HOME

Stern Logo Erste Hilfe - So werden Sie zum Lebensretter

16-jährige Lebensretterin: Kea, die Heldin vom Fußballplatz

Der 13-jährige Nic bricht auf dem Bolzplatz zusammen: Herzstillstand. Nur Entschlossenheit kann seinen Tod verhindern. Eine junge Frau weiß, wie es geht und tut das Richtige. Sofort.

Von Inga Olfen

Kea und Nic: Die 16-Jährige hat entschlossen gehandelt - und damit dem 13-Jährigen das Leben gerettet.

Kea und Nic: Die 16-Jährige hat entschlossen gehandelt - und damit dem 13-Jährigen das Leben gerettet.

Vor dem Fußballtor liegt ein lebloser Junge auf dem januarkalten Kunstrasen. Ein Lehrer hat ihn in die stabile Seitenlage gedreht. Nic, 13 Jahre alt, ein blonder, ständig plappernder Junge, ist umgefallen. Einfach so, nachdem er einen nicht besonders harten Schuss abgewehrt hat.

Kea wird diesen Anblick nie vergessen. Die 16-jährige Sanitätsschülerin der Gesamtschule Hennef hatte nur Wortfetzen aufgeschnappt, als kurz vor Ende der ersten großen Pause zwei Siebtklässler ins Sekretariat gerannt kamen: Atmet nicht mehr! Herzkrank! Soccerplatz! Sie war losgesprintet, die gut 100 Meter über den Schulhof zu dem mit grünen Netzen abgetrennten Mini-Fußballfeld. Jetzt kniet sie sich neben den Jungen. Wendet ihn auf den Rücken. "Nic, kannst du mich hören?" Sie prüft fieberhaft die Atmung. Nichts. Den Puls. Nichts. Das Gesicht: blau angelaufen. Die Augen, diese hellblauen Augen, sie starren ins Leere.

Kea fängt an, mit durchgedrückten Armen kräftig auf die Mitte von Nics Brustkorb zu drücken. Pumpen, pumpen, pumpen. 100 Mal pro Minute. Nach 30 Mal zweimal beatmen. Das übernimmt ihre Freundin Maike, die mit dem Notfallkoffer neben ihr sitzt, aus dem sie den Beatmungsbeutel gezogen hat.

Tag für Tag hört bei Hunderten Menschen irgendwo in Deutschland unvermittelt das Herz auf zu schlagen. Bei manchen gibt es eine Vorgeschichte, wie bei Nic, der mit einem Herzfehler zur Welt kam. Aber oft sind vorher keinerlei Anzeichen zu erkennen: Der plötzliche Herztod ist mit bis zu 100.000 Fällen pro Jahr eine der häufigsten Todesursachen.

Vom letzten Pochen an bleiben nur drei Minuten, dann wird das Gehirn nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt, bleibende Schäden sind die Folge. Bis ein Krankenwagen kommt, vergehen im Schnitt acht bis zwölf Minuten; manchmal deutlich mehr. Eine realistische Chance hat nur der, dessen Herz in Bewegung gehalten wird: Durch eine Herzdruckmassage kann der restliche Sauerstoff im Blut zirkulieren und die Organe weiter versorgen. Die Überlebenswahrscheinlichkeit steigt so um das Zwei- bis Dreifache. Zurzeit jedoch übersteht in Deutschland nur jeder Zehnte einen totalen Kreislaufstillstand. Auch weil zu viele nur hilflos dastehen und auf das vermeintlich rettende Tatütata warten.

Zehn Minuten, eine gefühlte Ewigkeit

Der Kampf um Nic Im rheinischen Hennef dauert es an diesem Mittwochmorgen zehn Minuten, bis der Rettungswagen durch das Schultor fährt. Der Notarzt braucht noch ein bisschen länger. Kea kommen diese Minuten vor wie eine schwarze, klebrige Ewigkeit. Ein paarmal schnappt Nic ganz kurz nach Luft. Wir haben ihn, denkt Kea. Dann wieder nichts. Nur diese starren, blauen Augen. Kea kann sie kaum ansehen.

Endlich übernehmen die Rettungsassistenten, wuchten den Jungen in den Wagen. Sie zerschneiden sein graues Lieblings-Sweatshirt und das blaue T-Shirt darunter. Sie drücken die Elektroden des Defibrillators auf die schmale, blasse Brust mit der langen Narbe; dreimal ist Nic bereits am Herzen operiert worden. Kea sieht den schweren Transporter wackeln, so heftig ist der Kampf in seinem Innern, als ein Auto auf den Schulhof rast. Eine dunkelhaarige Frau springt raus. Schreit. Wo ist er? Ich will zu ihm! Nics Mutter hämmert an die Tür des Wagens. Eine Lehrerin zieht sie zurück. Kea fängt an zu weinen.

Später wird sie sagen, sie habe einfach nur funktioniert. Das getan, was sie gelernt und immer wieder geübt habe. Nicht groß nachgedacht. Und damit hat sie alles richtig gemacht. Denn das Entscheidende ist so banal: anfangen. In Deutschland liegt die Quote der Wiederbelebungsmaßnahmen durch Laien bei gerade mal 15 Prozent. Nur in der südspanischen Provinz Andalusien ist sie im europäischen Vergleich noch niedriger. In Schweden fassen sich 59 Prozent der Umstehenden ein Herz und helfen, in den Niederlanden 61. "15 Prozent ist eine erschreckend niedrige Zahl", sagt Bernd Böttiger.

Der Professor leitet die Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin in Köln. Und er ist Vorsitzender einer Gruppe von Notfallmedizinern, die forschen und informieren mit dem Ziel, die Reanimationsquote in Deutschland zu erhöhen - des "German Resuscitation Councils" (GRC). "Unsere Studien zeigen, dass mindestens 5000 Menschenleben zusätzlich jedes Jahr gerettet werden könnten", sagt Böttiger. Gemeinsam mit dem Berufsverband Deutscher Anästhesisten (BDA) und der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) sowie der Stiftung Anästhesiologie startete der GRC vergangenen Montag die "Woche der Wiederbelebung".

Wiederbelebung im Lehrplan

"Das wird hoffentlich das Problem vielen bewusst machen", sagt Gernot Rücker. Der Notfallmediziner ist Leiter des Simulationszentrums der Anästhesieabteilung an der Universitätsmedizin Rostock und kämpft schon lange für eine bessere Ausbildung der Deutschen in Lebensrettung. Am liebsten sähe er es, wenn jedes Kind sie lernen würde. Dass dies geht, hat er in eigenen Studien an über 20.000 Schülern zeigen können. Fazit: Ab einem Alter von zwölf Jahren sind Kinder physisch und psychisch in der Lage, einen erwachsenen Menschen wiederzubeleben.

Mit diesen Fakten im Gepäck reist Rücker seit Jahren von Vortrag zu Vortrag, schreibt Briefe an Ministerien und wirbt für eine eigentlich einfache Sache: zwei Schulstunden pro Jahr, ab der siebten Klasse an allen weiterführenden Schulen. Immerhin, in Mecklenburg-Vorpommern hat er es geschafft. Im Fach Biologie steht eine Doppelstunde Wiederbelebung im Lehrplan, wenn das Thema Herz-Kreislauf-System an der Reihe ist. Lehrfilme, einfach zu handhabende Puppen und austauschbare Mundstücke kommen von der Björn Steiger Stiftung.

Nun ist Kea eine Heldin Erst kürzlich erzählte ihm eine Kollegin von der Insel Rügen von einem 13-Jährigen, der seine 52-jährige Mutter ins Leben zurückholte, nachdem sie vor seinen Augen in der Küche zusammengebrochen war. Er hatte kurz zuvor in der Schule gelernt, wie das geht. Die Frau ist wieder gesund.

Und auch Nic hat es geschafft. Als Kea ihn im Krankenhaus besucht, ist Nics Mutter Anne auch da. "Sie hat mich fast zerdrückt", erzählt Kea. Annes Lebensgefährte, ein Bär von einem Mann, nimmt ihr zartes Gesicht in seine riesigen Hände und gibt ihr einen Kuss auf die Stirn. Einen Monat nach dem Vorfall, während Nic in der Reha ist, macht seine ganze Klasse einen Erste-Hilfe- Kurs. Das Deutsche Rote Kreuz, bei dem Kea schon mit neun Jahren die ersten Veranstaltungen und später eine Fortbildung nach der nächsten besuchte, hatte dazu eingeladen. An der Schule ist Kea eine Heldin. "Früher wurden wir vom Sanitätsdienst belächelt. Wir waren die Pflaster-Kleber", sagt sie. "Jetzt wollen auf einmal alle mitmachen."

Und sie? Ist sie stolz? Ein bisschen schon. "Und ich bin so froh, dass alles gut ausgegangen ist." Nics Mutter ist inzwischen eine mütterliche Freundin. Die beiden telefonieren viel, besuchen sich. Manchmal gehen sie Eis essen. Letztes Mal hat Kea zu Anne gesagt: "Weißt du was? Der Nic, der hat so wunderschöne, blaue Augen!"

Wissenscommunity