HOME

Geistheiler: Empfangsstörungen möglich

Fernheilung bringt vielleicht nichts, kann aber auch nicht schaden - sollte man meinen. Stimmt nicht, warnen Experten. Nicht nur für psychisch labile Menschen berge die Behandlung gefährliche Risiken.

Die meisten Fernheiler vereinbaren mit dem Patienten einen Termin für die Behandlung

Die meisten Fernheiler vereinbaren mit dem Patienten einen Termin für die Behandlung

Experten schätzen, dass in Deutschland rund 10 000 Geist- und Fernheiler ihre Dienste anbieten. Der Kontakt kommt meist übers Telefon oder Internet zustande. Oft fordert der Behandler ein Foto des Betroffenen an, manchmal eine Handschriftenprobe oder Locke. Mehr als 30 Methoden sind am Markt: von Beten über Reiki bis Chakra-Therapie, von "Prana" bis "Radionik". Die meisten Anbieter vereinbaren einen Termin für die Behandlung, zu dem sich der Patient dann "öffnen" soll. Der Fernheiler, so die Vorstellung, verbindet sich zeitgleich mit einer höheren Macht. Von dieser empfange er Energie und leite sie an den Kunden weiter. Viele spüren im vereinbarten Zeitraum Wärme, Kälte, Kribbeln, Druck oder das Gefühl, durchströmt zu werden.

Heilungsversprechen

Fernheiler sind vorsichtig mit Heilungsversprechen, da die meisten keinen Heilpraktikerschein haben. Eher wecken sie mit Erfolgsgeschichten Hoffnung. Angeblich hat Fernheilung schon bei Durchfall geholfen, bei Endometriose, Menstruationsbeschwerden, Neurodermitis, Panikattacken, Depressionen, Schlafproblemen, Migräne, Krebs, Zahnschmerzen, Grauem Star, Rheuma, Asthma und Aids. Reiki-Autor Dieter Stahl meint: "Reiki kann auch Wunder vollbringen, zum Beispiel sind Spontanheilungen durch Reiki nicht selten."

Viele Fernheiler behaupten, alle körperlichen Krankheiten seien psychisch verursacht oder zumindest stark von der Seele beeinflusst. "Krankheit ist immer ein Ausdruck von Nichtleben unserer Impulse", formuliert der Reiki-Autor Andreas Dalberg. Harald Wiesendanger, Verfasser von Fernheil-"Ratgebern", behauptet gar, wer starke Angst vor Krebs habe, "dürfte ihn mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auch einmal bekommen". Umgekehrt machen Anbieter den Patienten für den Erfolg der Fernheilung mitverantwortlich. "Wenn beim Klienten (…) die Demut und der Wille zur Genesung vorhanden ist", mahnt einer, "so ist der Heilerfolg auch nicht mehr weit entfernt."

Viele Fernheiler weisen zwar auf ihren Internetseiten darauf hin, dass ihr Handeln keinen Arzt ersetzt, äußern sich aber an anderer Stelle abfällig über medizinische Methoden und wissenschaftliche Forschung. Wiesendanger etwa kritisiert Studien, die zeigen, dass Spontanheilungen extrem selten sind. Die Datenbasis sei dünn, da viele Fälle unveröffentlicht blieben.

Ausbildung, Kosten und Dauer

Zahlreiche Schulen und Institute bieten in Deutschland Ausbildungen zum Geistheiler an, was oft Fernheilung mit einschließt. Größte Anbieter sind die Reiki-Schulen. Nur selten verfügen die Anbieter über eine therapeutische Ausbildung. Der Dachverband Geistiges Heilen (DGH) vergibt zwar ein Zertifikat „Anerkannter Heiler DGH“. Die Anforderungen sind jedoch minimal. Eine Sitzung dauert zwischen zehn Minuten und mehreren Stunden, die Kosten können sich auf eine freiwillige Spende beschränken, aber auch bei mehr als hundert Euro liegen. Geist- und Fernheiler benötigen nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes keinen Heilpraktikerschein, wenn sie nur durch bestimmte „rituelle Vorgehensweisen“ die „Selbstheilungskräfte“ stärken. Sie dürfen aber die Medizin nicht abwerten und Patienten nicht ermutigen, eine ärztliche Therapie abzubrechen.

Wirkung

Edzard Ernst, Professor für Komplementärmedizin an der Universität Exeter und Experte für die wissenschaftliche Beurteilung alternativer Heilverfahren, hat 2003 alle seit dem Jahr 2000 vorliegenden Studien zu Fernheilung gesichtet. Sein Fazit: "Die Mehrzahl der Studien unterstützt nicht die These, dass Fernheilung einen therapeutischen Effekt hat." Zwei Studien deuteten sogar auf schädliche Effekte hin. Eine kontrollierte Studie von fünf europäischen Universitäten mit rund 400 Patienten konnte 2008 keinen Effekt der Fernheilung bei chronischem Erschöpfungssyndrom feststellen. Bei den Studien, die von Anbietern selbst als Wirkungsbelege genannt werden, wussten die Patienten meist, ob sie fernbehandelt werden oder zur Kontrollgruppe gehören - und können dann nur zeigen, ob der Glaube an Fernheilung wirkt, es also einen Placebo-Effekt gibt.

Psychologische Erklärung

Wenn Fernheilung keine Wirkung haben soll, warum spüren die Patienten dann genau zum Behandlungszeitpunkt Kribbeln oder Wärme? "Solche Empfindungen entstehen durch innere Konzentration", sagt Sabine Riede, Pädagogin und Leiterin der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen. "Auch bei Entspannungsübungen wie autogenem Training sind diese Wahrnehmungen gerade bei Anfängern üblich." Eine tatsächliche Besserung kann sich durch die gezielte Entspannung und die Zuwendung durch den Heiler erklären: "Das reduziert Stress, und dadurch geht es den Betroffenen besser, und Beschwerden verschwinden, zumindest kurzzeitig. Wenn man aber die zugrunde liegende Problematik nicht aufgreift, ändert sich nichts oder man muss immer wieder zum Heiler."

Risiko

Fernheilung birgt zwei große Gefahren: Zum einen verzichten immer wieder Patienten auf eine schulmedizinische Behandlung oder verzögern diese. Zum anderen glauben viele Patienten auch nach Abschluss der Fernheilung, gesandte Energien wahrzunehmen - und fühlen sich vom Fernheiler verfolgt. Bei der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen melden sich regelmäßig Menschen wegen eines solchen Fernstalkings. Zuweilen drohten Anbieter dies sogar an, wie im Fall einer Frau, die sich wegen Rücken- und Kopfschmerzen an einen Fernheiler gewandt hatte. Dieser, erzählte sie in der Beratung, habe zwar ihre Kopfschmerzen geheilt. Aber als sie die Behandlung beenden wollte, drohte er, ihr zu schaden. In der Folge fühlte sie sich ständig krank, und eine Stimme gab ihr den Befehl: "Bring dich um." Sie hatte Angst, der Mann habe ihr "Dämonen geschickt". Auch Wiesendanger berichtet von zahlreichen Patienten, die sich vom Fernheiler verfolgt fühlen. Man muss nicht psychisch labil sein, um sich spirituell verfolgt zu fühlen, betont Sabine Riede: "Sobald wir etwas Verwunderliches erleben, möchten wir es erklären, um es kontrollieren zu können." Dabei verknüpfen alle Menschen zuweilen Dinge, die gar nichts miteinander zu tun haben. Riede rät generell von Fernheilungen ab, ganz besonders aber Menschen mit psychischen Problemen und Traumata.

Wer sich verfolgt fühlt, sollte keinen Kontakt mehr zum Heiler aufnehmen, empfiehlt die Beraterin. "Achten Sie darauf, was Ihnen guttut und was Ihnen hilft, sich besser und sicherer zu fühlen. Sprechen Sie mit Freunden über das Erlebte."

Hilfe für Betroffene:
Sekten-Info Nordrhein-Westfalen
Tel.: 0201-234646

Von Heike Dierbach / GesundLeben

Wissenscommunity