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Großbritannien Hoher Anteil der Corona-Patienten in britischen Krankenhäusern ist geimpft – warum das gute Nachrichten sind

Britisches Gesundheitssystem am Limit
Die Krankenhäuser in Großbritannien arbeiten bereits wieder am Limit.
© Peter Byrne / Picture Alliance
In Großbritannien füllen sich die Krankenhäuser wieder mit Corona-Patienten. Hunderte täglich werden eingeliefert. Viele davon sind bereits geimpft. Das ist eine gute Nachricht, wie zwei Modellrechnungen zeigen.

Großbritannien steckt mitten in der vierten Corona-Welle. Zu Spitzenzeiten meldete das Land Mitte Juli 50.000 Neuinfektionen täglich. Trotzdem machten sich die Briten frei, frei von der Maskenpflicht, frei von Abstandsregelungen und in den Clubs wird wieder getanzt. Die hohe Impfquote erlaube, so das Argument der Regierung, auch höhere Inzidenzen. Das kommt nicht ohne Nebenwirkung. Die Krankenhäuser füllen sich mit Corona-Patienten. Hunderte werden täglich eingeliefert, das Gesundheitssystem sei wieder am Limit. Und: 40 Prozent dieser Patienten sind geimpft, mindestens einmal. Wie kann das sein?

Die Briten haben Tempo gemacht und die Impfkampagne zügig vorangebracht. Inzwischen sind 70 Prozent der Erwachsenen vollständig geimpft, 88 Prozent haben mindestens eine Impfdosis im Arm. Das ist ordentlich. Schließlich verspricht die Impfung einen hohen Schutz vor schweren Krankheitsverläufen und gilt als wichtigstes Werkzeug im Kampf gegen die Pandemie. Aber, auch das ist bekannt, sie bietet keinen 100-prozentigen Schutz. So verhindert beispielsweise das Vakzin von Biontech laut Zulassungsstudie zu 95 Prozent Corona-Erkrankungen mit ursprünglichen Varianten. Eine vollständige Impfung mit Biontech/Pfizer schützt laut britischer Daten zudem zu 96 Prozent vor einer Krankenhauseinweisung wegen einer Delta-Infektion. 

Anteil Geimpfter in Krankenhäusern wächst

Das heißt zum einen, dass Ansteckungen trotz Impfungen möglich sind und zum anderen, dass der Anteil der geimpften Erkrankten in den Krankenhäusern mit der Impfquote steigt. Dass das aber kein Grund zur Sorge ist, sondern durchaus positiv interpretiert werden kann, zeigen zwei Modellrechnungen der "Financial Times". 

Sind von einer Million Menschen 92 Prozent vollständig geimpft, bleiben 80.000 übrig. Ausgehend von der Überlegung, dass sie sich mit einer zweiprozentigen Wahrscheinlichkeit mit Corona infizieren und Symptome entwickeln, wären das 1600. Entwickeln davon 10 Prozent schwere Verläufe, ergibt sich eine Zahl von 160 Erkrankten, die im Krankenhaus behandelt werden müssten. Auf der anderen Seite stehen 110 Hospitalisierte bei den 920.000 vollständig Geimpften, wenn man die Wirksamkeit der Impfstoffe in Bezug auf Infektion (etwa 80 Prozent) und schwere Erkrankung  (etwa 70 Prozent) einberechnet. Das ergibt ein Verhältnis von 60/40 bei insgesamt 270 Corona-Patienten, die im Krankenhaus behandelt werden müssen.

Welchen positiven Einfluss die Impfungen auf die Krankenhausbelegung haben, offenbart die zweite Beispielrechnung. Dabei wendete die "FT" exakt die gleichen Prämissen an, senkte die Impfquote aber auf 70 Prozent, was zu einem Anstieg von 270 auf 684 Hospitalisierte führte. Und zu einer Verschiebung. Denn je weniger vollständig Geimpfte in der Rechnung sind, desto weniger von ihnen können auch schwer erkranken. Von den 700.000 komplett Geimpften wären es dann "nur" noch 84, dafür knackige 600 unter den noch nicht vollständig Immunisierten (88 Prozent). Das bedeutet also, dass mit steigender Impfquote der Anteil der doppelt Geimpften, die im Krankenhaus behandelt werden, zwar wächst, die Gesamtzahl der schwer Erkrankten aber abnimmt.

Ungeimpfte im Fokus

Dass also aktuell so viele vollständig geimpfte Corona-Patienten in britischen Krankenhäusern behandelt werden müssen, ist, nimmt man es genau, ein Erfolg der Impfkampagne. Für Experten ist diese Entwicklung keine Überraschung. Der britische Regierungsberater Patrick Vallance nannte diese Entwicklung unvermeidlich. "Wenn jeder Erwachsene geimpft wäre, wäre jeder, der sich mit dem Virus infiziert, vollständig geimpft", zitiert ihn das "Handelsblatt". Bleibt man dem Rechenmodell der "FT" treu, würde dies also bedeuten, dass von einer Million Menschen trotz 100-prozentiger Impfquote 120 im Krankenhaus behandelt werden müssten. Ein sehr geringer Wert.

Bis Ende September will Premierminister Boris Johnson alle erwachsenen Briten geimpft haben. Das wird nicht einfach. Allein in der Gruppe der 18- bis 30-Jährigen sind noch etwa drei Millionen nicht geimpft. Mit Druck will Johnson sie von der Spritze überzeugen. Ab Oktober soll nur noch Zutritt in die Nachtclubs haben, wer geimpft ist. Gerade unter den Jüngeren grassierte das Delta-Virus zuletzt am heftigsten. Auch das ist keine Überraschung. Dass sich mit zunehmender Impfquote vor allem Ungeimpfte infizieren werden, davor warnen Experten schon länger. Hinsichtlich einer vierten Welle in Deutschland, sagte der Präsident der Gesellschaft für Virologie, Ralf Bartenschlager der Deutschen Presse-Agentur (Dpa) in der vergangenen Woche: "Sie wird vor allem nicht immune Menschen treffen, deren Anzahl mit der Zeit immer kleiner werden wird."

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Impfmüdigkeit versus vierte Welle

Mit der Zeit ist das Stichwort. Denn auch in Deutschland sind noch Millionen Menschen ungeimpft, knapp die Hälfte ist vollständig immunisiert. 61 Prozent hat mindestens eine Erstimpfung erhalten. Auch hierzulande ist die Impfmüdigkeit derzeit groß. Zu Spitzenzeiten wurden in Deutschland mehr als 1,4 Millionen Impfstoffdosen täglich verabreicht, am Montag waren es nur noch rund 313.000. Nur rund ein Fünftel dieser Impfungen waren Erstimpfungen. 

"Relativ gesehen, werden dank der Impfungen weniger Erkrankte mit der Delta-Variante einen schweren Verlauf nehmen – das sieht man schon in Großbritannien", so Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), zur "Dpa". "Was wir allerdings immer dabei bedenken müssen: Wir haben viele, viele Millionen Menschen noch nicht oder noch nicht komplett geimpft. Wenn dann die Rate an Neuinfektionen um ein Vielfaches höher ist, kann die Zahl der Patienten absolut genauso hoch werden wie in der zweiten und dritten Welle." 

tpo

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