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stern-Gespräch

Tipps vom Pflegeexperten: Wie Sie erkennen, ob ihre Angehörigen im Pflegeheim vernachlässigt werden

Armin Rieger, früher selbst Betreiber eines Pflegeheims, gibt Ratschläge zur Wahl des Seniorenheims: Wann Sie anfangen sollten zu suchen, wie Sie Vernachlässigungen der Pflegebedürftigen erkennen und was es mit dem "Pflege-TÜV" auf sich hat.

Seniorenheim – Wie finde ich eine gute Einrichtung?

"Selbstverständlich ist es Gold wert, wenn man Menschen kennt, die selbst Angehörige in einem bestimmten Seniorenheim haben."

Herr Rieger, der jüngste Prüfbericht der Krankenkassen hat teils gravierende Pflegemängel festgestellt. Lief in Ihrem früheren Heim alles perfekt?

Nein. Ein Heim ohne Mängel gibt es nicht. Nirgendwo.

Wie finde ich dann das richtige Pflegeheim?

Das "richtige" Heim gibt es leider auch nicht. Es muss zu dem Menschen passen, der dort lebt.

Und wie finde ich als Angehöriger heraus, was passt?

Selbstverständlich ist es Gold wert, wenn man Menschen kennt, die selbst Angehörige in einem bestimmten Pflegeheim haben. Aber das ist nur selten der Fall. Generell erfordert die Suche Kraft, Geduld und Engagement. Wenn Angehörige nur die Preisliste sehen wollen, spricht das für sich.

Wie mache ich es besser?

Bedarf erkennen, rechtzeitig handeln, vor Ort recherchieren.

Der Reihe nach.

Die erste Frage ist doch: Welche Art Pflege braucht mein Vater, meine Mutter überhaupt? Ein gebrechlicher Mensch, der geistig noch topfit ist, sollte anders untergebracht sein als ein schwer Demenzkranker. Weil der Umgang mit fortgeschrittener Demenz auch für die anderen Bewohner des Pflegeheims eine Belastung sein kann.

Warum finden Sie es so wichtig, das Thema früh anzugehen?

Weil damit im Idealfall allen geholfen ist: dem Pflegefall und Ihnen als Angehörigem. Speziell wenn es sich um eine beginnende Demenz handelt, ist vorausschauendes Handeln wichtig. Die Wartelisten in Heimen für Demenzkranke sind häufig lang. Angehörige unterschätzen das meist. Die saßen früher vor mir und bettelten um einen Platz. Weil sie die häusliche Pflege an die Grenze ihrer Belastbarkeit gebracht hatte.

Sollte das Heim am Wohnort des Pflegebedürftigen sein oder in der Nähe von Kindern oder Verwandten?

Ich halte die Nähe zu Verwandten für wichtig. Angehörige sind die beste Heimaufsicht. Sie merken am besten, wenn etwas mit der Pflege nicht stimmt. Sofern sie sich regelmäßig kümmern.

Und wenn die Hilfsbedürftigen unbedingt im gewohnten Umfeld bleiben wollen?

Dann muss man das akzeptieren – wobei sich speziell Demenzkranke oft eher an die Orte ihrer Kindheit zurücksehnen und nicht dorthin, wo sie zuletzt gewohnt haben.

Wie recherchiere ich vor Ort?

Reingehen ins Heim und beobachten. Anders geht es nicht.

Worauf konkret achten?

Der erste Eindruck ist der wichtigste. Ich muss buchstäblich der eigenen Nase vertrauen. Wie riecht es in dem Heim? Muffig vielleicht oder gar nach altem Urin? Anderer Tipp: Setzen Sie sich zur Mittagszeit in den Speisesaal.

Ihr Ernst?

Ja, natürlich, da erfahren Sie viel über die Atmosphäre im Haus. Und bekommen auch ein Gespür für das Personal: Wie gehen die Pflegekräfte mit den alten Leuten um? Und wie miteinander? Wenn Sie da einen guten Eindruck haben, bitten Sie um ein Gespräch mit der Heimleitung, und fragen Sie nach Details.

Nach welchen?

Wie ist der Pflegeschlüssel? Sind Pflegekräfte ausschließlich für die Pflege zuständig, oder müssen sie auch hauswirtschaftliche Aufgaben übernehmen? Hat das Heim ein Außengelände, auf dem sich die Bewohner ohne Aufsicht bewegen dürfen?

Welche Beschäftigungsangebote gibt es? Und: Wird frisch gekocht? Freude an gutem Essen ist häufig die einzige Lust, die alten Menschen noch bleibt.

Angehörige suchen objektive Kriterien für die Beurteilung eines Heimes.

Was halten Sie vom "Pflege-TÜV"?

Gar nichts. Der Pflege-TÜV ist eine Farce, eigentlich Betrug an den Menschen. Der Begriff "TÜV" suggeriert eine Art neutrale Prüfinstanz. Aber das ganze Prozedere wurde ja von den Pflegeheimträgern ersonnen, um nach außen gut dazustehen. Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung muss nach Kriterien prüfen, welche die Betreiber selbst festgelegt haben. Das ist so, als würden sich Abiturienten ihre Prüfungsaufgaben selbst suchen.

Können Sie Beispiele nennen?

Wenn Sie bei einem Bewohner einen Dekubitus, also Wundliegen, gut dokumentieren, bekommen Sie die beste Bewertungsnote, eine Eins. Aber Wundliegen entsteht auch durch fehlende Mobilisation. Warum ein Mensch einen Dekubitus hat, interessiert beim Pflege-TÜV überhaupt nicht. Dokumentiert ist dokumentiert – bedeutet Note Eins. Anderes Beispiel: Für das Essen bekommen Sie die Note Eins, wenn Sie eine Speisekarte in gut leserlicher Schrift erstellen. Aber welchen Fraß Sie den Menschen zumuten, das wird nicht gecheckt. In meinem früheren Heim haben wir für das Essen die Note Fünf bekommen, obwohl wir täglich frisch kochten. Ganz einfach, weil ich mich aus Protest gegen das Bewertungssystem weigerte, die entsprechenden Unterlagen herauszugeben. Auf diese Note war und bin ich stolz.

Wenn sich ein Pflegeheimleiter im Erstgespräch mit einer guten Bewertung beim Pflege-TÜV rühmt …

… wäre das für mich ein Warnsignal, dass ich hier belogen werde. Sie können natürlich auch mal nachfragen, ob man Ihnen den internen Prüfbericht zeigt. Es gibt ja zwei Bewertungen: Die erste, Pflege-TÜV genannte, ist für die Außenwirkung gedacht. Aber die echten Versäumnisse und Probleme der jeweiligen Einrichtung stehen in einem zweiten, internen Prüfbericht. Und den rückt niemand raus.

Was tun, wenn im gewählten Heim etwas schiefläuft?

Fehler passieren überall. Denn praktisch überall arbeiten die Menschen am Limit. Aber der Pflegebedürftige und Sie als Angehöriger haben ein Recht darauf, dass die vertraglich vereinbarten Leistungen auch tatsächlich erbracht werden. Geschieht dies nicht, sprechen Sie die Probleme offen an. Sollte sich nichts ändern, dokumentieren Sie die Missstände, auch mit dem Fotoapparat Ihres Smartphones. Wenden Sie sich an den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung, bei gravierenden Verstößen an die Staatsanwaltschaft – oder an die Lokalpresse.

Screenshot eines Bildes von Jana Langer, daneben ihr Brief an Jens Spahn
Interview: Tobias Schmitz
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