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Vom IS missbrauchte Frauen "Wer kann ihnen helfen, wenn nicht wir?"


Missbraucht und wie Sklavinnen gehalten. 1000 Frauen, die dem IS entfliehen konnten, werden in Baden-Württemberg aufgenommen. Doch kann den schwer traumatisierten Frauen dort wirklich geholfen werden?

Bis zu 1000 Frauen, die vor dem IS geflohen sind, kommen in diesem Jahr nach Baden-Württemberg. Viele von ihnen wurden über Monate schwer misshandelt. Staatssekretär Klaus-Peter Murawski leitet das Aufnahmeprojekt, das weltweit einmalig ist. Doch kann schwer traumatisierten Frauen im baden-württembergischen Idyll tatsächlich geholfen werden?

Herr Murawski, hat sich die Landesregierung da nicht zu viel vorgenommen?

Niemand sonst in der Bundesregierung und der Welt hat der jesidischen Gemeinde so konkrete Hilfe und Aufnahme zugesagt. Wir sind die Vorreiter und haben absolutes Neuland betreten. Natürlich ist uns vorgehalten worden, dass wir kein Erfolgsrezept haben. Doch die entscheidende Frage ist: Was wäre die Alternative? Die Frauen dazulassen? Dem Elend aus der Ferne zuzuschauen? Das kann nicht die Lösung sein. Und wenn wir, die in Frieden leben und über die nötigen Ressourcen verfügen, diese Aufgabe nicht bewältigen können – wer dann?

Die Frauen werden nach Deutschland gebracht. Wie geht es hier für sie weiter?

Sie werden auf die Stadt- und Landkreise verteilt, auch einige Klöster haben Räume zur Verfügung gestellt. Wir halten die Aufenthaltsorte geheim, denn die Frauen brauchen Ruhe. Das ist erstmal unser Hauptziel: Wir holen die Frauen aus der Umgebung heraus, in der ihnen schreckliches widerfahren ist und wollen wieder ein Gefühl der Normalität herstellen. Dann bekommen sie die medizinische und psychologische Betreuung, die sie brauchen.

Gibt es in Baden-Württemberg genug Psychologen, die so schwere Traumatisierungen behandeln können?

Unser Land hat die höchste Psychologendichte der Welt. Wir haben außerdem die Kompetenzen der Universitätskrankenhäuser und Landeskrankenhäuser gebündelt, auch die Landespsychiatrien können bei Bedarf reagieren. Damit die Behandlungen gut funktionieren, haben wir zudem viele Dolmetscher im Einsatz.

Wonach entscheidet sich, ob die Frauen für eine Aufnahme in Deutschland in Frage kommen?

Wir wählen Frauen und Mädchen aus, die das gleiche Schicksal erlitten haben: sexuell misshandelt worden zu sein. Viele der Frauen sind Jesidinnen, aber nicht nur. Die Religionszugehörigkeit, Nationalität und Ethnie ist für uns egal. Von verschiedenen Hilfsorganisationen haben wir Listen erhalten, vor Ort in den nordirakischen Flüchtlingslagern suchen Mitarbeiter diese Frauen nun auf, untersuchen sie medizinisch und psychologisch und prüfen ihre Identität.

Wie geht es den Frauen hier?

Schon bei der Ankunft spielen sich dramatische Szenen ab, manche Frauen brechen in Tränen aus, sobald sie deutschen Boden betreten, sobald sie die Gewissheit haben, dieser Hölle entronnen zu sein. Wir hören von den Frauen, dass ihnen schon das Wissen hilft, hier in einer friedlichen und geschützten Situation zu leben. Manche Frauen bringen ihre Kinder mit, die leben sich schnell ein.

Ist das deutsche Team ausreichend vorbereitet auf die Schicksale der Frauen?

Der Traumaexperte und Orientalist Professor Jan Kizilhan hat unsere Mitarbeiter zusammen mit der Hochschule für Polizei speziell vorbereitet. Aber es ist natürlich für jeden nur schwer zu ertragen, wenn man erfährt, dass zum Teil zwölfjährige Mädchen als Sexsklavinnen gehalten wurden. Im Moment versuchen wir eine Frau zu retten, die sich angezündet hat. Sie wurde so oft vergewaltigt, dass sie hoffte, durch die Verbrennungen unattraktiv zu werden.

150 Frauen sind bisher angekommen. Warum noch nicht alle?

Wir hatten am Anfang einige Organisationsprobleme, es bedurfte vieler komplizierter Abstimmung mit unterschiedlichen Ministerien und Botschaften, auch wenn alle Ebenen in Deutschland wie im Nordirak gleichermaßen konstruktiv kooperiert haben. Aber jetzt sind wir eingespielt und zuversichtlich, bis Ende des Jahres alle 1000 Frauen nach Baden-Württemberg bringen zu können.

30 Millionen Euro gibt das Land für dieses humanitäre Aufnahmeprogramm aus. Wie geht es danach weiter?

Die Finanzierung ist für drei Jahre gesichert, aber auch danach bekommen die Frauen bei Bedarf weiterhin traumatherapeutische Behandlungen bezahlt. Wir lassen sie nicht fallen. Wir hoffen, dass bis dahin einige hier eine neue Heimat gefunden haben. Manche Frauen äußerten bereits den Wunsch, sich hier eine Zukunft aufbauen zu können. Von einer Frau wissen wir, dass sie in den Irak zurück möchte, um sich um ihre Eltern zu kümmern. Auch bei einer eventuellen Rückkehr unterstützen wir die Frauen.

Warum engagiert sich bislang bundesweit nur Baden-Württemberg?

Es ist eben ein Pilotprojekt, auch in unseren Reihen gab es Vorbehalte, ob wir das stemmen können. Aber es war unserem Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann ein persönliches Anliegen. Wir wissen, dass uns andere Bundesländer beobachten, Niedersachsen ist bereits nachgezogen, haben kürzlich selbst 43 Frauen aufgenommen. Wir hoffen, dass noch mehr Länder mitmachen. Jedes Land hat die Mittel dazu zu helfen. Wir haben hier die Chance, Menschen sehr konkret zu helfen, Ihnen eine neue Zukunft zu geben, wir könnten hier wirklich etwas bewirken.

Interview: Lisa Rokahr

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