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Tatsache oder Trugschluss: Hilft Rotlicht bei Erkältung?

Die Nase ist zu, die Augen tränen, der Rachen schmerzt: Wer über typische Erkältungssymptome klagt, bekommt schnell Rotlicht empfohlen. Doch hilft es auch?

Von Lea Wolz

Rotlicht gegen Erkältung - ein Klassiker. Doch hilft die Tiefenwärme auch?

Rotlicht gegen Erkältung - ein Klassiker. Doch hilft die Tiefenwärme auch?

Macht abends essen dick? Ist es schädlich, den Deckel des Joghurtbechers abzulecken? Gibt es süßes Blut? Der nimmt in loser Reihenfolge Alltagsmythen unter die Lupe. 

Hilft Rotlicht bei Erkältung?


Die Auflösung

"Tiefenwärme hilft bei ", hatte schon Oma empfohlen und die Rotlichtlampe hervorgeholt. Doch wer kennt nicht die inneren Zweifel, wenn man zehn bis fünfzehn Minuten in rotes Licht getaucht dasitzt, die Augen geschlossen, mit ausreichend Zeit zum Nachdenken und sich fragt: Bringt das hier eigentlich was?

Zunächst die Enttäuschung: Belege, dass es hilft, gibt es leider nicht. Das merken auch die Autoren der Leitlinie zur Behandlung der Rhinosinusitis, wie die Nasennebenhöhlenentzündung in der Fachsprache genannt wird, an. Allerdings bestehe "zumindest die theoretische Möglichkeit von positiven Effekten". Soll heißen: Ist die Nase entzündet und verstopft und setzen uns Erkältungsviren zu, kann Wärme hilfreich sein.

Ein strahlt im Infrarotbereich, der zwischen dem sichtbaren Licht und den für das menschliche Augen unsichtbaren Mikrowellen liegt. Infrarotwellen sind nicht sichtbar, das rote Licht der Lampe stammt von der Beschichtung und signalisiert im Prinzip nur, dass die Lampe brennt. Das Infrarotlicht wird auch als Tiefenwärme bezeichnet. Tatsächlich gelangt es aber nicht tief in den Körper, wie sich mancher vorstellen mag, sondern dringt nur wenige Millimeter in die Haut vor.  

"Angeblich soll durch die Rotlicht-Wärme die Durchblutung gefördert werden", sagt Jens Meyer, Chefarzt der HNO-Abteilung an der Asklepios Klinik St. Georg in Hamburg. Das soll wiederum gut fürs Immunsystem sein. Doch dieser Effekt sei bis jetzt nicht nachgewiesen. Wobei Meyer einräumt: Das Interesse, wissenschaftlich wertvolle und teure Studien zu Rotlichtlampen bei Erkältung durchzuführen, sei nicht gerade groß. Dass bis jetzt die Wirkung nicht gezeigt wurde, kann schlichtweg daran liegen und heißt nicht, dass Rotlicht nicht hilft.

Der eine mag Wärme, der andere Kälte

"Aus den Praxen ist die Rotlichtbehandlung allerdings komplett verschwunden", sagt Meyer. Noch vor zehn bis fünfzehn Jahren sei eine Rotlicht- oder Kurzwellentherapie ein Standard bei entzündeten Nasennebenhöhlen gewesen. "Das macht heute kein Arzt mehr." Meyer vermutet daher, dass die Wärmebehandlung eher ein Placeboeffekt ist. Wer die Rotlichtlampe hervorholt, hat das Gefühl, etwas gegen seine Erkältung zu tun. Und wer dazu noch Wärme gegen eine Erkältung als wohltuend empfinde, profitiere möglicherweise ebenfalls.

"Das ist allerdings individuell", sagt der HNO-Arzt. Denn die Körpertemperatur schwankt bei einer Erkältung: Den einen fröstelt es, und er verkriecht sich daher samt Wärmflasche unter die Bettdecke. Der andere schwitzt, während sein Körper die Viren bekämpft - kalte Wadenwickel empfindet er daher als angenehm.

"Letztendlich ist die Wirkung von Rotlicht ein Wärmeeffekt", sagt Meyer. Wer das Gefühl hat, dass die Behandlung ihm gut tue, könne sich ruhig vor die Lampe setzen. "Richtig angewendet, hat es in der Regel keine Nachteile", sagt der HNO-Arzt. Großen Versprechen von Herstellern - etwa, dass die Nase nach der Behandlung freier ist, festsitzender Schleim durch das Infrarotlicht gelöst wird - sollte man allerdings nicht zu viel Glauben schenken. "Das ist nicht belegt", sagt Meyer.

Abstand halten, Augen schließen

Abraten würde er von Rotlicht unter anderem bei akuten Mittelohrentzündungen. Durch die Wärme könne sich der Krankheitsverlauf verschlimmern. Wer unter schweren Herz-Kreislauf-Problemen leidet oder bereits einmal einen Schlaganfall hatte, sollte ebenfalls vorsichtig sein. Bei Kleinkindern unter zwei Jahren rät Meyer ebenfalls zur Zurückhaltung. "Kinder in diesem Alter können noch nicht gut mitteilen, wenn es zu heiß wird oder die Schmerzen zunehmen." Zudem sei bei ihnen der häufigste Grund für Fieber eine Mittelohrentzündung. "Das sollte man besser beim Kinderarzt abklären lassen."

Grundsätzlich ist es wichtig, einen ausreichenden Abstand zur Lampe einzuhalten. Denn die Strahlung dringt zwar nicht tief in die Haut ein, sie kann aber - aus zu geringer Entfernung - Verbrennungen verursachen, auch auf den Augen. Diese müssen daher bei der Behandlung geschlossen bleiben. "Wie weit der Abstand sein sollte und wie lange die Behandlung dauern darf, variiert leicht von Gerät zu Gerät und ist in der Bedienungsanleitung nachzulesen", sagt Meyer.

Der HNO-Arzt rät dazu, beim Kauf einer Rotlichtlampe auf die DIN-Nummer zu achten. Durch diese ist zumindest sichergestellt, dass es sich um ein geprüftes und zugelassenes Medizinprodukt handelt. Wer die alte Rotlichtlampe aus dem Keller holt und sich nicht sicher ist, ob diese noch einsatzbereit ist, kann ein Fachgeschäft aufsuchen und sie dort überprüfen lassen. "Notfalls lässt sich die Birne ja austauschen", sagt Meyer.

Fazit:

Rotlicht verkürzt die Erkältung und befreit die Nase vom Schleim? Bewiesen ist das nicht. Bei der Infrarotstrahlung handelt es sich letztlich um Wärme. Wer das Gefühl hat, dass ihm diese bei einer Erkältung gut tut, kann die Lampe ruhig anwerfen. Richtig angewendet, hat die Behandlung zumindest keine negativen Folgen. Lediglich bei Mittelohrentzündungen, bei Herz-Kreislauf-Problemen oder bei kleinen Kindern sollte man vorsichtig sein.