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Partnerschaft: Fremdgehen – und dann? Was eine Affäre mit einer Beziehung macht

63 Prozent aller Affären fliegen niemals auf. Und trotzdem ist dann alles anders. Ein Fremdgeher erzählt von seinen Erfahrungen.

Geht ein Partner fremd, ist das eine enorme Belastung für die Beziehung

Geht ein Partner fremd, ist das eine enorme Belastung für die Beziehung

Nach einem gemeinsamen Afrika-Urlaub war mir klar, dass sie die Richtige war. Fünf Tage Aufstieg am Kilimandscharo sind wirklich ein Härtetest für eine Beziehung. Wir sind dann auch gleich zusammengezogen und hörten auf zu verhüten. Die Schwierigkeiten begannen, als sie nicht schwanger wurde. Und der Sex nach ihrem Eisprung ausgerichtet wurde. Als es keine Spontanität mehr gab. Sondern Tränen, wenn sie ihre Tage bekam. In dieser Phase erschien eine neue Arbeitskollegin in der Agentur, in der ich arbeite. Sie hatte einen Freund, mit dem sie sieben Jahre zusammen war – und erwartete, dass er ihr im nächsten Urlaub einen Antrag machen würde. Ich erzählte ihr von meiner Freundin. Die Verhältnisse waren geklärt. Aber es knisterte zwischen uns. Bei einer Bürofeier hat sie sich leicht angetrunken auf meinen Schoß gesetzt und erzählt, dass sie gerade mit einem Kollegen auf der Tanzfläche geknutscht hätte. In dem Moment war ich total verschossen in sie. Drei Tage später kam eine SMS: "Wann küsst du mich?" Bis zu diesem Zeitpunkt war sie für mich unerreichbar gewesen: Die Art Frau, mit der man gern bei einer Filmpremiere über den roten Teppich schreiten würde.

Im Tierreich auf Platz eins der Treueliste steht der Biber, der sich lebenslang streng monogam verhält. Den letzten Platz belegt der Marienkäfer, der alle 48 Stunden den Partner wechselt. Der durchschnittliche Mensch liegt vermutlich irgendwo dazwischen. 90 Prozent der Deutschen wünschen sich Treue, doch jeder Zweite geht irgendwann fremd. 38 Prozent der Bundesbürger zweifeln daran, dass Treue überhaupt möglich ist. Evolutionsbiologen zufolge befindet sich der Mann im Konflikt zwischen zwei Strategien: Paarbindung für den behüteten Nachwuchs auf der einen Seite, und das Bedürfnis, sein Reproduktionsmaterial auch über die Beziehung hinaus zu streuen, auf der anderen Seite.

Nach dem ersten Küssen fühlte ich mich schuldig, aber dann überwog der Reiz: Ich habe das Ganze in eine Schublade gesteckt und gesagt, das hier ist das bisschen Unabhängigkeit, das ich mir gönne. Ich habe gedacht, solange ich das Zusammenleben mit meiner Freundin schätze und sie auch liebe, kann ich das verantworten. Das war mein psychologischer Kniff. Ich sagte mir, ich bin ihr untreu, aber ich verrate sie nicht. Es entwickelte sich eine Art "ideale Beziehung", weil wir die Niederungen des Alltags umgingen. Wer die Wäsche wäscht oder einkaufen geht. Die Zeit, die wir miteinander verbrachten, schien komplett losgelöst: Wir nannten es unsere Raketenausflüge. Dass wir zu zweit in eine Rakete steigen, die auf der Erde startet und zum Mond fliegt. Und dass wir immer diese zwei Minuten haben, in der die Rakete hinter dem Mond ist und uns niemand anders sehen kann. Natürlich blieb es nicht bei Küssen. Wir haben uns ein halbes Jahr Zeit gelassen. Und uns dann ein Hotelzimmer genommen. Danach fuhr ich nach Hause, sie schlief im Hotel. Am nächsten Morgen sahen wir uns im Büro wieder. Ich sagte ihr, dass ich mich niemals von meiner Partnerin trennen werde. Wollte ihr zu verstehen geben, dass sie sich besser nicht in mich verliebt. Und im Grunde war alles klar: Sie wartete auf den Heiratsantrag ihres Freundes, ich darauf, dass meine Freundin schwanger wurde. Was wir hatten, war die Zeit bis dorthin.

Die meisten Frauen gehen zwischen dem 3. und 10. Jahr ihrer Beziehung fremd, für Männer liegt der kritische Zeitraum in der Regel zwischen dem 3. und 6. Jahr. In einer Studie des Göttinger Psychologen und Paartherapeuten Ragnar Beer, der 2600 heterosexuelle Fremdgänger nach ihren Gewohnheiten befragte, geben etwa 60 Prozent an, dass ihre Affären länger als einen Monat dauerten. Vier von fünf Befragten nennen als Hauptgrund sexuelle Unzufriedenheit mit dem Partner.

Sie sagte: "Wir haben Feuer", wenn wir verschwitzt aus der Mittagspause kamen. Wir nannten diese heimlichen Treffen "unsere Raketenausflüge".

Zwei nackte Frauen


Meine Freundin ist alles andere als prüde, es ist keine konventionelle Sexualität, die uns verbindet, eigentlich glaubte ich nicht, dass sich das steigern lässt. Dennoch empfand ich das, was ich mit meiner Arbeitskollegin erlebte, als neue Qualität. Ein Blick von ihr, eine Berührung – und ich war sofort bereit. Sex im Büro, auf der Toilette, im Treppenhaus. Sie sagte: "Wir haben Feuer." Der Ausdruck gefiel mir. Häufig kamen wir verschwitzt aus unseren Pausen zurück. Natürlich ahnte ich, dass Raketenausflüge aufregender sind als die tägliche Fahrt im Linienbus, obwohl es das Bild natürlich nicht ganz trifft. Ich weiß bis heute nicht, ob sich dieses Feuer irgendwann verloren hätte und ich nur einer Illusion aufsaß. Das Sexleben mit meiner Freundin würde ich auf einer Skala zwar nicht bei 120 Prozent eintragen wie mit der Arbeitskollegin, aber 98 Prozent sind schließlich auch nicht schlecht.

Nach der Hotelzimmerphase veränderten sich die Koordinaten unserer Affäre: Denn meine Arbeitskollegin trennte sich von ihrem Freund und suchte sich eine eigene Wohnung. Sagte, sie erwarte jetzt ein Zeichen von mir. Ob es mehr werden könnte als eine Affäre. Sie wäre bereit dazu. Weil die ausbleibende Schwangerschaft meiner Freundin immer noch Thema war, hatte ich irgendwann einen Termin beim Urologen. Meiner Bürokollegin, vor der ich keine Geheimnisse hatte, erzählte ich, dass der Arzt zur künstlichen Befruchtung geraten hatte. Das hätte ich nicht sagen sollen. Doch das wurde mir zu spät klar, ich hatte damit eine Grenze überschritten. Sie sagte: "Es ist aus!" Ich habe dazu, glaube ich, nur "ok" gesagt. Und weiche Knie bekommen. Tage später gestand sie mir, dass sie schon länger in mich verliebt sei. In diesem Moment geriet mein Satz "Ich würde mich niemals für dich trennen" ins Wanken. Ich fühlte mich gefesselt durch eine Beziehung, die mich daran hinderte, mit ihr etwas zu machen. Ich sagte, dass ich sie nicht einfach gehen lassen werde. Sie verstand es als Versprechen. Meiner Freundin sagte ich, dass ich mal zwei Wochen aus der Wohnung raus müsse. Ich hatte ihr zuvor schon angedeutet, dass ich mit dem Gedanken spiele, mich zu trennen. Meine Arbeitskollegin erwähnte ich natürlich nicht – auch nicht, dass ich jetzt bei ihr einzog: Morgens gingen wir zusammen ins Büro – sie immer ein bisschen früher die Treppen hoch, damit es nicht so auffiel. Es war eine wundervolle Zeit. Aber es gab auch Momente, in denen ich daran zweifelte, dass mir diese Frau das Gefühl von einem Zuhause geben konnte, obwohl ich sie liebte. Ich war an einem Punkt angekommen, an dem ich – egal wie ich mich entscheide – etwas verlieren und mir vermutlich auch nachhaltig großen Schaden zufügen würde. Ich habe meiner Freundin viel zugemutet. Vermutlich ahnte sie etwas. Einmal wachte ich neben ihr auf und begrüßte sie mit dem Namen der anderen. Meine Freundin ist nicht naiv, und wenn sie den Namen, der nicht gerade verbreitet ist, bei Facebook eingibt … Aber sie drang nicht in mich, sondern ließ die Tür offen und streckte mir die Hand entgegen.

Oft legt die Affäre eine brennende Lunte an die eigene Beziehung.
Der oder die hinzutretende Dritte verunsichert zutiefst – nicht nur denjenigen, der hintergangen wird, auch denjenigen, der hintergeht. Ein Torpedo, der in den Dreiklang der Liebe zielt: Respekt, Vertrauen und Achtung, auch gegenüber sich selbst. Nach der Göttinger Seitensprung-Studie fühlen sich 75 Prozent der Männer schuldig gegenüber ihrem Partner. Interessanterweise setzt der entdeckte Seitensprung neben Gefühlen wie Zerrissenheit und Verzweiflung beim Beziehungsbrecher auch intensive Gefühle gegenüber dem eigenen Partner frei. Das Liebesgefühl verstärkt sich ebenso wie die Einsicht, dass man das, was einem der Seitensprung beschert hat, vermutlich auch beim eigenen Partner bekommen könnte. 56 Prozent der Männer geben das an.

"Zwei Monate lang taten wir unser Möglichstes, um uns gegenseitig zu ignorieren."

Ich habe drei Freunde um Rat gebeten. Der eine war der Meinung, ich müsse meiner Sexualität folgen. Ein anderer riet mir ebenfalls, mich von meiner Freundin zu trennen. Der Dritte sagte, ich müsse mich entscheiden: Ob ich eine Familie gründen wolle oder nicht. Die Affäre trat jetzt in ihre intensivste Phase ein. Vielleicht deshalb, weil ich ihr – angetrieben von Verlustängsten, den Himmel auf Erden bereiten wollte. Meine Arbeitskollegin merkte, dass es mir ernst war. Beide sprachen wir von Liebe. Sie signalisierte, dass sie auf mich wartete, gab mir ihren Wohnungsschlüssel. "Du kannst immer zu mir kommen." Aber ich zögerte. Was, wenn ich für die Kollegin alles aufgab und merkte, dass auch diese Leidenschaft irgendwann verglimmt? Ich sagte der Arbeitskollegin deshalb: "Ich will mich von dir trennen." Jetzt begann die schwierigste Zeit. Wir verboten es uns, miteinander zu reden. Sie schrieb mir einen Brief, in dem sie mir vorwarf, ich hätte die Affäre provoziert. Ich antwortete, wir hätten die Entscheidung gemeinsam gefällt. Zwei Monate lang taten wir unser Möglichstes, um uns gegenseitig zu ignorieren. Dann hielt ich es nicht mehr aus und bat um ein Treffen: "Ich vermisse dich", sagte ich. Kein idealer Satz, wenn man gerade versucht hat, sich zu trennen. Wir haben wieder angefangen, miteinander zu reden, sie erzählte mir von Männern, die sie traf. Das tat mir sehr weh. Irgendwann habe ich sie zu einem Konzert eingeladen. Da sind wir zusammen auf der Toilette verschwunden. Sie sagte noch einmal, sie wolle eine Entscheidung von mir und bot – als Entscheidungshilfe – an, ein Wochenende miteinander zu verbringen. Aber ich konnte das nicht – das permanent schlechte Gewissen, das Doppelleben … "Dann möchte ich, dass du dir einen anderen Job besorgst", hat sie gesagt.

Seitdem herrscht Funkstille. Ich habe den Arbeitsplatz nicht gewechselt, aber durch eine Umstrukturierung sitzen wir in verschiedenen Zimmern und können uns aus dem Weg gehen.
Ich habe immer noch Liebeskummer, aber ich versuche, mich meiner Freundin wieder zu nähern. Inzwischen habe ich eine Therapie angefangen. Wenn die Kollegin sich noch mal meldet, soll ich den Kontakt vermeiden, hat mir mein Psychiater geraten. Ein bisschen habe ich auch Angst, dass sie unberechenbar werden könnte, zum Beispiel Kontakt aufnimmt zu meiner Freundin. Ich denke, ich habe mich richtig entschieden, aber die Bilder von der anderen Frau ploppen immer wieder auf.

Nicht aufzufliegen ändert in den Monaten nach der Trennung vom Seitensprung die Art, wie man sich an die Affäre erinnert: Zwei Drittel aller unentdeckten Fremdgeher erinnern sich detailliert an den Sex. Fliegt die Affäre auf, ist es nicht mal jeder zweite. In jedem Fall läuft die Affäre im Kopf des Fremdgehers eine Zeit lang weiter. Und man hadert mit dem Schicksal: Habe ich mich richtig entschieden? Und falls man nicht erwischt wurde – wäre man vielleicht weiter damit durchgekommen? Laut dem Göttinger Psychologen Ragnar Beer leben viele Untreue, die nicht erwischt wurden, lange mit der Angst, dass der Seitensprung doch noch rauskommt. Und um das zu verhindern, müssen sie notgedrungen weiterlügen. Es ist auf unbestimmte Zeit nicht "alles wieder gut", auch wenn die Fremdgeher sich das in den meisten Fällen wünschen – so Ragnar Beer. Für die meisten Fremdgeher gilt, dass das Bemühen steigt, von nun an ein besserer Partner zu sein: Während in der Affären-Zeit noch 68 Prozent der Männer davon ausgehen, dass sie ihre Partnerin wieder betrügen werden, sind es hinterher nur noch 30 Prozent. Interessanterweise kann die Mehrzahl der Männer nach einer Affäre die positiven Seiten der eigenen Beziehung besser schätzen. Und der Hälfte der befragten Männer fällt es schwer, keinen Kontakt mehr zur Affäre zu haben.

Ich habe die Affäre nicht gesucht und glaube nicht, dass sich so etwas wiederholen wird. Ich bin dafür nicht geschaffen, kann aber auch nicht völlig ausschließen, dass mir in ein paar Jahren wieder eine Frau begegnet, die mich aus der Bahn wirft. Wahrscheinlich wäre ich dann vernünftiger. Denn nach den Höhenflügen kommt das Tal. Ich möchte nicht, dass ich noch einmal in so eine Situation gerate. Ich liebe meine Freundin. Wir werden es schaffen. Ich gehe jedenfalls fest davon aus.

Ein Protokoll von Andreas Wenderoth

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