raten, mit etwas aufzuhören."

Diese Meinung teilt auch Silke Schwartau, Ernährungsberaterin bei der Verbraucherzentrale Hamburg: "Jedes Mittel, das den Kaloriengehalt von Lebensmitteln verdeutlicht, ist im Kampf gegen Übergewicht hilfreich." Die Piktogramme hält sie daher für "eine gute Idee", die einen Versuch wert sei. Zwar sieht auch sie eine gewisse Problematik für Menschen mit einer Essstörung. Diese sei aber auch bei normalen Kalorienangaben gegeben, die zu akribischen Rechnungen verleiten könnten. Schwartau: "Der Nutzen für die Allgemeinheit ist groß einzuschätzen. Nicht nur in Bezug auf Übergewicht, sondern auch für Folgekrankheiten, die damit einhergehen können – etwa Diabetes Typ 2."

Der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL), ein Lobbyverband der Lebensmittelindustrie, kritisiert den Vorschlag der britischen Verbraucherschützer als zu einseitig:: "Diese Darstellungsform würde Lebensmittel einzig auf ihren Brennwert, sprich die Kalorienzahl reduzieren", erklärt Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff auf Nachfrage des stern. Enthaltene Vitamine und Mineralstoffe würden so in den Hintergrund geraten. Der Weg der sachlichen Verbraucherinformation sei daher "nach wie vor der sinnvollste".

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