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Wegen indischer Mutante Experten befürchten dritte Corona-Welle in Großbritannien – ein Warnschuss für Deutschland?

Voller Strand in Southend
Die Briten genießen die Ferien am Strand von Southend - ohne Masken und mit nur wenig Abstand
© Joe Giddens / PA Wire / dpa
Eigentlich sollen in drei Wochen die letzten Coronabeschränkungen in Großbritannien aufgehoben werden. Doch nun warnen Wissenschaftler angesichts der indischen Variante vor einer dritten Welle.

In der Pandemie entwickelte sich Großbritannien zum Leuchtturm für den Rest Europas. Wie schlimm die ersten beiden Wellen den Kontinent treffen würden, konnten Europäerinnen und Europäer zuvor auf der britischen Insel beobachten. Als sich letztes Jahr ein "fast normaler" Sommer im Königreich abzeichnete, atmete auch das europäische Festland auf. Während die EU Anfang Dezember noch vom Impfen träumte, hatte der Brexit-Staat schon längst mit der rettenden Kampagne begonnen. Und selbst als die ersten Virusmutationen für neuen Schrecken sorgten, war das Problem in Großbritannien schon längst bekannt. 

Umso wachsamer werden daher auch die neuesten Entwicklungen von der Insel verfolgt – und die sind im negativen Sinne positiv. Ausgerechnet drei Wochen bevor im Land die letzten Beschränkungen fallen sollten, warnen mehrere Wissenschaftler die Regierung vor einer dritten Coronawelle.

Indische Variante auf dem Vormarsch

"Es hat ein exponentielles Wachstum bei der Zahl der neuen Fälle gegeben und mindestens drei Viertel sind die neue Variante", sagte der Mikrobiologe Ravi Gupta am Montag in einem BBC-Interview. Die zunächst in Indien entdeckte Variante B.1.617.2 breitet sich in Großbritannien rasant aus und gilt nach ersten Erkenntnissen als deutlich ansteckender als bisherige Formen.

Am Sonntag zählte Großbritannien gut 3200 neue Corona-Fälle, die Sieben-Tage-Inzidenz liegt bei 27. Zwar seien die Fallzahlen derzeit noch relativ niedrig, erklärte Gupta, der die britische Regierung in einem Gremium für neue aufkommende Virus-Bedrohungen berät. Trotzdem sehe er Anzeichen einer beginnenden Welle. Dieser Meinung ist auch Martin McKee, Professor für europäische öffentliche Gesundheit an der London School of Hygiene and Tropical Medicine. "Wir sehen bereits, dass die derzeitigen Maßnahmen nicht verhindern, dass die Fälle in vielen Teilen des Landes rasch zunehmen. Es sieht sehr danach aus, als wären wir am Beginn einer dritten Welle", sagte McKee. 

Die Experten befürchten, dass ein weiterer Anstieg von Covid-Patienten in Krankenhäusern, den enormen Rückstand an Nicht-Covid-Fällen weiter verzögern würde. "Wenn es kein Wunder gibt, ist die weitere Öffnung im Juni ein großes Risiko", warnt McKee. "Der Anstieg der Fälle, den wir jetzt sehen, sollte eine Neubewertung der jüngsten Lockerungen veranlassen."

Britische Regierung will an Lockerungen festhalten

Soweit will man es in London aber noch nicht kommen lassen. Trotz den Warnungen der Wissenschaftler besteht die britische Regierung darauf, ihren Öffnungsplan weiterzuverfolgen. Es sei zu früh für Spekulationen, heißt es aus der Downing Street.

Allerdings weigerte sich Impfstoffminister Nadhim Zahawi bisher zu verneinen, dass Einschränkungen – wie Maskentragen und Homeoffice – bestehen bleiben könnten. Am 14. Juni werde es dazu eine neue Ankündigung geben. "Wir müssen uns die Daten ansehen und werden sie mit dem Land teilen", sagte er. Angesichts der erneut steigenden Fallzahlen, empfehlen hochrangige wissenschaftliche Regierungsberater die Homeoffice-Pflicht über den Juni hinaus zu verlängern, um die Zahl der Kontakte zu reduzieren.

Trotz der Fortschritte des Impfprogramms sind sich die Berater unsicher, inwieweit die Neuinfektionen – die in dieser Höhe zuletzt Ende März verzeichnet wurden – wieder zu mehr Krankenhauseinweisungen und Todesfällen führen werden. "Es wird wahrscheinlich länger dauern als bei vorherigen Wellen, bis sie sich abzeichnet, weil wir ein hohes Level an Impfungen in der Bevölkerung haben", so Gupta. "Daher könnte es für einige Zeit ein falsches Sicherheitsgefühl geben, das ist unsere Sorge." Bislang sind knapp drei Viertel der Erwachsenen in Großbritannien erstgeimpft, knapp die Hälfte hat beide Impfdosen erhalten.

Was bedeutet die britische Entwicklung für Deutschland?

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die neuesten Anzeichen aus Großbritannien auch in Deutschland für ein mulmiges Gefühl sorgen könnten. Was passiert, wenn sich die Variante aus Indien auch hierzulande ausbreitet, ist bislang kaum vorherzusagen. Zwar sehen die Corona-Zahlen von Tag zu Tag besser aus – mittlerweile liegen alle Bundesländer unter der 50er-Inzidenz – dennoch gilt es weiter auf der Hut zu sein.

"Ich glaube schon, dass es noch eine Welle geben kann. Aber sie mag kleiner ausfallen. Und das Gesundheitssystem würde deutlich weniger belastet sein", sagte Thorsten Lehr, ein Saarbrücker Experte für Corona-Prognosen, der Deutschen Presse-Agentur. Ob und wie stark die Zahlen noch mal hochgehen könnten, hänge von dem Tempo der Lockerungen, dem Reiseverkehr sowie der möglicherweise sinkenden Impfbereitschaft im Herbst ab.

Insgesamt ist Deutschland aus Sicht von Lehr aber "auf einem sehr, sehr guten Weg": Die Inzidenzen, die Todeszahlen und die Patientenzahlen in den Krankenhäusern gingen zurück. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt jedoch, dass man das britische Warnlicht sehr genau im Auge behalten sollte.

Quellen:  BBC, Guardian, mit DPA


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